Die Glückseligkeit mit dem Rentner

Das Spiel in Paris, der Anruf des zweitbesten Freundes und der Baum über dem See.

Er leuchtet hell und macht Menschen glücklich: Der Weihnachtsbaum, hoch über einem kleinen See in Bayern.

Er leuchtet hell und macht Menschen glücklich: Der Weihnachtsbaum, hoch über einem kleinen See in Bayern.

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Das ist eine vorweihnachtliche Geschichte, sie handelt von einem Fussballclub im Süden Deutschlands, von einem glücklichen Rentner auf einem Bauernhof und zuletzt von einem grossen Baum, der über einem kleinen See in Bayern leuchtet. Die Geschichte beginnt aber in Paris.

Es war ein Abend im September, ein Stürmer mit einem östlichen Namen, der sonst meist blind trifft und schon viele wichtige Tore erzielt hat, trifft diesmal nicht, er hatte in diesem Spiel die Chance zum 1:1 ausgelassen. Und hätte der Stürmer auch diesmal getroffen, hätten zwei Herren auf der Tribüne einander zugelächelt, der eine, der immer einen roten-weissen Schal trägt, die Farben des Clubs, der irgendwie sein Club ist, wäre vielleicht aufgestanden und hätte glückselig gestrahlt, ganz kurz wenigstens.

Nach einer langen Beziehung etwas entfremdet

Die zwei Herren haben einst noch zusammen gespielt. Sie schätzen sich, aber der eine war eine Zeit lang in seiner Bewegung ziemlich eingeschränkt, genau genommen sah er monatelang praktisch nur Mauern und Gitterstäbe und geschlossene Türen, und als er zurückkam in das freie Leben, hatte sich der Club, sein Club, weiterentwickelt, und der andere der beiden Herren war noch wichtiger geworden. Sie waren jetzt wie zwei, die sich nach einer langen Beziehung und einer Pause entfremdet haben.

Zurück nach Paris. Das 1:1 fiel nicht, im Gegenteil, am Ende hiess es 0:3, und die Stimmung bei den beiden Herren in der Loge war am Boden. Auf einem Bauernhof mitten in Deutschland hatte sich einer, der das Leben seit langem geniesst, das Spiel am TV angesehen und gelitten, denn der Club, der sich da in Paris so blamierte, war zuletzt auch seiner gewesen, und die beiden Herren waren seine besten Freunde, vor allem einer. Der glückliche Rentner rief seinen Schäferhund, der sein allerbester Freund ist, und ging mit ihm wie jeden Abend nochmals in den schönen Garten mit dem Teich und den Rosen.

Ein Anruf, der das Leben radikal veränderte

Dann schlief er. Und morgens um acht läutete das Telefon, der beste Freund neben seinem Hund rief an, und der Rentner wusste, dass sich sein Leben radikal verändern wird. Freunde in Not kann man nicht sitzenlassen. Und so ist der Rentner wieder mitten im hektischen Leben, lässt sich um sieben in einem Hotelzimmer weit weg von seinem Bauernhof wecken, kommt fast immer erst spät abends zurück, studiert dann noch Videos und muss zwischendurch seinen Hund mit einer Videobotschaft trösten.

Sie sind überglücklich im Club, dass der Rentner zurück ist. Und hoch über dem kleinen See steht auf dem Anwesen des einen der beiden Herren eine riesige Fichte, zwei Tage lang haben Arbeiter Lampen montiert, und so strahlt dieser Baum, als müsste die ganze Welt sehen, wie gut es dem Club wieder geht. Der eine Herr spricht von grosser Glückseligkeit, und die beiden verstehen sich wieder.

Das Leben besteht aus vielen Zufällen, die man erst nachher als bedeutend bezeichnet. Hätte der Stürmer, der sonst fast immer trifft, damals in Paris getroffen, würde der grosse Baum über dem kleinen See vielleicht nicht leuchten. Oder nicht so hell. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.12.2017, 16:22 Uhr

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