Die Gänsehaut gibts gratis

Ein leidenschaftliches Gladbach bringt daheim die Bayern an den Rand einer Niederlage und belebt das grosse Duell der 70er wieder.

In der Gladbacher Nordkurve wird 90 Minuten lang durchgesungen – und dann die Mannschaft gefeiert. Foto: Imago

In der Gladbacher Nordkurve wird 90 Minuten lang durchgesungen – und dann die Mannschaft gefeiert. Foto: Imago

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­Den Schlusspfiff bejubelt der Borussia-Anhang zwar wie einen Sieg. Aber nach diesem 0:0 im Spitzenspiel gegen den FC Bayern kommen auf dem Heimweg bald noch andere Gefühle auf. Was wäre wenn? Wenn einmal ein Konter noch konsequenter zu Ende gespielt worden wäre? Wenn dieser verflixte Neuer ­wenigstens einmal daneben gegriffen hätte? Viermal rettet der Münchner Goalie in höchster Not und hält dem Favoriten so ein ­Remis fest, was sein Gegenpart Yann Sommer stolz sagen lässt: «So wurden die Bayern schon lange nicht mehr gefordert.»

Gladbach bleibt also auch im 15. Wettbewerbsspiel unbezwungen und hat sich endgültig als erster Bayern-Verfolger hervorgetan. Der Zweikampf lässt Erinnerungen an eine glanzvolle Ära wach werden. Zwischen 1969 und 1977 hatten die beiden Vereine die Meisterschaft jeweils unter sich ausgemacht. Fünfmal triumphierte Gladbach, viermal die Bayern. Beide waren sie Mitte der 60er in die Bundesliga aufgestiegen und hatten auf die Jugend ­gesetzt. Eine goldene Generation wuchs heran: Bayern hatte Beckenbauer, Müller, Breitner und Maier. Gladbach hatte ­Netzer, Heynckes, Bonhof und Vogts. Über die Hälfte des deutschen Weltmeisterteams von 1974 stammte aus den beiden Clubs.

Bayerns Stadionvorteile

Zu Beginn der Amtszeit von Erfolgstrainer Hennes Weisweiler, dem später eine Allee gewidmet wurde, wiesen die Gladbacher einen Altersschnitt von bloss 21,5 Jahren auf. Aufgrund dieser ­jugendlichen Frische und des ­rassigen Offensivspiels erfand der damalige Chronist der «Rheinischen Post» den Spitznamen für das Team, den bald auch die anderen Reporter aufnahmen: die Fohlen. Top dank Galopp. Heute dreht Jünter, das Maskottchen im Pferdekostüm, seine Runden im Stadion. Es gibt den Fohlen-Shop, das ­Fohlen-TV, Fohlen-Strom oder das Fohlen-Bankkonto. In den 70ern war man da in Mönchengladbach noch ­weniger geschäftsbewusst gewesen. Ganz anders in München: 1972 erhielten die Bayern das Olympia­stadion. Zum ersten Duell mit der ­Borussia kamen 74'000 Zuschauer, was dem Heimteam 850'000 Mark einbrachte, wie die Sportschau beeindruckt betonte. Die Fohlen ihrerseits spielten ­damals noch auf dem ­legendären, aber ergrauten Bökelberg vor «nur» 34'000 Zuschauern. Auch deshalb tat sich ­allmählich eine Kluft ­finanzieller wie sportlicher Natur zwischen den Vereinen auf.

202 Gesänge im Repertoire

Erst vor zehn Jahren bezog Gladbach eine neue Heimstätte: den Borussia-Park, der für 87 Millionen Euro auf einem ehemaligen US-Militärgelände gebaut worden war und 54 000 Plätze bietet. Die Borussia hat sich mittlerweile zuschauermässig in den Top 5 der Bundesliga etabliert. Sie bewirbt ihre Saisonkarten mit dem Slogan: «Die Gänsehaut gibts gratis.» Und das ist nicht zu weit hergeholt. Ihre Arena gehört zu den stimmungsvollsten des Landes. Ein Onlineportal zählt 202 verschiedene Fangesänge – Liga-Spitzenwert. Wenn die Nordkurve Lieder wie «Die Seele brennt» oder «Die Elf vom Niederrhein» anstimmt und scheinbar ­jeder im Oval auswendig mitjohlt, bleibt niemand ­unberührt. Da wird 90 Minuten lang durchgesungen.

Pferdelunge Kramer

Die Spieler – vom Romand Lucien Favre perfekt eingestellt – gehen an diesem Abend gegen die ­Bayern mit der gleichen Leidenschaft zu Werke: André Hahn beackert seine Aussenbahn, bis sein weisses Trikot komplett eingedreckt ist. Weltmeister Christoph Kramer läuft in der Mitte unentwegt die offenen Räume zu; eine Pferdelunge muss der Mann ­haben. Neben ihm grätscht Granit Xhaka die Bälle ab – selbst als er in der Schlussphase wegen ­einer Knöchelverletzung nur noch humpeln kann. Und der zweite Schweizer im Team, Torhüter Sommer, hält, was auf ihn zugeflogen kommt. «Von nix kommt nix. Wir haben es uns ­verdient, dass wir auf Platz  2 ­stehen», sagt er. «Jetzt dürfen wir nur nicht nachlassen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.10.2014, 22:53 Uhr

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