Deutschlands heisse Treter-Debatte

Dortmunds Trainer Thomas Tuchel beschwert sich über die Gegner. Hat er recht, ist er clever, nur ein schlechter Verlierer oder gar eine Jammertante? Die Meinung namhafter Experten.

Ein Bild mit Symbolcharakter: Drei Leverkusener bekämpfen Dortmunds Torjäger Pierre-Emerick Aubameyang und bringen diesen zu Fall.

Ein Bild mit Symbolcharakter: Drei Leverkusener bekämpfen Dortmunds Torjäger Pierre-Emerick Aubameyang und bringen diesen zu Fall. Bild: Keystone

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Borussia Dortmund verpasste es nach einem Höhenflug in Meisterschaft und Champions League, den Ausrutscher der Bayern im eigenen Stadion gegen Köln (1:1) auszunutzen. Und nach der 0:2-Niederlage in Leverkusen jammerte BVB-Trainer Thomas Tuchel über die Gangart des Gegners.

Dem entgegnete Leverkusens Trainer Roger Schmidt: «Vielleicht ist Dortmund ja eine Mannschaft, die schnell Fouls zieht. Das machen sie clever.» Damit unterstellte er dem BVB indirekt, der Vizemeister würde Freistösse auf unfaire Art provozieren. Zudem betonte der 49-Jährige, er habe im Gegensatz zu Tuchel eine faire Partie ohne schlimme Fouls gesehen.

Verabschiedung ohne Shakehands

«Faires Spiel, sagt der Trainer der Mannschaft mit 21 Fouls zum Trainer der Mannschaft mit sieben Fouls», konterte Tuchel. «Sorry, aber dann habe ich ein anderes Spiel gesehen. Wenn 21 Fouls fair sind, habe ich eine andere Vorstellung davon.» Bevor die Pressekonferenz eskalierte, gingen die beiden, ohne sich die Hand zu geben, auseinander.

Tuchel beschwerte sich aber auch noch über andere Gegner und zog Bilanz. «Gegen Mainz hatten wir 20 Fouls gegen uns, gegen Freiburg waren es 27 Fouls gegen uns. Wir mussten auch wieder verletzungsbedingt wechseln. Irgendwann sind da Grenzen überschritten. Da werden Mittel angewendet, die in der Häufigkeit dazu führen müssen, dass man nicht komplett zu Ende spielt. In jedem Spiel war die Foulstatistik deutlich gegen uns.»

Foulstatistik besagt: 114:46 gegen Dortmund

Für Tuchel spricht allerdings die Bilanz aus den ersten sechs Bundesligarunden: Im Vergleich zu den selbst begangenen Fouls wurde der BVB mehr als doppelt so viel gefoult. Nämlich 114:46.

«Ich weiss nicht ganz, was Tuchel damit bezwecken will. Vielleicht will er die Schiedsrichter darauf sensibilisieren, die Gegner Dortmunds härter anzufassen. Aber das könnte auch kontraproduktiv sein. Die Schiedsrichter lassen sich nicht von einem Trainer vorschreiben, was sie zu tun haben», sagt Ciraco Sforza, der Experte von Sky und Sport 1 in Deutschland gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

«Dann kommt er eher als schlechter Verlierer rüber»

Dortmund habe sehr schnelle, wendige Spieler und sei ständig in der Vorwärtsbewegung. «Da ist es zwangsläufig, dass die Spieler gegen aggressive Gegner gefoult werden. Damit muss Tuchel leben, das gehört doch zum Fussball.» Allerdings sagt der ehemalige Spielmacher der Bayern auch: «Wenn Tuchel nach einer Niederlage wie gegen Leverkusen solche Foul-Statistiken bemüht, dann kommt er eher als Jammartante und schlechter Verlierer rüber.»

Armin Veh, der ehemalige Stuttgarter Meistermacher, sieht es hingegen etwas anders als Sforza. «Es ist im Prinzip ein kluger Zug. Tuchel hat schon daran gedacht, dass es vielleicht in den nächsten Spielen auch sein könnte, dass der eine oder andere dann sensibilisiert ist. Dass man dann nicht mehr so viele Fouls macht gegen seine Mannschaft», erklärte der heutige Sport-1-Experte im «Volkswagen Doppelpass».

Was Mehmedi zu den Vorwürfen sagt

Auch Tuchels Trainerkollege Markus Kauczinski vom FC Ingolstadt bringt ein gewisses Verständnis auf. «Ich verstehe, dass er seine Mannschaft schützen will», sagte er ebenfalls im «Doppelpass». Emotionen sollten ausgelebt werden. «Das schwelte wohl schon länger, deshalb musste das wohl mal raus. Ich finde es gut, dass es ausgelebt wird», fuhr Kauczinski fort.

Der Schweizer Nationalspieler Admir Mehmedi, der beim 2:0-Sieg Leverkusens gegen Dortmund einen Treffer erzielt hatte, erklärte gegenüber «Bild» zu den Vorwürfen lediglich: «Wir waren frisch und aggressiv.» Und Leverkusens Sportdirektor Rudi Völler meinte: «So was passiert in dem Geschäft. Ich denke, alle Beteiligten werden sich wieder beruhigen, alles halb so wild. Ich fand, dass in der ersten Hälfte einige Dinge zu viel gegen uns gepfiffen wurden.»

Die grosse Verwunderung der Gegner

«Ich wundere mich schon ein wenig, gerade mit Blick auf unser Spiel in Dortmund», sagte Freiburgs Sportvorstand Jochen Saier gegenüber der «Bild»-Zeitung und schob nach: «Eine Mannschaft aggressiv anzulaufen und intensiv zu verteidigen, ist hoffentlich auch gegen Dortmund erlaubt.» Der SC Freiburg sei alles andere als eine unfaire Mannschaft.

Leverkusens Kevin Kampl, der einst für den BVB spielte, meinte, es sei normal, dass es in einem solchen Spitzenspiel auch schon mal krache. «Aber wir sind nicht auf die Knochen gegangen, sondern haben einfach gut dagegengehalten. Der BVB hat deswegen nicht verloren, sondern weil wir gerade gegen den Ball und auch in allen anderen Belangen die bessere Mannschaft waren.» Auch Kampls Mitspieler Ömer Toprak verteidigte sich: «Ich fand nicht, dass wir brutal gespielt haben. Ausserdem soll es auch schwer sein, gegen uns zu gewinnen.»

«Ich nehme das nicht als Vorwurf»

Auch die von Tuchel ins Visier genommenen Mainzer wehrten sich vehement gegen die Vorwürfe. «Ich kann mich an nicht ein böses Foul erinnern», sagte Sportdirektor Rouven Schröder. Die damals gefühlten 50 Grad auf dem Platz seien das Hauptproblem gewesen. Verteidiger Stefan Bell ergänzte: «Wir kennen alle Thomas Tuchel. Er kann nicht gut verlieren. Auf dem Papier war das vielleicht so, aber das ist auch ein Mittel, um Borussia Dortmund zu verunsichern.»

Martin Schmidt, der Schweizer Trainer in Mainz, hatte eine simple Erklärung. «Ich nehme das nicht als Vorwurf. Wenn man gegen den Ball arbeitet, macht man mehr Fouls als ein Team mit Ballbesitz.» Freiburgs Christian Streich, der vielleicht emotionalste Trainer in der Branche, meinte lediglich: «Emotionalität innerhalb des Regelwerks ist normal und eine wichtige Komponente. Die Leute wollen Kampf und Leidenschaft.»

Dortmund will auf den Fairnesspreis verzichten

Jetzt schaltet sich auch Dortmunds Chef Hans-Joachim Watzke über das Millionenblatt «Bild» in Deutschlands heisse Treter-Debatte ein und nennt sein Gegenrezept auf die harte Gangart der Gegner. Sein Trainer Thomas Tuchel habe nichts Falsches gesagt. «Es wird sehr hart gegen uns gespielt, und das hat auch nichts mit schlechtem Verlieren zu tun. Dortmund war in den letzten Jahren immer die fairste Mannschaft, wie auch in dieser Saison. Wir müssen jetzt gucken, ob aus dieser harten Gangart ein Trend wird. Vielleicht sollten wir mal ein bisschen härter einsteigen und auf den Fairnesspreis verzichten.»

Erstellt: 04.10.2016, 10:26 Uhr

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