Die Obwalden-Connection

Der Deutsche Fussball-Bund legt den Bericht zur WM-Vergabe 2006 vor. Fazit: Keine Beweise für Bestechung, aber neue Fragen zu verschleierten Geldflüssen.

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Über vier Monate lang durchkämmten 35 Anwälte die Archive des DFB, des grössten Sportverbands der Welt, sichteten 128'000 Files und 740 Aktenordner. Am Ende führte die Spur vom Deutschen Fussball-Bund zu einer Anwaltskanzlei in die Innerschweiz, nach Sarnen, wo einst Franz Beckenbauer gewohnt hatte. Ein Anwaltsbüro namens Gabriel & Müller entpuppte sich als Drehscheibe für auffällige Gelder rund um die WM-Vergabe 2006.

Die Schweizer Juristen sind damit Teil der Krise, in welcher der DFB seit letztem Oktober steckt. Im Raum steht ein schlimmer Verdacht: Hat der Verband, der die WM 2006 mitorganisierte, Funktionäre bestochen, um das Turnier nach Deutschland zu holen?

Der «Spiegel» hatte zuerst von dubiosen Geldflüssen rund um die Vergabe der WM berichtet, es ging um eine falsch deklarierte Zahlung von 6,7 Millionen Euro, die nie in den Büchern des DFB aufgetaucht war. Präsident Wolfgang Niersbach verhielt sich bei den anschliessenden Aufklärungsversuchen derart ungeschickt, dass er wenige ­Wochen später sein Amt niederlegen musste. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt begann wegen Verdachts auf Steuerbetrug zu ermitteln, und weil ein Teil des Geldes durch die Schweiz geflossen war, stieg auch die Bundesanwaltschaft in den Fall ein und gewährte Rechtshilfe.

Gestern präsentierten nun die vom DFB angestellten Anwälte der Wirtschaftskanzlei Freshfields die Ergebnisse einer internen Untersuchung. Der Bericht ist 380 Seiten dick. Einen Beweis, dass die WM gekauft war, enthält er nicht. Aber es würden sich zahlreiche neue Fragen stellen, sagte Chefermittler Christian Duve. Der DFB habe über Jahre versucht, die dubiose 6,7-Millionen-Zahlung zu vertuschen, auch langjährige Spitzenkräfte wie der vorletzte Präsident Theo Zwanziger und der frühere Generalsekretär Horst R. Schmidt trugen Mitverantwortung. «Die internen Kontrollmechanismen haben komplett versagt», sagte Interimspräsident Rainer Koch vor den Medien. Und attackierte den letzten Präsidenten Niersbach erneut: «Dem Vorstand des Verbands wurden über Monate Informationen vorenthalten.» Statt die DFB-Spitze zu alarmieren, habe Niersbach auf eigene Faust ermittelt. «Das ist ein inakzeptabler Vorgang ­gewesen», so Koch.

Aus der Innerschweiz nach Doha

Im Zentrum der Geschichte steht Franz Beckenbauer. Er präsidierte das WM-Organisationskomitee, und es war sein damaliger Manager Robert Schwan, der im Mai 2002 eine Zahlung auslöste, die eine Kettenreaktion in Gang setzte. Schwan überwies sechs Millionen Franken Beckenbauers auf ein Konto des ­Anwaltsbüros Gabriel & Müller bei der Obwaldner Kantonalbank in Sarnen.

Von dort floss das Geld weiter nach Katar – an die Kemco Scaffolding Co. Das Unternehmen gehört dem einst mächtigen Fifa-Vorstand Mohamed Bin Hammam, der 2011 wegen Korruptionsvorwürfen lebenslang suspendiert wurde.

Dann kam ein Bekannter Beckenbauers ins Spiel: Robert Louis-Dreyfus, langjähriger Chef von Adidas. Der Franzose, der in der Schweiz lebte, überwies am 16. August 2002 zehn Millionen Franken auf dasselbe Konto bei Gabriel & Müller. Davon gingen sechs Millionen weiter an Franz Beckenbauer, der damit sein Geld zurück hatte. Und die restlichen vier Millionen wurden nach Katar überwiesen, zur Kemco. Total erhielt Bin Hammam also zehn Millionen Franken.

Auf dem Konto von Louis-Dreyfus klaffte danach jahrelang ein Loch. Der Adidas-Chef wollte sein Geld zurück, und nun zeigte sich, wer eigentlich hinter der ganzen Sache steckte: Der DFB selbst übernahm es, Louis-Dreyfus’ Loch zu stopfen. Mit einem Trick: Der Verband überwies 6,7 Millionen Euro, was ungefähr zehn Millionen Franken entsprach, an die Fifa. Offizielle Begründung: Kostenbeteiligung an einer Gala. Nur: Dieses Fifa-Fest fand nie statt. «Der wahre Zahlungsgrund wurde bewusst verschleiert», schreibt Freshfields heute.

Noch am Tag des Eintreffens auf dem Fifa-Konto floss das Geld an Louis-Dreyfus weiter. So erhielt der Adidas-Chef sein Darlehen zurück. Im Ergebnis bedeutet das: Der DFB hat dem korrupten Mohamed Bin Hammam indirekt zehn Millionen Franken zugehalten – unter Vorspiegelung falscher Tatsachen.

Schmieren für Subventionen?

Warum die Millionen im Jahr 2002 nach Katar flossen, ist bis heute ein Rätsel. Die Vergabe der WM hatte zwei Jahre früher stattgefunden – das spricht gegen eine Bestechung von Bin Hammam oder anderen asiatischen Exekutivmitgliedern. Freshfields thematisiert deshalb eine andere, nicht weniger brisante Theorie: Es wurde geschmiert, um Fifa-Subventionen zu bekommen. Nachdem Deutschland als WM-Gastgeber auserkoren war, stellte sich die Frage, ob die Fifa den Organisatoren finanziell unter die Arme greifen würde. Präsident Sepp Blatter soll zu Beginn noch gesagt haben, dass Deutschland «als reiches Land» keine Hilfe brauche. Die Haltung des Wallisers veränderte sich aber, und 2002 war entschieden: Die Fifa würde 250 Millionen Franken an Subventionen zahlen. Die Verhandlungen zwischen dem Weltverband und dem DFB waren indessen zäh. Seitens der Fifa beschäftigten sich das Exekutivkomitee und die Finanzkommission mit dem Thema. In beiden Gremien sass Mohamed Bin Hammam.

Weiter kamen die Freshfields-Anwälte nicht – unter anderem, weil sie mit vielen Akteuren nicht sprechen konnten. Einige sind verstorben (Robert Schwan, Robert Louis-Dreyfus), andere schwiegen. Sepp Blatter lehnte wegen seiner Suspendierung ein Gespräch ab; Fifa-Finanzchef Markus Kattner hatte von der Bundesanwaltschaft ein Redeverbot erhalten.

Auch die Anwälte der Obwaldner Kanzlei Gabriel & Müller gaben keine Auskunft. Das Büro antwortete gestern auch nicht auf Fragen des TA. Kurz nach Publikation des Freshfields-Berichts schalteten die Anwälte ihre Website ab.

Zwischen Gabriel & Müller und Beckenbauer gibt es Verbindungen, die weit zurück reichen. Die Anwälte sassen früher mit dem Manager des «Kaisers» im Verwaltungsrat einer Aktiengesellschaft, der SKK Rofa AG, die inzwischen liquidiert ist. Laut der «Zeit» diente die SKK einst als Vehikel, um Beckenbauers Namen zu vermarkten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.03.2016, 22:44 Uhr

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