Der weisse Smoking verabschiedet sich durch die Hintertür

Kaká verwies einst Messi und Ronaldo auf die Plätze, dann geriet er in Vergessenheit. Nun verkündet er sein Karriereende.

Kaká dreht jubelnd ab, gerade hat er das Tor erzielt, das er später als sein liebstes bezeichnen wird.

Kaká dreht jubelnd ab, gerade hat er das Tor erzielt, das er später als sein liebstes bezeichnen wird. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Fussballjahr 2017 meint es nicht nur gut mit uns. Einige der ganz Grossen traten ab, Xabi Alonso, Philipp Lahm, Francesco Totti, Andrea Pirlo und nun auch Ricardo Izecson dos Santos Leite, besser bekannt als Kaká. Nachdem der 35-Jährige im November sein letztes Spiel für Orlando bestritt, verkündet er nun in einem Interview mit der brasilianischen Zeitschrift «O Globo»: «Ich bin bereit für die nächste Reise.» Bevor er diese antritt, schauen wir zurück auf einen Mann, der anders war als viele Fussballer. Auf einen Mann, der in einer Ära, die von Lionel Messi und Cristiano Ronaldo dominiert wird, ein bisschen in Vergessenheit geriet.

Landsmann Neymar verabschiedet sich über Instagram.

«Ein Genie»

Im Sommer 2003 landete Kaká am Mailänder Flughafen Malpensa. 21 war er damals, ein Jahr zuvor war er Teil der brasilianischen Weltmeistermannschaft. Carlo Ancelotti, der damalige Trainer der AC Milan, kannte Kaká trotzdem nicht. Als der Brasilianer ankam, schlug der italienische Coach die Hände über dem Kopf zusammen. In seiner Autobiographie schreibt er: «Seine Brille, seine Frisur, sein kindliches Gesicht… Es fehlten nur eine Lunchbox und ein Buch. Wir hatten einen Erasmus-Studenten verpflichtet.»

Ancelotti sollte schnell merken, wie falsch er mit dieser Einschätzung lag. Bei der ersten Trainingseinheit nämlich, so berichtet es der Trainer. «Wir nahmen ihm seine Brille ab und kleideten ihn in ein Fussballtrikot. Und es kam zum Vorschein, was wir nicht erwarteten: ein Genie.» Nicht einmal Alessandro Nesta, damals einer der besten Verteidiger der Welt, habe Kaká stoppen können, schreibt Ancelotti.

Sombrero, Kopfball, Abschluss

Wenn es eine einzige Szene braucht, um den Fussballer Kaká zu beschreiben, dann muss es wohl diese sein. Im Rückspiel des Champions-League-Halbfinals 2006/07 trifft Milan auf Manchester United. Es läuft die 37. Minute, als Milan-Goalie Dida den Ball in die gegnerische Platzhälfte kickt und Kaká zu einer grandiosen Show ansetzt. Das gewonnene Laufduell gegen Fletcher, der Sombrero über Heinze, der freche Kopfball zwischen Heinze und Evra hindurch, so dass diese sich gleich selbst aus dem Spiel nehmen, der platzierte Abschluss gegen van der Sar, ach, schauen Sie selbst:

Kaka bezeichnet das Tor später als sein Lieblingstor. Quelle: Youtube.

Alles an diesem Tor ist typisch für den Brasilianer mit dem Gesicht eines braven Studenten. Von dem Moment, als er den Ball von Dida aufnimmt, bis zum Jubel vereint es all seine Fähigkeiten in sieben Sekunden. Kraft, Technik, Schnelligkeit und Eleganz. Wegen dieser bekommt er im Laufe der Jahre seinen Spitznamen verpasst. «Il smoking bianco». Der weisse Smoking.

Mit Milan gewinnt er im selben Jahr die Champions League, wird in dieser Torschützenkönig und Ende Jahr Weltfussballer. Damit gesellt er sich als bisher letzter in eine illustre Gruppe an Spielern. Das Triple aus WM-Titel, Champions-League-Sieg und Ballon d’Or ist vor ihm nur Rivaldo, Zinédine Zidane und Ronaldinho gelungen.

Ein heute fast undenkbares Bild: Lionel Messi und Cristiano Ronaldo auf Platz 2 und 3 der Wahl zum Weltfussballer. Bild: Keystone

Der andere Brasilianer

Ricardo Izecson dos Santos Leite, der seinen Künstlernamen Kaká seinem Bruder verdankt, der als kleiner Junge Ricardo nicht aussprechen konnte, ist Brasilianer. Und doch unterscheidet er sich von vielen seiner Landsleute in der Fussballwelt. Er ist kein Partylöwe wie Ronaldinho oder Dani Alves. Und er ist kein Showman wie Neymar oder Robinho.

Kaká ist anders, streng gläubig und bescheiden. Mit gerade mal 25 ist er auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Nach ihm werden bis heute nur noch zwei Spieler mit dem Titel Weltfussballer ausgezeichnet: Cristiano Ronaldo und Lionel Messi. Zu Beginn dieser Ära kämpft Milan mit Schulden. Die Transferpolitik der vergangenen Jahre macht den Lombarden zu schaffen. Kaká ist die einzige Möglichkeit zu Geld zu kommen.

Der Millionenflop

So verkaufen die Mailänder ihr Juwel 2009 an Real Madrid. 65 Millionen kostet er, gemeinsam mit Cristiano Ronaldo soll er Real endlich wieder den Titel in der Champions League bringen. Doch der Wechsel hinterlässt bis zuletzt einen faden Nachgeschmack. Kaká kann sich in Madrid, ganz im Gegensatz zu Ronaldo, nie durchsetzen, Verletzungen bremsen ihn, Trainer José Mourinho setzt nicht auf den sensiblen Brasilianer. Auch wenn dieser es – bescheiden wie er nun mal ist – wohl nie zugeben wird, auch er wird sich in dieser Zeit gefragt haben: «Was wäre gewesen, wenn ich nicht nach Madrid gegangen wäre?»

Auch Paolo Maldini, langjähriger Teamkollege und Captain, hat einige nette Worte für Kaká übrig.

Kaká versucht sich durchzubeissen. Vielleicht zu lange. Erst 2013 verlässt er die Madrilenen, es geht zurück nach Mailand. So schön dieser Wechsel für die Fussballromantiker auch ist: Kaká wird auch dort nie mehr der, der er sechs Jahre zuvor noch war. Und so gerät ein ehemaliger Weltfussballer langsam in Vergessenheit. Bei seiner Rücktrittsmeldung fragen sich wohl nicht wenige: «Ach, der spielt noch Fussball?» Ja, das tut er bis zuletzt, in der amerikanischen Major League Soccer für Orlando. Das einstige Wunderkind, das 2007 Messi und Ronaldo auf die Plätze verwies, verabschiedet sich durch die Hintertür von der Fussballwelt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.12.2017, 18:20 Uhr

Artikel zum Thema

Milans chinesischer Salat droht zu verfaulen

In der Serie A läuft es für das Team von Ricardo Rodriguez nicht rund. Nun stellt die Uefa den Verein vor noch grössere Probleme. Mehr...

Cristiano Ronaldos Lieblingsmitspieler

News & Gerüchte Olic ergänzt Kroatiens Trainerstab +++ Ehemaliger United-Spieler erster Fakelträger bei Olympia 2018 +++ Matthäus kritisiert Ancelotti +++ Berater will mehr Gehalt für de Bruyne +++ Mehr...

Ehemaliger Weltfussballer kurz vor der Wahl zum Staatspräsidenten

News & Gerüchte Diskussionen um das Wunderkind, Dortmund wehrt sich +++ Neuer Job für Mario Basler +++ Arsenal wochenlang ohne Mustafi +++ Die Bayern-Frauen fühlen sich um das Achtelfinal betrogen +++ Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Abkühlung: Der kleine Gorilla Virunga wird von seiner Mutter Nalani durch den Biopark Valencia in Spanien getragen. Virunga ist der zweite Gorilla, der im Rahmen des europäischen Artenschutzprogrammes geboren wurde. (17.August 2018)
(Bild: Manuel Bruque/EPA) Mehr...