Die Revanche des Kettenkauers

Real Madrids Trainer Carlo Ancelotti rettet seinen Job mit dem Derbysieg in extremis – und ordnet die Machtverhältnisse in der Stadt neu.

Ancelotti kaut sich durch – nicht zur Freude aller. Foto: Juan Medina (Reuters)

Ancelotti kaut sich durch – nicht zur Freude aller. Foto: Juan Medina (Reuters)

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Da war sie wieder, für alle sichtbar, die Erinnerung ans innere Brodeln, an die unterdrückte Nervosität – abgestanden im rechten Mundwinkel. Wenn Carlo ­Ancelotti Kaugummi kaut, und er ist ja ein Kettenkauer, dann bleibt nach dem Spiel, nach durchgestandenem Gefühls­chaos, ein weisser Rest zurück, ein Mix aus Speichel und Kauschaum. Hätte er Zeit, sich im Spiegel anzuschauen, bevor er vor die Medien tritt, dann würde er sich diesen weissen Flecken wohl wegwischen. Wie die Spieler ja auch Zeit ­haben, sich zu duschen, zu frisieren, nicht selten auch zu stylen und zu ­pudern, bevor sie mit ihren Kultur­beuteln französischer Provenienz durch die Mixed Zone defilieren, als wäre sie der Catwalk der Pariser Modeschau.

«Carletto» kam unfrisiert, ohne kosmetischen Eingriff vor dem Spiegel. Wahrscheinlich war ihm dieser weisse Rest ohnehin ganz egal. Wahrscheinlich ging ihm das Herz nach dem gewonnenen Madrider Derby geradeso sehr über vor Freude, vor Genugtuung gegenüber seinen vielen Kritikern auch, dass alles hinausmusste. Nicht trotzig, dafür geht ihm nun einmal das Temperament ab, die Selbstüberschätzung auch. Aber stolz. Wäre Real Madrid im Viertelfinal der Champions League gegen Atlético aus­geschieden, hätte es auch die achte Direktbegegnung dieser Saison nicht gewinnen können, dann wäre der Trainer aus Italien, dieser Gentleman seiner Gilde, geschasst worden wie ein Unhold. Trotz der «Décima», dem zehnten ­Königstitel, aus dem letzten Jahr.

Alles hatte man Ancelotti vorgeworfen vor diesem Schicksalsspiel im Santiago Bernabéu: seinen angeblich viel zu netten Umgang mit den Spielern, seine konservative Spielanlage, seine stets späten Auswechslungen ohne wahre Courage. Sogar an den Verletzungen von Modric, Benzema und Bale soll er schuld gewesen sein, weil er sie trotz Blessuren nicht rotieren liess, weil er ihre Dienste überstrapaziert habe. Nun gehört ihm Madrid, für einige Tage wenigstens. Dank eines erduldeten, erkrampften, erstocherten 1:0 in letzter Minute. Das war nicht schön. Doch Schicksalsspiele müssen wohl auch nicht schön sein.

Atléticos Erschöpfung

Ancelotti hatte Sergio Ramos als ­Mittelfeldspieler aufgestellt, wovon bis zum Spielbeginn nur die beiden wussten. Sehr gelungen war die Idee erneut nicht. Man hätte ihn wohl auch dafür zerrissen, wenn Real nicht gewonnen hätte. Ramos meinte hernach mit seiner ganz eigenen Subtilität: «Ich mag Trainer, die auch gute Menschen sind. Vor allem aber mag ich Trainer mit Persönlichkeit und Eiern, wie Ancelotti einer ist.» Womit auch diese offenbar unabdingbaren Kategorien wieder einmal deutlich benannt worden wären.

Madrid ist also wieder königlich, weiss, Real eben. Man muss aber auch dazu sagen, dass Atlético, ein Team mit mehr Herz als Fussball, in diesem europäischen Messen, diesem «Euro-Derby», nur noch entfernt an sich selber erinnerte, an die letztjährige Version. Damals wurde es spanischer Meister und scheiterte erst im Final der Königsklasse am Stadtrivalen. Es war eine Idylle, eine Kraftanstrengung mit absehbarem ­Tribut. Trainer Diego Simeone versuchte, die Romanze noch etwas zu verlängern. Aber am Ende fehlte die Kraft für diesen Blockadefussball, diesen ­eigentlichen Antifussball aus Ermangelung technischer Fertigkeiten.

Simeone erging sich nach dem Ausscheiden dennoch in einer Eloge über den Charakter seines Teams, die ein bisschen an Ramos’ Exkurs in die Verbal­anatomie erinnerte. «Das sind Männer, ich bin stolz auf sie», sagte der Argentinier. Doch es macht den Anschein, als sei der Elan erlahmt, dieser unbedingte Drive, den der Trainer mit seinen nunmehr legendären Motivationssitzungen im Kollektiv wie in Einzelgesprächen vor jedem Spiel anzukurbeln vermochte. Drei Jahre lang, eine wundersame Zeit mit vielen Titeln.

Zidanes Schatten

Nun kämpft «Atleti» in der Liga mit ­Valencia und Sevilla um den 3. Tabellenplatz, der dem Verein die ­direkte Qualifikation an der nächsten Champions League bescheren würde. Sie ist bitter nötig, auch finanziell, da Atlético noch immer von hohen Schulden gedrückt wird. Alltag, wie man ihn im Süden ­Madrids von früher kennt, wäre da fatal.

Madrider Alltag war auch, dass Real die Stadt beherrschte – einst maximal, nun noch minimal. Florentino Pérez ­übrigens, Reals Präsident, liess sich zunächst nicht vernehmen. Man hatte jüngst den Eindruck gewonnen, als wäre ihm ein Ausscheiden gar nicht so unlieb gewesen. Er hätte sich dann legitimiert gefühlt, Ancelotti zu entlassen und dessen früheren Vize Zinédine Zidane zu befördern, der das Nachwuchsteam des Vereins betreut. Pérez mag Trainer, die einen Heidenzirkus veranstalten, ständig, die sich auch balgen mit ihren Stars, mit Medien, mit Fans, die immer zu ­reden geben. Das ist gut für das Geschäft. José Mourinho war ihm deshalb ein ­besonders lieber Trainer, obschon er sportlich kaum Spuren hinterliess, schon gar nicht in der Trophäensammlung. ­Zidane wäre eine Personalie mit sicherer Strahlkraft, eine Legende, an deren ­Aktivzeit sich die meisten Zuschauer lebhaft erinnern. Viele sähen ihm gerne zu, wie er sich als Trainer Reals anstellen würde. Das wäre wohl ein Spektakel.

«Carletto» dagegen macht wenig ­Zirkus. Er bläst mal die Backen auf, zieht die linke Augenbraue hoch. Und kaut, kaut, kaut sich durch.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.04.2015, 00:28 Uhr

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