Der kleine FCZ-Prinz kehrt zurück

Er stürmt nun für St. Gallen, aber sonst hat sich Alhassane Keita kaum verändert. Der frühere FCZ-Publikumsliebling spielt morgen nach sieben Jahren wieder im Letzigrund.

Immer noch dynamisch, antrittsschnell und treffsicher im Abschluss: Alhassane Keita.

Immer noch dynamisch, antrittsschnell und treffsicher im Abschluss: Alhassane Keita. Bild: Keystone

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Alhassane Keita ist spät dran an diesem Nachmittag. Als letzter Spieler eilt er herüber von der AFG-Arena, dem Stadion des FC St. Gallen, zu den Trainingsplätzen auf dem Gründenmoos. Dort angekommen, setzt er sich auf einen Getränkeharrass, durchnässt seine Schuhe mit Mineralwasser und erklärt auf Englisch: «Das Leder muss gut gefettet sein – dann kann ich schneller rennen.»

Früher, als er jünger war und für den FCZ spielte, war er öfter verspätet zum Training erschienen. Die afrikanischen Uhren tickten halt anders. Seit er in St. Gallen angekommen ist, passierte das dem kleinen Stürmer aus Guinea nicht mehr. «Die Bussen hier sind zu hoch», sagt er schmunzelnd. Dann klatscht er jeden der am Spielfeldrand stehenden Rentner ab und sprintet zur am Mittelkreis auf ihn wartenden Mannschaft. Eingepackt ist er in eine dicke Trainingsjacke. Dabei brennt die Sonne unerbittlich vom Himmel, eine Schafherde hat sich in den Schatten der Trennmauer zwischen der Sportanlage und den vier Autobahnspuren der A 1 gelegt. Trainer Jeff Saibene leitet die Übungseinheit in T-Shirt und kurzen Hosen. Er dirigiert, korrigiert, treibt an und tadelt auch hin und wieder, immer in seiner ruhigen, zurückhaltenden Art. Keita, das ist sofort zu sehen, wirkt austrainiert, er bewegt sich gut, ist immer noch dynamisch, antrittsschnell und treffsicher im Abschluss.

«En liebe Siech»

Beim FCZ war er einst als Chancentod bekannt, weil er sich zwar viele Möglichkeiten erarbeitete, die meisten aber nicht ausnützen konnte. Dennoch verabschiedete er sich 2006 als Meister und Torschützenkönig mit einer beeindruckenden Bilanz aus Zürich: In fünf Jahren hatte er für den Stadtclub in 131 Ligaspielen 58 Tore erzielt – 20 davon allein in der Saison 2005/06, als der FCZ nach 25 Jahren wieder Meister wurde. Und beim legendären 2:1-Sieg am 13. Mai 2006 im St. Jakob-Park in Basel war er es gewesen, der den FCZ 1:0 in Führung gebracht hatte.

Keita ist beliebt bei den Pensionierten vom Gründenmoos. «Er ist ein feiner Typ, fröhlich, anständig und immer gut gelaunt», bemerkt einer der Älteren, der bei jedem Training dabei ist. Und Saibene beschreibt Keita in der Kurzform: «En liebe Siech, den man einfach mögen muss.» Bis anhin ist er sehr zufrieden mit den Leistungen des Stürmers. Im Mai hatte der wochenlang allein oder in Einzeltrainings mit dem Physiotherapeuten geschuftet, um beim Saisonstart körperlich bereit zu sein. Sein letzter Einsatz lag lange zurück. Im Januar hatte er für den SC Dubai letztmals gespielt, danach auf Mallorca, wo seine Frau mit den beiden Kindern auch jetzt wohnt, nur noch die Beine hochgelagert und das Leben genossen. Saibene sagt: «Er ist ein Paradiesvogel. Aber ich spüre, dass er es noch einmal wissen und seine Karriere neu lancieren will.»

Viel reden und schnell rennen

Diese war ab August 2006 und dem Abgang vom FCZ zum saudischen Spitzenclub al-Ittihad aus Jiddah reichlich zwiespältig verlaufen. Der 1,69 m kleine Stürmer konnte sich weder in Saudiarabien, bei den spanischen Vereinen Mallorca und Valladolid, noch zuletzt bei verschiedenen Clubs in den Arabischen Emiraten wirklich durchsetzen. Er verdiente zwar viel Geld, als Fussballer aber stagnierte er. Saibene und sein Assistent Daniel Tarone, der beim FCZ noch mit Keita zusammenspielte, trauen dem Afrikaner in dieser Meisterschaft einiges zu – wenn auch nicht gerade die 25 Tore, die Keita vor dieser Saison in einer Sendung des Schweizer Fernsehens angekündigt hatte. Tarone sagt schmunzelnd: «Es ist immer noch der gleiche Keita wie in unserer gemeinsamen Zeit beim FCZ: Er quasselt drauflos, überlegt sich nicht jedes Wort, ist total unbeschwert und unbelastet. Eine Frohnatur, wie sie jede Mannschaft braucht.»

In St. Gallen hat Keita in vier Einsätzen in der Super League nur einen Treffer erzielt und ist im Sturm nicht gesetzt. Mit Goran Karanovic kämpft er um den einzigen Platz im Angriff. Momentan ist der Schweizer im Vorteil, weil die Mannschaft mit ihm in der Startformation in der Meisterschaft zuletzt gegen Basel und Lausanne vier Punkte geholt und auch in der Europa League gegen Spartak Moskau gut gespielt hat. Doch das kümmert keinen weniger als den kleinen Afrikaner mit dem grossen Selbstbewusstsein. Grinsend sagt er: «Keita bleibt Keita. Keiner rennt schneller. Ich würde mich immer aufstellen.»

Das Training ist beendet. Und jetzt hat Keita viel Zeit und Lust, über den FCZ und seine Zeit im Letzigrund zu plaudern. Die Brillanten in den beiden Ohren glitzern in der Sonne. «Wie geht es Mister Hotz?», fragt er und erinnert sich an den Walzer, den er mit dem Präsidenten nach dem Cupsieg 2005 gegen Luzern beim Empfang im Festzelt hinter dem Letzigrund tanzte. «Was machen Hermann Burgermeister und Fredy Bickel?», fährt er fort. Zum Masseur hat Keita über all die Jahre den Kontakt gewahrt – zum Sportchef hat er stets ein besonderes Verhältnis gehabt. Ständig forderte er von ihm ein höheres Salär. Und immer zum Saisonende verabschiedete er sich von ihm mit der Bemerkung, er werde nicht mehr nach Zürich zurückkehren, sondern nach den Sommerferien für einen ganz grossen Club in Europa spielen.

Geliebt wie Chassot und Tihinen

Bickel gerät ins Lachen, wenn er sich an einzelne Episoden mit Keita erinnert: wie dieser bei einer Zwischenlandung bei einem Flug ins Trainingscamp nach Abu Dhabi den Duty-free-Shop leerkaufte und danach die vielen Einkaufstaschen im Flugzeug gar nicht mehr verstauen konnte – oder wie er von der Polizei beim Letzigrund verhaftet und in Handschellen auf den Posten abgeführt wurde, weil er ein Stoppsignal überfahren hatte. Das brachte Keita viele Schlagzeilen in den Medien, den Spott der Mitspieler und eine Busse von 3000 Franken ein. «Alles längst vorbei», sagt Keita mit einem Schulterzucken.

Beim FCZ hatte er seine beste Zeit. Er schätzt Zürich, hier kam sein erstes Kind, eine Tochter, zur Welt. 19-jährig war er damals, heute ist er 30. Die Fans liebten ihn, gaben ihm den Kosenamen «kleiner Prinz» und liessen zur Melodie von «Vamos a la playa» seinen Namen hochleben. Es ist ein seltenes Privileg, von der Zürcher Südkurve mit einem eigenen Song gefeiert zu werden. Nur Club-Ikonen wie Fredy Chassot oder Hannu Tihinen wirde diese Ehre ebenfalls zuteil. Das weiss auch Keita. Er lächelt ein letztes Mal in die Sonne über dem Gründenmoos und fragt: «Werden sie auch für mich singen, wenn ich für St. Gallen dreimal treffe?»

Erstellt: 24.08.2013, 10:40 Uhr

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