«Die Berner pfeifen nicht, weil Gross Zürcher ist»

Der Zürcher Trainer Christian Gross steht in Bern in der Kritik. Die beiden Zürcher Fredy Bickel und Marco Schällibaum, einst ebenfalls bei YB, sagen gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet, wie die Berner funktionieren.

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Christian Gross, seit etwas mehr als neun Monaten im Amt, gerät in Bern immer mehr unter Druck. Jetzt muss YB sogar um die Teilnahme in der Europa League bangen. Der ehemalige Meistermacher von GC und Basel, der mit beiden Vereinen auch grosse Erfolge in der Champions League feierte, muss sich in Bern gellende Pfiffe und die Forderungen der Fans nach seinem Rauswurf gefallen lassen. Die 1:3-Niederlage gegen Lausanne im eigenen Stadion war der absolute Tiefpunkt in dieser Saison. «Wer Christian kennt, weiss, dass ihn das schmerzt», sagt der ehemalige YB-Trainer Marco Schällibaum. Der Zürcher hatte die Berner 1999 übernommen, vor dem Abstieg in die Anonymität der 1. Liga bewahrt und anschliessend an die nationale Spitze und ins internationale Geschäft geführt. «Ich werde in Bern immer noch mit viel Sympathie empfangen», freut sich der zurzeit arbeitslose Schällibaum.

Er schwärmt insbesondere von den Berner Fans. «Es ist egal, ob man in Bern ein Zürcher ist, Gross oder Hitzfeld heisst. Die Fans wollen einfach eine Mannschaft mit Herzblut und Leidenschaft sehen. Eine Mannschaft, die sich voll und ganz mit YB identifiziert», so Schällibaum. Diesen Eindruck habe man zurzeit offenbar nicht. «Die Fans in Bern pfeifen nicht, weil Gross ein Zürcher ist. Sie tun ihren Unmut kund, weil YB die enormen Erwartungen nicht erfüllen kann.» Den grossen Erwartungsdruck habe der Club sich selbst auferlegt. «Als der Zürcher Gross kam, haben die Berner Verantwortlichen von einem Kulturwandel gesprochen», sagt Schällibaum. Er könne das aber nicht verstehen. «Haben die ernsthaft geglaubt, man könne die Berner Mentalität damit ändern?»

«Gross muss langsam die Kurve kriegen»

Vor seinem damaligen Engagement in Bern war Schällibaum Assistenztrainer von Christian Gross in Basel. «Wir haben immer noch den grössten Respekt voreinander», sagt er. Gross sei ein akribischer Arbeiter, der sich selbst und den Spielern stets alles abverlange. «Doch jetzt muss er langsam die Kurve kriegen, sonst wird es für Christian in Bern noch ungemütlicher»,weiss Schällibaum aus eigener Erfahrung. Gross habe gleich seinen eigenen Trainerstaff mitgebracht, sich von einigen Spielern getrennt und neue Spieler wie Bobabilla verpflichtet. «Da wurden Millionen investiert. Und wenn die YB-Fans dann noch sehen, wie die beiden in Bern nicht mehr erwünschten Gebrüder Schneuwly für Thun Tor um Tor erzielen, dann ist das natürlich ganz bitter und verheisst nichts Gutes für Gross.» Thun mache YB jetzt sogar einen Platz in der Europa League streitig. «Und auf Leader Basel hat YB schon sagenhafte zwanzig Punkte Rückstand.»

FCZ-Sportchef Bickel rät YB zu Geduld

Als Schällibaum in Bern Trainer war, hiess der Sportchef Fredy Bickel. Auch er ist ein Zürcher, der in Bern immer noch und immer wieder ein gern gesehener Gast ist. «Wenn man in Bern arbeitet und die Fans für sich gewinnen kann, dann ist das etwas vom Grössten, was man im Fussball erleben darf», schwärmt Bickel. Er sagt wie Schällibaum, dass es in Bern egal sei, wie man heisse und woher man komme. Doch der Sportchef des FC Zürich warnt die Berner davor, zu schnell die Geduld zu verlieren. «Wenn man im Fussball etwas Neues aufbaut, dann braucht das eine gewisse Zeit», sagt der Experte. Man könne nicht einfach auf den Knopf drücken. «Christian Gross ist ein äusserst erfahrener und kompetenter Mann. Er weiss genau, was er macht. Auch in Basel hatte er damals Anfangsschwierigkeiten und formte aus dem FCB schliesslich eine europäische Spitzenmannschaft», erinnert sich Bickel. Das könne auch in Bern unter Gross wieder möglich sein.

Einen kleinen Vorwurf an die YB-Verantwortlichen kann sich Bickel jedoch nicht verkneifen: «Jetzt wird die dritte Phase gezündet, jetzt starten wir durch, jetzt greifen wir den FC Basel an – solche Statements haben die Erwartungshaltung bei den Fans natürlich massiv nach oben geschraubt. Und das würde ich eher nicht so machen.» Tagesanzeiger.ch/Newsnet versuchte bisher vergeblich, YB-Trainer Christian Gross und CEO Ilja Kaenzig für eine Stellungnahme zu erreichen.

Erstellt: 10.04.2012, 13:09 Uhr

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