Die Meisterschaft der Profiteure

Im Schweizer Fussball sind selbst in den unteren Ligen Monatslöhne von mehreren Tausend Franken möglich. Oft schwarz. Und zum Schaden vieler.

Auch abseits von Spitzenklasse und Komfort lässt sich im Fussball Geld verdienen. Foto: Charles Sturge (Alamy Stock)

Auch abseits von Spitzenklasse und Komfort lässt sich im Fussball Geld verdienen. Foto: Charles Sturge (Alamy Stock) Bild: Alessandro della Valle/Keystone

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50'000 Franken pro Jahr in der 1. Liga? «Eher höher.» 30'000 in der 2. Liga? «Möglich.» 15'000 in der 3. Liga? «Kommt vor.» Wer zahlt das? «No comment.» Die Offenheit im Amateurfussball hat Grenzen. Die Stimme verstummt, sie will nicht mehr über Spielerlöhne sprechen. Wer sich ein bisschen umhört auf den Fussballplätzen, der weiss, im Amateurfussball wird Geld gezahlt, viel sogar. Und er hört Sätze wie: «Du schaust die Mannschaft an und weisst, die kostet den einen oder anderen Franken.»

Der Amateurfussball ist eine Familie, die sich kennt, sich aber gewöhnlich nicht nahesteht. Geht es jedoch um Geld, rückt sie zusammen. Alle wissen es, viele tun es, niemand spricht darüber, schon gar nicht mit Namen – oder wie es ein Präsident sagt: «Ich will kein Robin Hood sein.» Spielerlöhne sind ein Graubereich, in dem gerne schwarz abgerechnet wird. Sportchefs belieben zu sagen: «Ich sage den Löhnen lieber Spesen oder Prämien.» Konfrontiert man sie mit den Bezügen eines Spielers, kommt zurück: «Können Sie das belegen?»

Wohnungen, Autos, Jobs

Einiges hat sich gewandelt im Amateurfussball in den vergangenen Jahren. Das wird im Gespräch mit Clubpräsidenten und Sportchefs klar. Stellvertretend für sie steht Piero Bauert, der Präsident von YF Juventus:

«Das Erste, was Spieler mich jeweils fragen, ist: «Was zahlt ihr?» Das kann es doch nicht sein. Der muss gar nicht zu mir kommen.»

Bauert ist seit über 20 Jahren im Amateurfussball tätig, seit 2006 Präsident des Promotion-League-Clubs YF. Sponsoren finden sei schwieriger geworden, immer weniger Leute wollen im Verein freiwillige Arbeit leisten, die Vereinstreue der Spieler habe ab-, deren Ansprüche zugenommen, bereits die Jungen hätten Berater, und der Respekt sei eher zurückgegangen.

Regionale Halblegalität

Bauert sagt, ohne Geld sei ambitionierter Amateurfussball illusorisch. Also zahlt auch er gewisse Löhne – aus dem eigenen Sack. «Alles im moderaten Rahmen, nicht so wie andere.» Über Zahlen mag er nicht reden, das mache er nicht, im Fussballgeschäft werde ja ohnehin viel gesprochen und gelogen. Es ist der Singsang der Amateurfussballfunktionäre. Es herrscht eine «Ich nicht, du aber auch»-Mentalität. Wie das Geschäft funktionieren kann, zeigt folgendes Zitat eines anonym bleiben wollenden Fussballers:

«Ein 4.-Liga-Club wollte mich ­unbedingt. Ich sagte: Damit ich komme, brauche ich 30'000 Franken. Die lange Anfahrt, schlechtere Liga, unbekanntes Team etc. Sie sagten: Wir klären das ab. Am nächsten Morgen hiess es ‹okay›. Ich wäre über eine dem Trainer ­nahestehende Firma abgerechnet worden, der Präsident hätte es wohl gar nicht mitbekommen. Das war mir zu heikel.»

Es erstaunt, wie viel manchen Leuten Erfolg im Regionalfussball wert ist. Sie werfen Geld auf für Prestige und ein paar Schulterklopfer – und bedienen sich halblegaler bis illegaler Kniffs. Es gibt den Ehrenpräsidenten, der sein Kässeli öffnet, Sponsoren oder Gönner, die Spieler finanzieren – in der Club-Buchhaltung ist davon nichts zu sehen. Insider gehen davon aus, dass das Meiste schwarz geschieht – dem Handschlag folgt ein Couvert. Millionen gehen am Fiskus und an Sozialversicherungen vorbei. Auch beliebt: den Spielern Sachleistungen wie Wohnungen oder Autos bieten. Oder einen Job. Rapperswil macht das über Dieci, Tuggen über Tulux oder Wettswil-Bonstetten über die Post.

Jahrelang galt im Amateurfussball ­Artikel 44 des Wettspielreglements: ­Spesen für Reisen oder Material sind erlaubt, nicht aber Löhne. Bezahlt wurde trotzdem. 2012 reagierte der Schweizerische Fussballverband (SFV) mit einem neuen Artikel. Seither wird zwischen Amateuren und Nichtamateuren unterschieden. Wer im Jahr mehr als 6000 Franken plus Fahrspesen erhält, fällt in die Kategorie Nichtamateur und muss einen Arbeitsvertrag abschliessen. Was ist passiert? Nicht viel. Heute sind beim Verband 768 Nichtamateure registriert. Nur 768.

Niemand zahlt Versicherungen

Geht man davon aus, dass in der Super und der Challenge League bereits rund 500 Profispieler beschäftigt sind (20 Vereine à 25 Spieler), dann verteilen sich die restlichen 268 auf die unteren Ligen. In der Promotion League und der 1. Liga agieren 58 Mannschaften, die befragten Sportchefs gehen vorsichtig geschätzt von einem durchschnittlichen Monatslohn von 1000 Franken aus. Dazu kommen ambitionierte Zweitligaclubs. Die Zahlen zeigen, dem Gebot des Verbandes wird kaum Folge geleistet, nur selten werden Spieler als Nichtamateure gemeldet. Beim SFV ist man sich dessen bewusst, sagt aber: «Wir sind keine staatliche Instanz und können den Blick in die Bücher nicht durchsetzen.» Verfahren gegen fehlbare Vereine oder Spieler gibt es kaum. Denn wo kein Vertrag, da kein Beweis.

«Wir zahlen unseren Spielern AHV, doch haben Sie schon einmal ein Vertragswerk des Verbands ge­sehen? Viel zu umständlich, viel zu bürokratisch, das soll doch auch per Handschlag gehen.»

So ehrlich das klingt, so problematisch ist dieses Zitat eines Sportchefs aus der 1. Liga. An sich müsste jeder Verein, der seine Spieler mit mehr als 2300 Franken pro Jahr entlöhnt, Sozialabgaben wie die AHV entrichten – und auch eine private Unfallversicherung abschliessen. Weil Fussball eine Risikosportart ist, kann die Prämie über 40 Prozent des Salärs ausmachen. Auf einen Monatslohn von 1000 Franken kommen so total Sozialleistungen von 500 Franken.

Die Vereine wissen um ihre Pflicht, sie haben im Oktober 2015 ein Schreiben bekommen, das sie explizit darauf hinweist. Doch der Anreiz, dieses Geld zu sparen, überwiegt ­offenbar – Beobachter gehen davon aus, dass nur sehr wenige Clubs ihre Spieler gegen Unfall versichern. Lieber investieren sie ins Kader. Deshalb sagt Werner Baumgartner, der Präsident des SC Kriens aus der Promotion League:

«Clubs wie wir, die sich an das Gesetz halten, werden benachteiligt.»

Auch die Suva spricht von einem Problem. Immer wieder kommt es vor, dass bezahlte Fussballer ihre Kreuzbandrisse und Beinbrüche über die Unfallversicherung ihres Arbeitgebers abrechnen, obwohl der Fussballverein dafür verantwortlich wäre. Weil die Spieler oft schwarz bezahlt werden, kann die Suva die Fehlbaren nicht belangen. Kurz: Sie zahlt Leistungen, die sie nicht müsste.

Am besten fahren bei all den grauen Bereichen und schwarzen Zahlen am Ende die Spieler. Sie sind und bleiben begehrt. Das zeigt sich auch im Misserfolg. Da wechseln halt einmal zehn den Club.

Erstellt: 14.10.2016, 08:39 Uhr

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