Deutschland jubelt, Ferguson tobt

Erstmals seit sieben Jahren steht kein englisches Team in den Halbfinals der Champions League. Verliert die Premier League ihren Status als beste Liga Europas?

Bayern jubelt, England ist enttäuscht: Während die Münchner im Hintergrund den Halbfinal-Einzug bejubeln, trotten Nani und Nemanja Vidic enttäuscht vom Old-Trafford-Rasen.

Bayern jubelt, England ist enttäuscht: Während die Münchner im Hintergrund den Halbfinal-Einzug bejubeln, trotten Nani und Nemanja Vidic enttäuscht vom Old-Trafford-Rasen. Bild: Reuters

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Die Ansprüche von Bayern München sind hoch. Entsprechend ist das Erreichen des Halbfinals für die bajuwarischen Verhältnisse auch kein besonderer Exploit. Das entspricht ebenfalls dem Selbstverständnis vom Fussballland Deutschland. Schon im Vorfeld des Viertelfinals Bayern München gegen Manchester United waren die Deutschen Exponenten zuversichtlich. Überraschend wird allenfalls noch die Rückkehr der Bayern nach dem 0:3-Rückstand im Old Trafford gesehen.

Die Bundesliga gehört fraglos zu den fünf besten Ligen in Europa. Dies bestätigt die Halbfinal-Qualifikation der Bayern. Es ist aber der einzige deutsche Verein, der gehobenen europäischen Ansprüchen genügt. Mit Arjen Robben und Franck Ribéry und auch dem nimmermüden Ausputzer und Antreiber Marc van Bommel hat der deutsche Rekordmeister Spieler im Kader, die auch in anderen europäischen Topvereinen zu den Leistungsträgern gehören würden. Sie werden auch entsprechend entlöhnt. Bayern spielt auch in Deutschland in einer anderen Liga.

Vormachtstellung vorerst verloren

Alex Ferguson war nach dem Ausscheiden gegen den aus englischer Sicht eher kleinen Gegner frustriert. Schon eine Minute, bevor der italienische Schiedsrichter Nicola Rizzoli die Partie im Old Trafford abpfiff, setzte er sich desillusioniert wieder auf seinen bequemen Sessel. Auch an der Medienkonferenz liess er seinem Frust freien Lauf. Im Zentrum seiner Kritik stand aber nicht der schwache Auftritt seines Teams in München oder in der zweiten Halbzeit im Rückspiel, sondern das Verhalten des Gegners, der vor dem Platzverweis gegen Rafael mit Vehemenz die Gelb-Rote Karte gefordert hatte. Es zeugt nicht von Grandezza, die dem Schotten aber ohnehin nicht unbedingt eigen ist.

Dass erstmals seit 2003 kein englischer Verein im Halbfinal der Champions League steht, nachdem in den letzten Jahren stets mehrere Teams aus der Premier League in den Halbfinals gestanden hatten und seit 2005 immer mindestens eine englische Mannschaft im Final gewesen war, ist ein herber Rückschlag für das Mutterland des Fussballs. Zumindest temporär hat die Premier League ihre Vormachtstellung in Europa verloren.

Grössere Konkurrenz in England

Vier Teams aus vier Ländern sind in den Halbfinals. Das war letztmals 1999 der Fall. Aber wird dadurch wirklich die europäische Hierarchie neu geordnet? Nein. An der Qualität wird sich kaum etwas ändern. Die englischen Klubs werden zwar mit Geld nicht mehr gleich verschwenderisch umgehen können wie vielleicht noch in den letzten Jahren. Sie werden aber weiterhin die Krösusse des europäischen Fussballs bleiben – allen Schuldenfallen und Unkenrufen zum Trotz.

Die Konkurrenz in der Premier League wird weiterhin grösser sein als in der Bundesliga, wo Bayern einsamer Branchenprimus ist (der aber auch nicht in jedem Jahr einfach Meister wird), in der Serie A, wo der Publikumszuspruch verhältnismässig nur mässig ist, in der Ligue 1 oder in der Primera Division, wo Real Madrid und der FC Barcelona die Meisterschaft in aller Regel unter sich ausspielen. Grund ist aber nicht nur das Geld. In kaum einem Land sind derart viele ausländische Profis unter Vertrag, in keiner anderen Topliga arbeiten so viele nicht einheimische Trainer. Das ist zwar nicht gut für die Nationalmannschaft, macht aber letztlich die Liga besser und interessanter.

Gefahr des überladenen Spielplans

Den englischen Vereinen wurde in dieser Champions-League-Kampagne zum Verhängnis, dass Arsenal mit dem FC Barcelona die wohl derzeit stärkste Mannschaft zugelost wurde und die Gunners auch noch zahlreiche Verletzte hatten. Dass Liverpool unter Rafael Benitez schon länger stagniert. Dass Manchester United sich zu sehr auf seine Stärke und die Kraft von Wayne Rooney verliess und wohl auch den Gegner etwas unterschätzte. Und dass Chelsea auf einen hochmotivierten Ex-Trainer José Mourinho traf, der mit den Blues noch eine offene Rechnung hatte.

Die englischen Klubs werden die richtigen Schlüsse ziehen. Mit wenigen Ausnahmen werden die besten Spieler noch immer die Premier League als Magneten sehen, wo Geld und Ruhm zu holen sind. Die Partien faszinieren weit über die Insel hinaus. Kaum ein Spiel ist von durchschnittlicher Qualität, wie es in der Bundesliga nicht selten der Fall ist. In Asien, einer der wichtigsten Märkte, ist die Premiership die Nummer 1. Und alleine das garantiert, dass auch in den nächsten Jahren das Geld fliessen wird.

Dennoch sollte man in England nicht ausser Acht lassen, dass sich der Hund zuweilen auch selber in den Schwanz beisst. 38 Partien sind in der Meisterschaft zu bestreiten, dazu kommen die Partien im FA-Cup plus allfällige Wiederholungsspiele und im Ligacup sowie die europäischen Wettbewerbe. Fulham wird bald sein 60. Saisonspiel absolvieren. Die Trainer votieren schon länger für eine kurze Winterpause, doch ausgerechnet die Spiele zwischen Weihnachten und Neujahr sind in England wahre Strassenfeger. Das müde wirkende Manchester United gegen Bayern München war kein Werbeträger für den überfüllten englischen Spielplan.

Erstellt: 08.04.2010, 16:43 Uhr

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