Der beste Stürmer der Welt

15 Tore in den letzten vier Wochen: Keiner trifft zurzeit wie der Pole Robert Lewandowski. Heute spielt er in der Champions League mit Bayern gegen Arsenal.

Neben dem Platz versteckt Lewandowski seine Emotionen – beim Jubel liess er sie zuletzt häufig raus. Foto: Alex Grimm (Getty)

Neben dem Platz versteckt Lewandowski seine Emotionen – beim Jubel liess er sie zuletzt häufig raus. Foto: Alex Grimm (Getty)

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Das Jahr, in dem er einen Rekord nach dem anderen aufstellen sollte, begann für Robert Lewandowski mit einem verräterischen Wutanfall. Die Wut kam nicht spontan, sie war stundenlang gestiegen. Sie platzte ungehalten aus ihm heraus, weil sich Lewandowski in dem bedroht sah, was ihm als Fussballer am wichtigsten ist: seine Ehre als Torjäger.

Ein Januarabend in Katar, der Tag nach der Gala zur Wahl des Weltfussballers. Gewonnen hatte Cristiano Ronaldo, vor Lionel Messi, vor Manuel Neuer. ­Lewandowski als Captain der polnischen Nationalmannschaft hatte ebenfalls abgestimmt, auf Platz eins hatte er Ronaldo, den Mann der vielen Tore ­gesetzt, auf Platz zwei Neuer, den Mann der vielen verhinderten Tore. Seinen Mitspieler. Bei Bayern reichte diese Reihenfolge, um ein Aufreger zu werden.

Am Morgen nach der Gala, im Trainingslager in Doha, sagte Lewandowski dem «Kicker», dass seine Wahl «ein Fehler» gewesen sei, inzwischen würde er «ganz klar» Neuer wählen und nicht den Endlos-Torschützen Ronaldo. Am Mittag sagte Sportvorstand Matthias Sammer, dass sie in der Mannschaft über Lewandowskis Stimmenvergabe gesprochen hätten, nun sei alles «okay». Am Abend jedoch, nach einem unbedeutenden Testspiel, kam der sonst so gleichgültige Lewandowski aus der Kabine gestürmt, er streckte seinen Finger aus und schimpfte über die «Scheisse», die geschrieben worden sei. Kurz vor Mitternacht tippte der 27-Jährige, offenbar schlaflos vor Wut: «Ich bin mir bewusst, wen ich gewählt habe, und habe nicht vor, mich dafür zu entschuldigen.»

Es war viel Aufregung um wenige Worte. Aber Lewandowski, der seine Gefühle sonst hinter einem Pokerface versteckt, hatte in seiner Wut offenbart, was ihn antreibt und was er bewundert: Tore, Tore, Tore.

Nun, ein Dreivierteljahr später, trifft der Angreifer selbst in eiskalter Selbstverständlichkeit. Fünf Tore in neun Minuten gegen Wolfsburg, zwei Tore gegen Mainz, drei Tore gegen Zagreb, zwei Tore gegen Dortmund, zwei Tore für Polen gegen Schottland, eins gegen Irland. 15 Tore in vier Wochen. So sicher trifft Lewandowski in diesem Herbst, dass sein torloses Spiel am Samstag gegen Bremen so wirkte, als ob er sich ein paar Treffer lieber für die Champions-League-Partie heute in London gegen Arsenal aufgehoben hätte.Im Herbst 2015, in dem Messi verletzt ist, und in dem Ronaldo bisher nur dreimal traf, ist Lewandowski also endlich das, was er seit Jahren werden will: der beste Stürmer der Welt.

Langsam hatte er sich diesem Ziel ­genähert, Liga für Liga, Wechsel für Wechsel, Tor für Tor war er weiter nach oben gekommen. Und er hatte dabei ­gelernt, dass es meistens von Vorteil ist, sein ­Pokerface zu bewahren.

Torschützenkönig, überall

Lewandowski, die Eltern beide Sportlehrer, der Vater in seiner Jugend Europameister im Judo, die Mutter Erstliga-Volleyballerin, bekam früh beigebracht, dass drei Dinge für einen Athleten wichtig sind: Beharrlichkeit, Disziplin, ­Geduld. Eigenschaften, die er gerade zu Beginn seiner Karriere gebraucht hat. In den Jahren, in denen es für ihn nur schleppend nach oben ging.

Anders als Messi wurde Lewandowski nicht in einer Talentschmiede wie La Masia in Barcelona ausgebildet, anders als Ronaldo wechselte Lewandowski nicht schon als Teenager zu einem internationalen Topclub wie Manchester United. Lewandowskis Profikarriere begann bei Delta Warschau. In der vierten polnischen Liga. Bald wechselte er in die zweite Liga, von dort allerdings auch wieder zurück in die dritte Liga, da war er 18 Jahre alt. Dann erst begann sein langsamer, unaufhörlicher Aufstieg.

In der ersten Saison für Znicz Pruszkow erzielte er 15 Tore, er wurde Torschützenkönig. In der zweiten Saison, dann schon in der zweiten Liga, schoss er 21 Tore, wieder wurde er Torschützenkönig. Er ging zum Erstligisten Lech Posen, wurde Cupsieger, Meister, Torschützenkönig. Lewandowski wechselte ins Ausland, nach Dortmund, diesmal hatte er einen schweren Start. Er traf zunächst kaum, die Boulevardzeitungen nannten ihn «Lewandoofski». Doch sie unterschätzten seine Beharrlichkeit, seine Disziplin, seine Geduld.

Berater fürs Grobe und Derbe

Im Dortmunder Überfallfussball unter Jürgen Klopp entwickelte er sich zu dem Spieler, der all die Geschwindigkeit, all den Schwung bündelte und zuspitzte. Lewandowski wurde der Zielpunkt aller Konter, gerne eingesetzt durch lange Bälle, die er fast tänzelnd in vollem Lauf annahm. Er wurde mit Dortmund zweimal Meister, schoss im Pokalfinal 2012 drei Tore gegen Bayern, im Champions-League-Halbfinal 2013 vier gegen Real Madrid. Und er wurde, erneut, Torschützenkönig, im Sommer 2014, am Ende seiner letzten Saison in Dortmund.

In den vier Jahren für die Borussia hatte er also seinen Ruf als der Mann für die vielen Tore gestärkt. Aber auch seinen Ruf als der Mann mit dem Pokerface.

Dass Lewandowski stets ein Unschuldsgesicht bewahren darf, verdankt er Cezary Kucharski, seinem Mann fürs Grobe und Derbe. Kucharski war früher selbst Nationalstürmer, Mitte der Neunzigerjahre spielte er zwei Jahre lang für den FC Aarau, heute sitzt er im polnischen Parlament. 2006, Lewandowski spielte für Znicz Pruszkow in der zweiten Liga, beobachtete ihn Kucharski bei einem Training. Er sah, erzählte er einmal, einen dünnen Jungen mit schlechter Körperhaltung. Er sah aber auch einen dünnen Jungen mit einem selten harten, platzierten Schuss. Wenig später war ­Kucharski Lewandowskis Berater. Seitdem treibt er dessen Karriere voran, hat ihn berühmt und reich gemacht, und sich selbst dabei gleich auch noch.

Als Lewandowski 2010 nach Dortmund wechselte, klagte BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke über «einen der kompliziertesten Transfers, die wir bisher auf die Beine gestellt haben». Kucharski und Maik Barthel, ein ehemaliger Scout von 1860 München und ebenfalls Berater Lewandowskis, wissen um die Fähigkeiten ihres Stürmers. Und wissen, welchen Wert sie haben. Knallhart verhandeln sie, manche sagen auch: an den Grenzen des Anstands.

Dass Lewandowski aus Dortmund wegwollte, stand früh fest, spätestens, als Kucharski immer wieder stichelte. «Die Funktionäre von Borussia Dortmund wissen, wo er nächste Saison spielen wird», sagte der Berater im Frühjahr 2013. Der Angreifer blieb dann doch noch ein Jahr, verbunden mit einer mächtigen Gehaltserhöhung. Sein Wechsel nach München war schon beschlossen, da verhandelte Kucharski noch einmal mit Real Madrid. Da ging es aber vor allem um eines: um noch mehr Geld.

Und Lewandowski? Erzielte weiter ein Tor nach dem anderen, sagte nichts Falsches, manchmal auch überhaupt nichts. «Ich kann meine Gefühle, meine Wut gut verstecken», sagte er einmal, «alles andere bringt einen nur aus dem Gleichgewicht, stört die Konzentration.»

Diese innere Ruhe zu bewahren, sich ganz auf das Wesentliche zu fokussieren, lernte Lewandowski schon als Jugendlicher. Als er 16 Jahre alt war, starb sein Vater. Das wenige Geld, das er durch den Fussball verdiente, vor allem aber das grosse Geld, das er sich durch den Fussball erhoffte, sollte ihn selbst, seine Mutter und seine ältere Schwester ernähren. Also wurde er noch beharrlicher, noch disziplinierter, noch geduldiger. Und ­i­mmer blieb er bescheiden.

Bescheiden trotz Luxusvilla

Mit Lewandowskis Fähigkeiten geben weiterhin nur seine Berater an; wenige Minuten nach den fünf Toren gegen Wolfsburg soll Kucharski im polnischen Fernsehen gesagt haben, er habe einen «Plan für das weitere Leben von Robert im Kopf». Er sprach davon, dass sich dessen Marktwert weiter erhöht habe und dass es in Spanien «die beste Umgebung für Fussballer» gebe. Später dementierte er die Sätze. Lewandowski dagegen lief nach dem Spiel aus dem Stadion, in den Händen hatte er den Spielball. Mit den Unterschriften all seiner Mitspieler.

Der Pole soll in den fünf Jahren in München knapp 60 Millionen Euro verdienen, aber er prahlt nicht mit ­seinem Luxus. Er lebt zwar in einer Villa in Bogenhausen, 600 m² Wohnfläche, Sauna, Schwimmbad, Fitnessraum, aber es ist in erster Linie ein Rückzugsort. Ein Ort, um sich ungestört auf das Toreschiessen vorzubereiten. Mit seiner Frau Anna, 2008 Bronzemedaillengewinnerin bei der Karate-WM in Tokio, geniesst er das Leben als Leistungssportler.

So hat er es zum besten Stürmer der Welt geschafft, vorerst für ein paar Wochen im Herbst. Aber der Antrieb ist geblieben. Noch hat ihn niemand aus dem Gleichgewicht bringen können.

Erstellt: 19.10.2015, 23:36 Uhr

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