«Die Berner denken zu oft ans Verlieren»

Dass es Bern an Selbstbewusstsein mangelt, will er 2010 auf dem Fussballfeld ändern. YB-Trainer Vladimir Petkovic lässt sich auf dem Weg zum Erfolg nicht beirren und glaubt an das multikulturelle Zusammenspiel.

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Herr Petkovic, werden die Berner Young Boys 2010 Schweizer Fussballmeister?
Vladimir Petkovic: Wir machen alles, um dieses Ziel zu erreichen.

In Bern traut man sich nicht richtig, laut zu sagen, dass man die Nummer 1 sein will.
Ich weiss. Dieses fehlende Selbstvertrauen der Berner ist ein Problem. Wir bewegen bei YB etwas, damit sich das hoffentlich ändert. Wir haben die richtige Mischung von Spielern, es ist eine positive Gruppe mit einer gesunden Winnermentalität.

Haben Sie von Berns angeknackstem Selbstbewusstsein gehört, bevor Sie hierherkamen?
Ich hörte, dass darüber geredet wird. Es wird über viel geredet. Ich höre zu, aber dann muss ich eine Sache selber einschätzen. Das ist das Wichtigste. Warum sollte es nicht möglich sein, in Bern Dinge, die nicht gut laufen, zu verändern? Seit ich bei YB bin, hat sich etwas verändert.

Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?
Man muss im Heute an morgen denken. Man muss sich vorbereiten und das nächste Mal mehr geben. Man darf nie 100 Prozent zufrieden sein.

Sie sind vielleicht ein Coach aller Berner. Kriegen Sie mit, wie die Berner auf Ihre Arbeit reagieren?
Ich bewege mich nicht so viel in der Stadt, aber im Stadion spüre ich eine grosse Euphorie. Das spürte ich schon während meiner Arbeit in Bellinzona. Umso wichtiger ist es für den Trainer, dass er mit den Füssen am Boden bleibt. Von der Euphorie darf man den positiven Einfluss mitnehmen, alles andere muss man von sich fernhalten, sonst setzt man sich unter Druck.

Sie stehen unter grossem Druck. Bern erwartet von YB, dass es endlich einen Titel gewinnt.
Ich sehe das anders. Was haben meine Spieler und ich schon zu verlieren?

Nach der Cupfinal-Niederlage gegen Sion und dem Ausscheiden gegen Lausanne stehen Sie doch unter Druck.
Man kann ein Spiel verlieren, wenn man die falsche Mentalität im Kopf hat.

Kann sich YB im Unterschied zum FC Basel im entscheidenden Moment nicht durchsetzen?
Wir haben die letzten sieben Spiele gegen Basel alle gewonnen. Egal, welcher Gegner zu uns kommt, man spürt, dass sie alle Respekt vor uns haben. Erinnern Sie sich an den FC Basel vor zehn Jahren? Er brauchte Jahre, bis er Erfolg hatte. Dann wurde das Gewinnen für ihn zu einer Gewohnheit, die uns noch fehlt. Die Berner beschäftigen sich zu sehr mit dem Verlieren. Es gehört zu meinem Job, diese negative Einstellung, diesen fehlenden Glauben zu ändern. Es braucht Zeit, bis sich ein neues Bewusstsein entwickelt. Aber die Berner beginnen langsam zu glauben, dass sie stark sein können. Im Fussball, im Eishockey, im Nachtleben, in der Architektur läuft diese Entwicklung. Die Berner sollten stolzer sein und den Kopf aufrichten.

Sind Sie als Fussballtrainer auch eine Art Integrationsmanager, der Leute aus vielen Ländern zusammenschweissen muss?
Ja. Man muss aus Leuten eine gesunde positive Gruppe formen. In einer guten Gruppe läuft die Integration schneller. Ich habe als Sozialarbeiter gelernt, proaktiv zu wirken, zu motivieren. Ich fordere den Dialog, ich spüre, wenn es ein Problem gibt, und spreche es an. Ich sage den Spielern, dass ich nicht helfen kann, wenn sie nicht offen sind. Für den einen oder anderen Spieler ist es am Anfang ein kultureller Schock, hier zu sein. Man muss ihnen die Möglichkeit geben, mit den Gewohnheiten aus ihrer Heimat zu leben, sie müssen aber anpassungsfähig werden.

Gibt es unter den YB-Spielern Muslime?
Ja.

War das Minarettverbot in der Mannschaft ein Thema?
Kaum. Ich glaube auch nicht, dass das Minarettverbot gegen eine Religion zielt. Es ist ja vorerst ein Bauverbot. Natürlich deuten es die Leute dann nach ihren jeweiligen Interessen. Muslime sind nicht alle gleich. Der Islam in Ex-Jugoslawien ist anders als in Afrika.

Wie haben Sie über das Minarettverbot abgestimmt?
Das sage ich nicht. Aber als Sportler bin ich für Toleranz. Ich bin Schweizer und bosnischer Kroate aus Sarajevo. 100 Meter neben dem Haus meiner Eltern steht eine Moschee. In Sarajevo bin ich mit den vier Religionen der Muslime, Juden, Katholiken und Juden aufgewachsen.

Als die U17-Nationalmannschaft Weltmeister wurde, hat man diese multikulturelle Truppe in der Schweiz gefeiert. Im Minarettverbot äussert sich nun eine Skepsis gegen das Fremde. Verstehen Sie das?
Die U17-Spieler sind hier geboren, also sind sie Schweizer. Und für mich ist es positiv, dass sie unterschiedliche Wurzeln haben. Verschiedenheit ist zentral im Fussball, das macht ihn reicher. Aber das gilt auch für das allgemeine Leben. Im offenen Europa von heute muss man sehr flexibel sein.

Was bedeutet das Minarettverbot für Ihre künftige Arbeit?
Nichts. Ich sehe nicht, dass sich etwas grundlegend verändert hat. Man muss ja weiterleben. Die Moscheen bleiben, sie haben einfach kein Minarett.

Fürchten Sie um die Multikulturalität in der Schweiz?
Nein. Sie kann nur gut sein. Verschiedenheit stärkt eine Gruppe. Nicht nur die Verschiedenheit der Länder und Kulturen. Alle Menschen sind unterschiedlich und können nicht auf ihre nationale Zugehörigkeit reduziert werden. (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.01.2010, 15:00 Uhr

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