Hintergrund

Die Fifa, «eine kriminelle Organisation»

Katar habe die Fussball-WM 2022 gekauft, schreibt das Fachmagazin «France Football». Zur «Qatargate»-Geschichte äussert sich nun der Investigativreporter und Fifa-Kritiker Andrew Jennings.

Zwei Mächtige des Weltfussballs: Michel Platini und Sepp Blatter, die Präsidenten von Uefa und Fifa.

Zwei Mächtige des Weltfussballs: Michel Platini und Sepp Blatter, die Präsidenten von Uefa und Fifa. Bild: Keystone

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Es gab schon lange Gerüchte und Indizien dafür, dass bei der Vergabe der Fussball-WM 2022 an Katar nicht alles mit rechten Dingen zugegangen war. Die Wochenzeitschrift «France Football» ist diesen Hinweisen nachgegangen. Nach seinen am Dienstag veröffentlichten Recherchen kommt das Blatt zum Schluss, dass die Vergabe an Katar «einen Duft des Skandals freisetzt». Und es stellt die Frage: Muss diese Wahl annulliert werden?

«France Football» zufolge soll der französische Uefa-Präsident Michel Platini, der auch dem Fifa-Vizepräsidium angehört, auf Drängen des damaligen Staatspräsidenten Frankreichs, Nicolas Sarkozy, einen faulen Deal mit den Katarern eingegangen sein. Obwohl er zunächst für die USA stimmen wollte, unterstützte Platini die Kandidatur von Katar. Im Gegenzug tätigte Katar namhafte Investitionen in der Medien- und Fussballbranche in Frankreich. Ausserdem berichtet «France Football» über ein E-Mail von Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke. Darin stand folgender Satz: «Sie haben die WM 2022 gekauft.»

«Eine Hälfte des Fifa-Exekutivkomitees ist korrupt, und die andere Hälfte schweigt»

Diese Enthüllungen seien nicht wirklich neu, sagt der bekannte Investigativreporter und Fifa-Kritiker Andrew Jennings in einem Interview mit der Zeitung «Le Monde». Die Verdachtsmomente rund um die Vergabe der Fussball-WM seien bekannt. Es fehlten aber die Beweise. Auch gegen Platini gebe es keine Beweise.

Laut Jennings besteht der Skandal nicht darin, dass Sarkozy möglicherweise in die Katar-Affäre verwickelt sei. Schlimm seien die Vorgänge in der Fifa. Etwa die Hälfte der 24 Mitglieder des Fifa-Komitees hätte sich mindestens einmal bestechen lassen, sagt Jennings, der seit Jahren mit Investigativmethoden über die Fifa recherchiert. Dass bei WM-Vergaben Schmiergelder im Spiel seien, sei nichts Aussergewöhnliches. «Eine Hälfte des Fifa-Exekutivkomitees ist korrupt», sagt Jennings. «Und die andere Hälfte schweigt», weil sie vom System von Fifa-Chef Sepp Blatter profitiere.

Nach Ansicht von Jennings wie bei der Mafia: «In der Fifa herrscht Omertà»

Vor ein paar Monaten hatte der neue Fifa-Chefermittler Michael Garcia, bisher Staatsanwalt in den USA, angekündigt, dass er sich nicht nur mit dem ISL-Schmiergeldskandal befassen werde, sondern auch mit den viel kritisierten WM-Vergaben an Russland (2018) und Katar (2022). Fifa-Kritiker Jennings glaubt aber nicht, dass der Weltfussballverband ernsthaft seine Skandale aufarbeiten wolle. «Es gibt keine Untersuchung.» Garcia sei nicht mit den nötigen rechtlichen Kompetenzen ausgestattet worden, um etwa die Bankkonten von verdächtigen Fifa-Funktionären durchleuchten zu können.

Nach Ansicht von Jennings ist die Fifa «eine kriminelle Organisation», die unter anderem ein Geschäft mit dem illegalen Verkauf von WM-Billetten betreibt. «Die Fifa hat einen Leader, und es herrscht Omertà.» Gemäss der Schweigepflicht ihrer Mitglieder wage es – wie bei der traditionellen Mafia – niemand, Kritik an der Fifa zu äussern. «Das alles ist das Gegenteil von Demokratie», stellt Jennings fest. Und weiter: «Als Fifa-Sitz liegt Zürich zwischen Moskau und Pyongyang.» (vin)

Erstellt: 31.01.2013, 12:49 Uhr

«Als Fifa-Sitz liegt Zürich zwischen Moskau und Pyongyang»: Andrew Jennings, britischer Journalist, der sich seit Jahren mit dem Weltfussballverband befasst.

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