«Die Guetsli meiner Mutter sind ein Gedicht!»

Mathias Seger, Captain der ZSC Lions und des WM-Silber-Teams, erzählt, wie er als zweifacher Vater Weihnachten feiert. Und er erklärt die zahlreichen Parallelen zwischen einer Familie und einer Mannschaft.

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Was bedeutet Ihnen Weihnachten?
Sie beginnen gleich mit der schwierigsten Frage. Können Sie die nicht am Schluss bringen? (überlegt) Wenn man eine eigene Familie hat, ist es eine sehr schöne Zeit. Es ist wunderbar, die Vorfreude der Kinder zu erleben und wie sie sich begeistern lassen fürs Basteln und Guetsle. Für uns Hockeyprofis ist die Adventszeit aber wenig besinnlich. Andere geniessen die Weihnachtsbeleuchtung in der Stadt und trinken Glühwein, bei uns herrscht Hektik. Diesmal hatten wir ja 8 Spiele in 13 Tagen. Und wenn man daran denkt, dass man noch Geschenke besorgen muss und dafür gar keine Zeit hat, gerät man noch mehr in Stress. Wobei mich die Kommerzialisierung von Weihnachten ohnehin stört. Da bewegen wir uns in eine ganz falsche Richtung.

Sind Sie religiös?
Nein, religiös bin ich nicht. Trotzdem geniesse ich Weihnachten. Es gibt einem die Chance, einmal durchzuschnaufen und Zeit mit der Familie zu verbringen. Deshalb sehnen wir Hockeyspieler die Festtage ab Mitte November herbei. Aber zurück zur Frage: Ich bin nicht gläubig, gleichwohl finde ich die christliche Religion eine gute Sache, weil sie den Menschen Hoffnung gibt und wichtige Werte vermittelt. Die Weihnachtsgeschichte ist bei uns zu Hause zurzeit die Nummer 1. Milla (die ältere Tochter) kann nicht genug davon kriegen.

Wie feiert die Familie Seger Weihnachten?
In Uzwil und Zürich, klassisch, mit einem Baum, gutem Essen, Geschenken. Durch meine Handverletzung hatte ich diesmal mehr Zeit, bei den Vorbereitungen zu helfen. Wir suchten Guetslirezepte heraus, bei denen die Kinder gut mithelfen konnten. Aber die Guetsli meiner Mutter werden wir nie übertreffen.

Hat nicht jeder das Gefühl, seine Mutter backe die besten Guetsli?
Halt, die meiner Mutter sind weitherum bekannt! Ihre Spitzbuben ein Gedicht! Nicht zu weich, gerade noch ein bisschen knusprig.

Was sind Ihre Kindheitserinnerungen an Weihnachten?
Ich feiere am 17. Dezember ja noch Geburtstag und fand es immer gemein, dass Geburtstag und Weihnachten so nahe zusammenliegen. Ich hatte das Gefühl, ich komme zu kurz bei den Geschenken. (lacht) Woran ich mich erinnere? Wie ich draussen vor der Tür mit meinem Bruder warten musste, und als wir ins Wohnzimmer durften, hätten wir uns am liebsten gleich auf die Geschenke gestürzt.

Wie halten Sie es heute mit dem Schenken?
Unter den Erwachsenen ziehen wir Lose, man gibt ein Geschenk und kriegt eines. Es dreht sich in dieser Beziehung alles um die Kinder. Als Kind fiebert man lange auf Weihnachten hin, dann zieht man irgendwann aus, und an Weihnachten geht es einem dann vor allem darum, wieder einmal zu Hause einen schönen Abend zu verbringen. Die Geschenke rücken in den Hintergrund. Und jetzt beginnt wieder alles von vorne. Nun sind es die eigenen Kinder, die fast unter den Christbaum hechten.

Die Festtage sind eine Zeit der Rückschau. Sie hatten ein emotionales Jahr mit der WM-Silbermedaille und der Geburt Ihrer zweiten Tochter im Sommer. Kann man diese Glücksgefühle vergleichen?
Ich finde es extrem schwierig, die Intensität von Gefühlen zu werten. Eine Geburt ist etwas viel Intimeres. Als wir das Spital verliessen, warteten nicht 4000 Fans am Eingang. Solche Momente teilt man mit seiner Frau und seiner Familie. Man kann Emotionen nicht daran messen, wie stark man beklatscht wird. Für einen Bauarbeiter ist es auch etwas Bewegendes, wenn er seine Mauer fertiggestellt hat. Aber niemand jubelt ihm zu. Es ist sein persönlicher Glücksmoment, und der kann genau gleich intensiv sein, wie eine WM-Silbermedaille zu gewinnen. Wenn man all die Emotionen, die man mit einem Kind über ein ganzes Leben erlebt, auf einen Haufen tut, ist dieser wohl tausendmal höher als jener einer Silbermedaille.

Hat es Ihnen geholfen für Ihre Vaterrolle, dass Sie zuvor schon ZSC-Captain gewesen waren?
Ab und zu sind wir beim ZSC auch 22 Kinder. (lacht) In beide Rollen wächst man hinein. Ich war auch nicht von Anfang an der Captain, der ich heute bin. Ich musste viel lernen, fiel oft auf die Nase. So ist es auch als Vater. Man macht viele Fehler, ist unsicher. Wenn man sein Kind zum ersten Mal hält, hat man das Gefühl, es zerbreche. Es war für mich als Mensch eine riesige Erfahrung, dass ich Captain sein durfte beim ZSC und im Nationalteam. Davon konnte ich auch in anderen Lebenssituationen profitieren. Aber das macht mich nicht zu einem besseren Vater. Das Wichtigste ist, dass man seinem Kind viel Liebe gibt.

Welche Bedeutung haben Rituale im Familien- und im Teamleben?
Für Kinder sind Rituale ein Anker. Zum Beispiel beim Zubettgehen. Zuerst wird das Pyjama angezogen, dann gibt es noch eine Gutenachtgeschichte, dann wird geschlafen. Auch wir Sportler pflegen viele Rituale, persönliche wie solche im Team. Man geht am Spieltag zusammen essen. Vor dem Spiel läuft man in der gleichen Reihenfolge aufs Eis. Rituale geben auch einem Sportler Sicherheit. Diese Parallele sehe ich durchaus.

Sind die Werte in einer funktionierenden Familie die gleichen wie in einer funktionierenden Mannschaft?
In einer Familie ist es viel hierarchischer, bestimmen die Eltern. Aber die Werte sind ähnlich. Gegenseitiger Respekt, ein Zusammengehörigkeitsgefühl, ein Miteinander. Im Sport wird das konkreter aufs Spiel ausgelegt, und es ist kurzlebiger. In der Erziehung sind Geduld und Ausdauer kapital, das geht über Jahre.

Wie wichtig sind Ihnen Hierarchien im Team?
Sie sind im Vergleich zu früher gelockert worden, und das finde ich gut so. Es ist nicht mehr so, dass die Jungen allen die Taschen auspacken müssen. Und es gibt auch nicht mehr so ausgeprägte Aufnahmerituale wie früher. Aber sicher ist es so, dass wir von einem jungen Spieler nach wie vor Respekt verlangen. Respekt gegenüber Spielern, die schon viel für den Club geleistet haben oder in ihrer Karriere allgemein. Und dass die Jungen merken, wie sie der Mannschaft helfen können. Etwa, indem sie den Car aufräumen nach einer Busfahrt.

Hat sich die jüngere Generation verändert?
Absolut, aber das hat nichts mit dem Eishockey zu tun, sondern mit der Gesellschaft. Junge Menschen haben heute viel mehr Möglichkeiten, aber sie stehen auch viel stärker unter Druck. Sie müssen sich schon früh behaupten und sind deshalb auch frecher. Sie können sich nicht sagen: Ich fliesse mit der Gesellschaft mit, und es kommt dann schon gut. Sondern: Ich muss mich als Individuum verbessern, mich durchkämpfen. Das merken wir auch. Es kommen junge Spieler rein, die nicht mehr das Teamdenken haben, das uns prägte. Ein junger Spieler sieht den ZSC vielleicht nur als Sprungbrett für die NHL. So weit dachten wir gar nicht.

Zu welchen Führungsspielern schauten Sie früher hoch?
Ich pickte mir Dinge heraus von verschiedenen. Es gibt ganz unterschiedliche Leadertypen. Edgar Salis war mit seiner Gelassenheit einer, an dem ich mich orientierte. Mark Streit, mit welcher Disziplin er diesen Sport anging. Claudio Micheli mit seinem Spielwitz. Ein Vorbild ist für mich auch mein Vater. Ich kenne keinen Menschen, der so Freude hat am Spiel wie er. Er spielte früher selbst, ist immer noch Coach und geht jeden Match schauen. Ob die U-17 spielt, die FrauenNati oder die zweite Mannschaft des EHC Uzwil. Seine Freude am Spiel ist extrem. Wenn wir Milla nach Uzwil geben, kann er mit ihr acht Stunden spielen. So ideenreich ist er. Es ist lustig bei meinen Eltern: Mein Vater ist der Spieler, der auf alles drauflosstürzt, meine Mutter die Überlegte, die die Fäden zusammenhält.

Als Captain trugen Sie an der WM zum speziellen Teamspirit bei. Kann man diesen reproduzieren?
Es gibt viele Faktoren, die man auf eine gewisse Weise beeinflussen kann. Aber trotzdem muss es wirklich perfekt stimmen, dass es so aufgeht. Es passte sehr viel zusammen, auf dem Eis wie in der Garderobe. Es begann mit dem Startsieg gegen Schweden, und dann wuchs und wuchs der Glaube. Aber dieser Erfolg kam nicht aus dem Nichts. Das Schweizer Eishockey ist der Weltspitze in den letzten Jahren näher gerückt.

Wären Sie gerne wieder Captain an den Olympischen Spielen?
In Sotschi ist Mark Streit Captain. Ich wäre einfach gerne dort dabei.

Steht das fest mit Streit?
Es ist für jeden Spieler klar, dass Streit der Captain sein wird.

Nationalcoach Sean Simpson hat das aber noch nicht gesagt, oder?
Das muss er nicht sagen. Das ist klar. Weil Streit schon immer Captain war. Und weil er unser bester Verteidiger ist.

Aber Sie sind der Silbercaptain.
Ja, das ist schön und gut. Aber es ist Streits Position. Ich durfte einspringen, weil er nicht kommen konnte.

Wenn Sie einen Wunsch fürs neue Jahr frei hätten, was wäre der?
Gesundheit für meine Nächsten.

Keine Olympiamedaille?
Aha. Nein, schon Gesundheit. Das ist das Wichtigste im Leben. Gesundheit und Zufriedenheit. Und natürlich obendrauf eine Olympiamedaille. (lacht)

Erstellt: 24.12.2013, 12:37 Uhr

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