Porträt

Der coole Skeptiker

Vladimir Petkovic wird Nachfolger von Ottmar Hitzfeld. Er spricht drei unserer vier Landessprachen und arbeitete noch vor sechs Jahren als Sozialarbeiter bei der Caritas.

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Vladimir Petkovic hat zwei Heimatorte: Sarajevo und Locarno. Und das schon sagt einiges über das Leben des neuen Nationalcoachs der Schweiz, der nach der WM in Brasilien im Sommer 2014 Nachfolger von Ottmar Hitzfeld wird. 1963 kam Petkovic als Sohn eines Lehrerehepaars zur Welt. Sarajevo war in jenen Jahren eine quirlige Stadt, in der die Kulturen aufeinandertrafen, Bosnier, Serben, Kroaten, in der Menschen mit den verschiedensten Wurzeln friedlich zusammenlebten. «Ich stamme aus einer Stadt, die vor dem Krieg geprägt war vom Gefühl der Lebensfreude, einer gewissen Leichtigkeit, der Kunst», erzählte er vor Jahren.

1987 kam er als Fussballer in die Schweiz. Damals herrschte noch kein Krieg im ehemaligen Jugoslawien. Ein Regierungsentscheid erlaubte es Fussballern, ins Ausland zu gehen. Auf der Suche nach einem Profivertrag trainierte Petkovic während eines Monats mit dem FC St. Gallen. Zu einem Vertrag kam es nicht, er zog zum FC Chur. Damals war die Anzahl ausländischer Spieler pro Team beschränkt, das Kontingent beim FC St. Gallen mit Jurkemik und Metzler besetzt.

Der Traum, nur Trainer zu sein

Aus dieser Zeit kennt Petkovic den Agenten Vinicio Fioranelli, der damals beim FC St. Gallen wirkte und sein Beziehungsnetz in die italienische Serie A flocht. Fioranelli und dessen zwei Söhne zogen Jahre später auch die Strippen, als Petkovic im Frühling 2012 bei Lazio Rom anheuerte. Und jetzt ist es der Delegierte der Schweizer Nationalmannschaft, Peter Stadelmann, einst Vizepräsident und Transferchef des FC St. Gallen, der als grosser Fürsprecher von Petkovic auftritt.

Der neue Nationaltrainer ist im August 50 geworden und kennt die Facetten des Lebens. Vor sechs Jahren war er noch vollberuflich als Sozialarbeiter bei der Tessiner Caritas angestellt und trainierte die mittlerweile in Konkurs gegangene AC Bellinzona im Nebenamt. Damals half er Arbeitslosen, Sozialhilfeempfängern und Ausgesteuerten, wieder festen Grund unter den Füssen zu finden. Er versuchte sie zu motivieren, indem er sie aufforderte, die zur Verfügung gestellte Wohnung selber einzurichten, mit Möbeln, die sie beim Sozialamt oder bei der Caritas beziehen konnten.

Die Arbeit als Sozialarbeiter, Trainer, als Ehemann und Vater gab ihm Sicherheit und sorgte für ein abwechslungsreiches, ausgefülltes Leben. Den grossen Traum, dereinst das Geld ausschliesslich als Trainer zu verdienen, hegte er schon damals. Doch er verfolgte dieses Ziel nicht krampfhaft, sondern mit dem ihm eigenen Selbstvertrauen, die Chance am Schopf zu packen, wenn sich die Gelegenheit bieten würde.

Nach dem Aufstieg mit der AC Bellinzona in die Super League 2008 wurde sein Vertrag im Tessin nicht bestätigt, und die Young Boys verpflichteten den kroatisch-schweizerischen Doppelbürger. In Bern war er erstmals hauptamtlich als Trainer tätig und sorgte mit attraktivem Offensivspiel für spektakulären Fussball, dem ein Teil der YBFans jetzt noch nachtrauert. «Wir spielen ein elastisches 3-4-3», ist eine der Wortkreationen, der sich Petkovic oft bediente. Aber auch mit dem Ausnahmestürmer Seydou Doumbia schaffte es Petkovic nicht, einen Titel nach Bern zu holen. Nach seiner Entlassung 2011 kam nicht etwa der Karriereknick: Petkovic wurde vom türkischen Aufsteiger Samsunspor engagiert – und nach einem halben Jahr gefeuert.

Danach ging es wieder aufwärts. Nach einem Kurzengagement bei Sion kam das Angebot von Lazio Rom. Und jetzt folgt der praktisch nahtlose Übergang von Lazio Rom, mit dem er nach dem Cupsieg 2012 diese Saison abgesunken ist, zum Nationalcoach. Petkovic kennt die Deutschschweiz, die Romandie, das Tessin, in allen drei Landesteilen war er als Fussballer engagiert, und er sagte einst: «Ich kann von der Mentalität her kein richtiger Schweizer sein, aber ich habe mich assimiliert. Man muss die Umgebung, in der man lebt, akzeptieren und persönlich etwas geben. Dann bekommt man auch etwas zurück.» Seinen familiären Ankerplatz hat der Vater von zwei erwachsenen Töchtern in Locarno. Im Unterschied zu Hitzfeld ist er ein Sprachtalent. Er spricht drei unserer vier Landessprachen, seine Muttersprache ist Kroatisch, und in der Schule hat er Russisch gelernt.

George Clooney des Fussballs

Mit seinen stattlichen 1,90 m, dem grau melierten Haar und einer gewissen coolen Zurückhaltung bei öffentlichen Auftritten hinterlässt er Eindruck. Von Anouk Challandes, der Frau von Bernard Challandes, stammt der auf Petkovic gemünzte Ausdruck: «George Clooney der Fussballtrainer».

Er wirkt manchmal in sich gekehrt. Ob ihn seine Lebenserfahrung zum Skeptiker gemacht hat, ist schwer zu ergründen. Jedenfalls sucht er Sicherheit mit engen Vertrauten. Er hat beim Verband durchgesetzt, dass mit dem 47-jährigen Italiener Antonio Manicone, einem ehemaligen Mittelfeldspieler, auch sein Assistent von Lazio zum SFV wechselt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.12.2013, 08:14 Uhr

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