Die Erben der Hand Gottes

Schummeln ist Mode im Fussball. Ist der Kampf dagegen aussichtlos?

22. Juni 1986: Der argentinische Superstar Diego Maradona lenkt den Ball an Englands Goalie Peter Shilton vorbei – «mit der Hand Gottes», sagt er.

22. Juni 1986: Der argentinische Superstar Diego Maradona lenkt den Ball an Englands Goalie Peter Shilton vorbei – «mit der Hand Gottes», sagt er. Bild: Keystone

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Zuerst war El pibe de oro, der Goldjunge aus Argentinien. Und mit ihm kam die Hand Gottes, mit der er 1986 im WM-Viertelfinal gegen England ein so irreguläres wie mittlerweile legendäres Tor erzielte. Er war Diego Maradona, nicht nur der Beste am Ball überhaupt, sondern auch ein König unter den Schummlern.

Jetzt ist da einer seiner Erben, nicht wegen seiner Fussballkünste. Lars Stindl ist ein ordentlicher Mittelfeldspieler von Mönchengladbach, aber ein Maradona ist er höchstens, wenn es ums Handspiel geht. Vor einer Woche hat er so in Ingolstadt ein Tor erzielt.

Die Diskussion über die kleineren und grösseren Betrügereien im Fussball, die man bekämpfen müsse, hat ausgerechnet Stindls Trainer Dieter Hecking ein paar Tage zuvor angeschoben. «Wir alle wollen doch keine Kultur des Tricksens und Schummelns», sagt Hecking der «SonntagsZeitung». «Dass ein Spieler als clever dargestellt wird, wenn er Zeit schindet oder ein Foul vortäuscht, das finde ich nicht gut.» Der Hoffenheimer Julian Nagelsmann, mit 29 der jüngste Bundesligatrainer, ist dem 52-jährigen Routinier zur Seite geeilt. Dass sich Spieler nur schon bei Einwürfen beschweren, ärgert ihn zutiefst: «Da sind so viele peinliche Situationen, bei denen man sich fragen muss: Brennt denen der Helm?»

Andy Möllers unverfrorene Schwalbe. (Video: Youtube)

«Der Fussballer wird zur Unfairness erzogen»

Es ist kein deutsches Problem, es ist ein grundsätzliches Problem des Fussballs: diese Schummeleien, dieses Theaterspiel von fragwürdiger Qualität, diese steten Versuche, Zeit zu schinden und die Schiedsrichter zu hintergehen. Wie würde man sich den Umgang im Rugby wünschen, wo nur der Captain mit dem Schiedsrichter reden darf. «Der Fussballer wird zur Unfairness erzogen, der Rugbyspieler zur Fairness», sagt Urs Meier.

Er hat die Mechanismen des Geschäfts schon früh kennen gelernt, lange bevor er bis 2004 einer der weltbesten Fussball-Schiedsrichter war. Als kleiner Verteidiger des SV Würenlos wartete er zwei Jahre auf sein erstes Tor. Als es ihm endlich gelungen war, war er stolz. Aber zugleich hatte er ein schlechtes Gewissen – er hatte es mit der Hand erzielt. Wäre er vom Schiedsrichter gefragt worden: «Du, wie hast du es gemacht?», hätte er es zugegeben. «In einem solchen Moment geht es auch um die Ehre.»

Thomas Helmers Phantomtor. (Video: Youtube)

Davon ist auf dem Fussballplatz zu oft nicht viel zu sehen. Das liegt im Grundproblem begründet, das Meier in einen netten Vergleich packt: «Fussball ist ein Räuber-und-Poli-Spiel. Erwischt mich der Schiedsrichter oder nicht? Kann ich an die Grenzen gehen oder darüber hinaus?»

Das beginnt lange vor Handspielen wie von Maradona oder Stindl, vor Schwalben, wie sie auf Schweizer Plätzen Kubilay Türkyilmaz beherrschte und von Alex Frei kopiert wurden (wobei Türkyilmaz sich verteidigt: «Zum Fussball gehören auch Instinkt und Cleverness»). Das beginnt bei kleinen Perfidien, dem dauernden Reden und Reklamieren. Marco Bernet, früher Sportdirektor und auch Kinderfussballchef des FC Zürich, nennt das «versuchte Manipulation», die für den Schiedsrichter «psychologisch belastend» sei. Schweizer Beispiele gibt es einige: Früher fielen Georges Bregy oder Sébastien Fournier damit auf, dass sie dauernd auf den Schiedsrichter einredeten, Stephan Lichtsteiner ist ihr legitimer Nachfolger.

Thierry Henris folgenschweres Handspiel. (Video: Youtube)

Wie immer sich die Profis aufführen, wie sie sich beschweren, wie sie jubeln, Bernet sagt: «Jede Geste wird von den Jungen kopiert. Dieser Verantwortung müssen sich die Spieler bewusst sein.» Wenn er manchmal Reklamierende in der Super League sieht, wirkt das «fast lächerlich» auf ihn: «So gut sind die Spieler nicht, dass sie das Recht haben, permanent den Schiedsrichter zu attackieren.»

«Alles eine Erziehungssache», wiederholt Meier. Und Bernet erzählt, wie das Schummeln mit dem Älterwerden zum Thema wird, anfänglich im Kleinen, wenn etwa bei einem Stafettenlauf im Training eine Ablösung einen Meter vor der Startlinie losläuft. Erziehung sei in erster Linie eine Sache des Elternhauses, sagt Christophe Moulin, Chef des Ressorts Junioren-Spitzenfussball im Schweizer Verband. Seine Botschaft heisst: «Wir wollen keine ‹tricheurs›, keine Betrüger, keine Schummler.» Seine Erkenntnis: «Wir leben nicht in einer perfekten Welt, aber in 95 oder noch mehr Prozent der Fälle ist der Umgang der Spieler korrekt.»

Der kleine Rest ist noch immer gross genug, um vom Fussball zuweilen ein zweifelhaftes Bild zu zeichnen. Jüngst fragte der Xamax-Spieler Charles-André Doudin Schiedsrichter Alain Bieri während des Matches gegen den FC Zürich: «Bist du blind?», und bekam dafür die Rote Karte. Die Neuenburger werteten Doudins Frage als Nichtigkeit. Meier sagt, man müsse das Gesagte stets im Gesamtkontext sehen: Ist das Spiel aggressiv? Wie wird etwas gesagt? «Doch wenn dir einer so etwas ins Gesicht sagt, kannst du ihm mit einer Roten Karte beweisen, dass du zumindest nicht farbenblind bist.»

Ginge es nach Nigel Owens, hätten die Fussballer ein viel schwierigeres Leben. Owens, der Star unter den Rugby-Schiedsrichtern, sagt: Wenn er beim Fussball pfeifen würde, hätte es bis zur Pause nur noch je fünf Spieler auf dem Platz. Einem Spieler hat er auch schon klargemacht: «Ich bin der Schiedsrichter hier, nicht Sie… Das ist nicht Fussball hier.»

Stefan Kiessling trifft durch ein Loch im Netz, doch der Treffer zählt. (Video: Youtube)

Heckings Aktion, die Spieler zu mehr Fairness anzuhalten, tönt für Urs Meier zwar schön, aber er hält den für Ende März angekündigten «Anti-Flegel-Gipfel» («Bild») nicht für mehr als einen netten Versuch. Für ihn kann nur einer die Spieler erziehen: der Schiedsrichter. «Er muss für Gerechtigkeit auf dem Platz sorgen», betont auch Ottmar Hitzfeld. Der grosse alte Trainer würde die technischen Hilfsmittel auch bei Tätlichkeiten und Elfmetern begrüssen, wie es sie schon mit der Torlinientechnologie gibt.

Schön ist es ohnehin, dass Schwalbenkünstler wie neulich der Leipziger Timo Werner durch Fernsehbilder entlarvt werden. Dass der Schiedsrichter auf dem Platz nicht alles sehen kann, ist für Hitzfeld «nur menschlich». Darum sagt er: «Ein Schiedsrichter muss in einer entscheidenden Situation den Spieler fragen: War es Hands, war es eine Schwalbe? Der Spieler kann es sich doch gar nicht erlauben, ihn anzulügen. Und wenn er es macht, macht er es nur einmal. Dann ist er gebrandmarkt.»

Meier wundert sich, dass die Schiedsrichter nicht häufiger zu diesem Mittel greifen. Er setzt dabei gar nicht auf die Hoffnung, dass ein Spieler von sich aus einen Regelverstoss zugibt, «nein!», betont er, «der Schiedsrichter ist da, um das Vergehen zu erkennen».

Meier widerspricht Hitzfeld

Als Werner gegen Schalke zu seinem illegalen Flug ansetzte, stürmten gleich mehrere Schalker auf den Unparteiischen los. «Wenn sie das wie von der Tarantel gestochen tun», sagt Meier, «musst du als Schiedsrichter wissen: Hier stimmt etwas nicht.» In einem solchen Fall gebe es nur eines: «Du musst den Spieler fragen, und du musst ihn so fragen, dass es die ganze Welt sieht. Und wenn der Spieler den Schiedsrichter anlügt, sollen auch das alle wissen, und die Öffentlichkeit soll über ihn urteilen.»

Werner wurde seiner Listigkeit vom Schiedsrichter nicht überführt, er lief sogar selbst zum Elfmeter an und verwertete ihn. Stindls nicht aufgedecktes Hands war das erste Goal auf dem Weg zum 2:0 der Gladbacher in Ingolstadt. Bei solchen Fällen ist Meier schnell bei seinem Lieblingsthema: der Professionalisierung der Schiedsrichter. Er wünscht sich seit Jahren schon, dass die Schiedsrichter besser geschult werden, dass ihr Auge geschult wird, ihr Instinkt, die Reaktion eines Spielers zu erkennen und zu spüren. «Wer das kann, erkennt auch, welches Hands absichtlich ist und welches nicht», sagt Meier, «der Schiedsrichter hat die Pflicht, die Absicht zu erkennen.» Damit widerspricht er vehement der Meinung von Ottmar Hitzfeld, der zurück zum Einfachen möchte: «Hands ist Hands, ob Absicht oder nicht.»

Ist nur die Frage: Wieso es diese Professionalisierung nach wie vor nicht gibt, trotz aller Millionen und Milliarden, die flutartig über den Fussball verteilt werden? «Der Wille der Verbände fehlt», ist Meiers simple Erkenntnis nach jahrelang vergeblichem Kampf.

Alles wird nie geahndet werden. Der Fussball würde sonst viel von seiner Diskussionskultur verlieren. Hitzfeld ist immerhin der Meinung, durch die vielen Kameras in den Stadien sei der Fussball fairer geworden, und nichts bleibe mehr verborgen. Das weiss er aus seiner Zeit als Nationaltrainer der Schweiz, als er einem Schiedsrichter den ausgestreckten Mittelfinger zeigte und dafür gesperrt wurde. Diese Erfahrung hat auch Alex Frei gemacht, als er an der EM 2004 den Engländer Steven Gerrard anspuckte.

Der Gladbacher Hecking gibt sich nicht der Illusion hin, dass alles von heute auf morgen besser wird. «Aber vielleicht hilft es, wenn wir eine Diskussion anstossen und bei allen das Bewusstsein dafür schärfen, dass wir uns als faire und anständige Sportsleute mit Vorbildwirkung darstellen wollen.» (SonntagsZeitung)

Erstellt: 04.03.2017, 20:48 Uhr

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