Der tiefe Fall einer Kultfigur

Der Fall Grosskreutz und die Folgen: Der VfB Stuttgart muss hoffen, dass die Fans die Trennung vom Publikumsliebling verstehen.

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Kevin Grosskreutz stand mit einigen Zehen, vielleicht sogar mit einem halben Fuss im WM-Finale. Er hatte die Trainingsjacke ausgezogen und trippelte schon am Spielfeldrand des Maracanã-Stadions in Rio - viel fehlte wirklich nicht, und der Name «Grosskreutz» wäre in die deutsche Fussballgeschichte eingegangen. Wäre Bastian Schweinsteiger nicht ruckartig von seinen Verwundungen auferstanden, wäre Grosskreutz als Einwechselspieler in der Finalaufstellung von 2014 verewigt gewesen - und wer in 15 oder 50 Jahren historische Fussballhelden nachgeschlagen hätte, wäre auf den Namen «Grosskreutz» gestossen.

Maracanã, Rio, Weltmeister: Auch diese mythischen Begriffe markieren die Fallhöhe in der aktuellen Grosskreutz-Geschichte, an die sich – das darf man Kevin Grosskreutz getrost wünschen - in 15 Jahren ausser den Beteiligten kaum einer mehr erinnern wird. Aber jetzt, im März 2017, ist die Geschichte gross, sie ist in jedem Fall grösser, als der VfB Stuttgart sich das wünscht – jener Verein, für den Grosskreutz zuletzt spielte, bevor die Parteien sich vorigen Freitag im sogenannten Einvernehmen trennten.

Stark vorbelasteter Profi

Grosskreutz, 28, war nicht lange in Stuttgart, 13 Monate nur, und doch galt er bei Teilen des Anhangs als Spieler, der nicht 2014, sondern eher 1954 im WM-Finale gestanden haben muss. Einige Anhänger haben in ihn eine Helden-von-Bern-Legende hinein gelesen, er stand irgendwie für die Werte der guten, alten Schwarz-Weiss-Zeit, ohne dass das jemand genau erklären konnte. Grosskreutz galt als Spieler aus der Elf-Freunde-müsst-Ihr-sein-Epoche, der sich auch nach einem Abstieg zum Klub bekennt - bei einem wie ihm zählte es auch irgendwie zur Folklore, wenn er sich mal im Döner-Wurf übte oder in der Kunst, Hoteltoiletten knapp zu verfehlen.

Man darf sehr sicher davon ausgehen, dass Grosskreutz' anekdotisches Vorstrafenregister bei der Bewertung des aktuellen Falles keine Rolle gespielt hat. Beim VfB haben sie sich die Trennung nicht leicht gemacht, aber sie wussten schnell, dass sie keine andere Wahl haben – zu gravierend war der nächtliche Vorfall, mit dessen Details und dessen Vorgeschichte sie beim VfB verständlicherweise weder herausrücken können noch wollen. Aber alleine die wenigen Ausschnitte, die inzwischen als Allgemeinwissen gelten – nächtliche Tour mit minderjährigen Jugendspielern des Vereins, inklusive Bordellbesuch, Alkohol und anschliessender schwerer Prügelei – haben den Spieler nicht mehr tragbar gemacht in diesem Verein, der auch ein öffentliches Unternehmen ist.

Denkbar schlechter Zeitpunkt

Mit welchen Argumenten soll der VfB, der gewissenhafte Jugendarbeit seit jeher zu seinem Markenkern zählt, künftig Eltern erklären, dass ihr 15-Jähriger im klubeigenen Nachwuchsleistungszentrum in guten Händen ist – wenn gleichzeitig Gerüchte durch die Stadt geistern, dass Talente hier von einem prominenten Profi eher schräge Laufwege gezeigt bekommen? Beim VfB sind sie stolz auf das seriöse pädagogische Personal in der Klubakademie; diesen Ruf wollen sie nicht aufs Spiel setzen, erst recht in einer Zeit, in der alle Klubs offensiv um Talente werben.

«Natürlich war das eine turbulente Woche, wir hätten uns das gern erspart», sagte Trainer Hannes Wolf am Sonntag, einen Tag vor der Partie bei Eintracht Braunschweig. Natürlich weiss Wolf, wie ungelegen die Aufregung gerade vor diesem Spiel kommt, in dem der VfB fast schon eine kleine Vorentscheidung im Aufstiegskampf erzwingen könnte.

Hoffen auf Verständnis der Kritiker

Der Trainer Wolf und der Sportchef Jan Schindelmeiser sind gerade mit Erfolg dabei, dem wankelmütigen Klub seine Launen abzutrainieren; nichts brauchen sie weniger als eine Debatte, die sie weder mit schlauer Personalpolitik noch mit präzisem Coaching kontrollieren können. Beim VfB gehen sie zwar davon aus, dass die Elf stabil genug ist, um sich von der Debatte nicht stören zu lassen, zumal Grosskreutz zuletzt weder sportlich noch emotional ein Faktor im Team war – dennoch steckt der Verein in der Zwickmühle.

Die Vereinsführung kennt ja den harten Kern an Fans, der dem Klub die Trennung vom angeblichen Kultspieler verübelt und im Netz Wir-für-Kevin-Petitionen startet; weil die Klub-Verantwortlichen aber keine weiteren Details preisgeben können, müssen sie jetzt einfach hoffen, dass die Kritiker das verstehen: dass ein Klub sich keinen Spieler leisten kann, der dem Klub und dessen Nachwuchsspielern – vertragswidrig – auf offener Bühne schadet.

«Nicht in Kevins Interesse»

Beim VfB kämpfen sie jetzt auch gegen die Macht jenes letzten Bildes, das Grosskreutz dem Klub bei der letzten gemeinsamen Pressekonferenz hinterlassen hat. Das Bild zeigt einen reuigen Sünder mit brechender Stimme, dessen Haltung diese eine Frage provoziert: Hätte es nicht auch eine mildere Strafe getan? Die Nebenwirkung dieses Bildes haben sie beim VfB in Kauf genommen, sie haben ja gemeinsam mit dem Spieler beschlossen, dass sie das wagen wollen: sich anständig voneinander zu verabschieden.

Weder Schindelmeiser noch Wolf sind als kalte Rasierer bekannt, und so bauen sie beim VfB darauf, dass die Fans den neuen Verantwortlichen weiterhin vertrauen. In diesem Sinne hat Wolf am Sonntag schon mal in Richtung Kurve appelliert: «Wir brauchen die Fans», sagte er – und dass die Unterstützung für den Verein «weniger werde», sei sicher «nicht in Kevins Interesse». (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 06.03.2017, 10:21 Uhr

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