Der neue Trainer hält YB bereits auf Trab

Christian Gross hält bereits Ausschau nach Neuverpflichtungen. Ehemalige Weggefährten äussern sich derweil zu dessen Chancen beim Traditionsklub.

Die erste Saison wird die schwierigste: Christian Gross bei seiner ersten Pressekonferenz für YB.

Die erste Saison wird die schwierigste: Christian Gross bei seiner ersten Pressekonferenz für YB. Bild: Keystone

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Wenn die Young Boys am Sonntag im Stade de Suisse unter Interimstrainer Erminio Piserchia gegen den direkten Konkurrenten FC Sion um Platz 3 kämpfen, wird der neue Trainer Christian Gross sein zukünftiges Team nicht aus einem Logenplatz beobachten. Er ist laut YB-Chef Ilja Kaenzig nicht im Stadion. Die Vermutung, dass sich Gross bereits mit der nächsten Saison beschäftigt und am Sonntag zukünftige YB-Spieler beobachtet, bestreitet Kaenzig nicht – im Gegenteil. «Christian Gross wird nicht nur Spieler beobachten, sondern mit ihnen Gespräche führen», sagt Kaenzig.

In der Abwehr und im Sturm sieht Gross noch Bedarf, aber Kaenzig sagt auch: «Wir haben nicht ein zusätzliches Budget erhalten für Neuverpflichtungen. Es werden insgesamt vier bis fünf neue Spieler kommen, zwei davon, Michael Silberbauer und Elsad Zverotic, sind bereits verpflichtet.» Die YB-Planung wird auch davon beeinflusst, ob die abwanderungswilligen Thierry Doubai und Senad Lulic tatsächlich bei einem anderen Verein unterschreiben.

Der Blick fürs Detail

Gross aber überlässt nichts dem Zufall – auch Details sind ihm enorm wichtig. Das war auch schon so, als er vor 23 Jahren seinen ersten Trainerjob beim FC Wil übernommen hatte. «Wir befanden uns damals in der 2. Liga und in Abstiegsgefahr», erinnerte sich der damalige Präsident Hansruedi Scherrer. Und noch heute schaut er voller Bewunderung zurück. «Zwei Jahre später spielten wir als Nationalliga-B-Klub in der Auf-/Abstiegsrunde für die NLA.»

Als Spieler-Trainer habe Gross damals noch im Vollamt als Marketingchef beim Sportartikel-Ausrüster Blacky gearbeitet, erzählt Scherrer. Blacky war damals auch Ausrüster der Schweizer Nationalmannschaft. Und Gross hat beim FC Wil umgehend professionelle Strukturen eingeführt. «Er achtete auch darauf, was die Spieler essen. Das war vor über 20 Jahren bei uns gar kein Thema. Gross hat jedem Spieler ein Buch mit dem Thema Ernährung überreicht», erinnert sich Scherrer. Die Mannschaft habe er kontinuierlich, «aber ganz human» umgebaut.Noch jetzt pflegen Scherrer und andere, ehemalige Vorstandsmitglieder des FC Wil Kontakt mit dem Ex-Trainer. «Vor zwei Jahren trafen wir uns zu einem Geburtstagsfest, und Christian Gross weiss immer noch gut Bescheid über den FC Wil.»

Fussball an erster Stelle

Das überrascht Erich Vogel nicht, der Gross 1965 als C-Junior vom SV Höngg zu GC geholt hatte, und ihn später, als Vogel seine Trainerepisode beim Xamax gab, auch nach Neuenburg lotste. «Gross interessiert alles, was mit Fussball zu tun hat. In Wil machte er seine ersten, wichtigen Erfahrungen als Trainer in einem Umfeld, in dem er sich wohlfühlte. Das wird er nicht vergessen.» Vogel holte 1993 Gross als Trainer zu GC, nachdem der damalige GC-Manager mit Startrainer Leo Beenhakker ein Waterloo erlebte und mit den Grasshoppers in die Abstiegsrunde musste.

Vogel ist überzeugt, dass er nach GC und dem FC Basel auch die Young Boys in die Champions League führen wird. «Aber Gross weiss natürlich auch, dass die erste Saison mit YB für ihn sehr wichtig ist. Die Investoren und die Fans erwarten im nächsten Jahr einen Titel. Er ist extrem fordernd auch gegenüber sich selbst.» Aber er fordere auch das Umfeld. «Kaenzig und Hansruedi Hasler werden nun von ihm ständig auf Trab gehalten.» Gross werde den Druck aufrechterhalten, bis der Naturrasen im Stade de Suisse verlegt ist und dazu die entsprechenden Trainingsplätze geschaffen sind. Vogel: «Er hat auch bei der Verpflichtung von neuen Spielern sehr genaue Vorstellungen.»Auch die Spieler werden sich umstellen müssen. «Einige YB-Spieler haben in den letzten Monaten gemerkt, dass Petkovic bei der Chefetage nicht mehr die volle Rückendeckung hatte, und haben das ausgenutzt, um sich Freiheiten herauszunehmen», weiss Vogel. «Das geht nun nicht mehr.»

Vogel glaubt nicht, dass zwischen Gross und Kaenzig Kompetenzprobleme aufkeimen könnten. «In den ersten Interviews, die Gross gegeben hat, hat der die Autorität von Kaenzig und von Hasler gestärkt. Er weiss genau, dass sie aufeinander angewiesen sind, um Erfolg zu haben.»Sowohl als Spieler wie auch als Trainer sei Gross kein Riesentalent gewesen. «Er hat sich alles mit sehr viel Ehrgeiz erarbeitet. Schon mit 26 Jahren hatte er alle Trainerdiplome erworben, die man in der Schweiz erreichen konnte. Ganz im Gegensatz zu anderen Spielern. Viele kümmern sich bis zum 30. Altersjahr nicht, was nach der Karriere als Aktiver kommen wird.»

Wer wird Assistent

Vogel sagt, er habe keine Ahnung, ob Gross als Assistenten Piserchio bestätigen wird oder einen seiner Vertrauensleute nach Bern bringt. «Ich bin gespannt, wie er entscheidet.» Gross holte während seiner Zeit beim VfB Stuttgart Jürgen Seeberger als Trainer der Amateure ins Schwabenland. Den Posten des Assistenten war mit Jens Keller bereits besetzt, ein Vertrauensverhältnis zu Keller entstand nie, und nach der Entlassung von Gross drängte sich Keller als Nachfolger selbst auf – bis er später auch entlassen wurde. Seeberger, der noch einen Vertrag für die nächste Saison hat, aber mit Unbill beim VfB rechnen muss, gibt sich zu diesem Thema zurückhaltend. Er würdigt die Zusammenarbeit mit Christian Gross als «hoch professionell, verbindlich und sehr vertrauenswürdig.»

Auch Fritz Schmid, der während zehn Jahren mit Gross zusammenarbeitete, lobt die Professionalität des neuen YB-Trainers. Ein halbes Jahr bevor Gross im Frühsommer 2009 den FC Basel verliess, kam es zur Trennung mit seinem langjährigen Assistenten. «Wir haben uns gut ergänzt, aber nach 10 Jahren begann das gegenseitige Vertrauen zu leiden», sagt Schmid, der seither mit Gross nicht mehr in Kontakt ist.Hanspeter Latour war zweimal, bei den Grasshoppers und während anderthalb Jahren in Basel, der Assistent von Gross gewesen, bevor Latour als Trainer zum FC Thun wechselte und die Oberländer 2002 in die höchste Spielklasse führte. Zurzeit arbeitet Latour als Referent und für Radio und TV. «Ich bin voll ausgelastet und zufrieden mit meinen Leben. Den Rücktritt als Trainer gebe ich aber nicht», sagt der 64-jährige Latour. «Ich lasse alles offen.» Er denkt, in Zukunft werde er sich wieder öfter mit Gross treffen. «Vielleicht gehen wir zusammen joggen, wie früher.» Auf die Frage, wer von beiden über die bessere Fitness verfüge, sagte der um sieben Jahre ältere Latour. «Der Chregu vermag mir knapp zu folgen.»

Erstellt: 14.05.2011, 08:46 Uhr

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