«Die Schweiz muss sich auf die einfachen Dinge beschränken»

Ottmar Hitzfeld stellt sich erstmals seit der Rückkehr aus Südafrika den Medien. Er spricht über die missglückte WM und seine Zukunft mit der Nationalmannschaft.

«Wir haben unsere Leistungsgrenze nicht erreicht», sagt Ottmar Hitzfeld.

«Wir haben unsere Leistungsgrenze nicht erreicht», sagt Ottmar Hitzfeld. Bild: Keystone

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Er scheint gut erholt. Von der langen Reise, von der strengen WM. Vom Hexenschuss vor allem, der ihn tags zuvor vom Golfplatz ins Bett zwang. «Ein schlechter Schlag», begründet Ottmar Hitzfeld das Malheur, als er sich gestern Donnerstag erstmals seit der WM in Riehen BS einigen Medienvertretern stellt. Schuld sei nicht etwa das Abschneiden der Schweizer in Südafrika gewesen.

Ottmar Hitzfeld, Sie haben die WM noch in Südafrika unmittelbar nach dem Out als persönliche Niederlage bezeichnet. Weil Sie gewisse Personalentscheide bereits bereuten?
Weil ich Bestandteil der Mannschaft bin und wie jeder andere im Team enttäuscht war. Ich habe mir ein Ziel gesteckt und es nicht erreicht. Dann ist klar, dass ich mir Gedanken mache: Was hätte ich anders machen können? Im Nachhinein ist man immer schlauer.

Zu welchem Schluss kamen Sie?
Dass es hypothetisch ist zu fragen, was wäre, wenn ich anders aufgestellt hätte. Ich kann das Gegenteil nicht beweisen, sondern mache mir Gedanken für die Zukunft. Mit vier Punkten lagen wir im Soll, aber wir haben das Schlüsselspiel gegen Chile verloren. So waren wir gegen Honduras unter Zugzwang, und dort war die Belastung für jeden Einzelnen zu gross. Es fehlte an Kreativität. Doch es hatte zuvor auch den Irrglauben unter den Journalisten gegeben, dass die Mannschaft gegen Honduras einfach den Hebel umschalten könne.

Dieser Glaube oder Irrglaube war auch bei den Spielern spürbar.
Wir haben unsere Leistungsgrenze nicht erreicht und begingen gegen Honduras zu viele Fehler. Wir hätten den Achtelfinal erreichen müssen, die Tür stand weit offen. Doch wir haben es nicht geschafft. Das Spiel aus der Verteidigung muss schneller werden, präziser sein, im Mittelfeld zeigten wir nicht die gewünschte Passqualität und Risikobereitschaft, und im Angriff hatten wir Probleme. Das generelle Fazit ist, dass sich die Schweiz auf die einfachen Dinge beschränken muss, aufs Verteidigen. Im Angriff können wir uns nicht mit den grossen Nationen vergleichen.

Führt die Kreativitätsdiskussion, angeregt vom Nationalmannschafts-delegierten Peter Stadelmann, in die richtige Richtung?
Wer Kreativität fördern will, dem sage ich: Das eine tun, das andere nicht lassen. Natürlich müssen wir einen Schritt vorwärts machen in der Entwicklung unseres Spiels – die Defensive dürfen wir trotzdem nicht vernachlässigen. Die Schweiz hat immer schon von der guten Organisation gelebt. Wenige Tore zu kassieren ist bereits eine grossartige Leistung – an dieser WM war es nur eines.

Wird die Entwicklung des Spiels mit neuen Spielern vorangetrieben oder vor allem mit Arbeit?
Einen grossen Umbruch wird es nicht geben – dafür haben wir nicht die grosse Auswahl. Das heisst aber nicht, dass nicht der eine oder andere eine Chance erhalten wird. Trotzdem wird der Stamm zusammenbleiben.

Das bedeutet, dass Sie weiterhin auf Hakan Yakin setzen werden?
Das möchte ich offen lassen. Hakan Yakin oder auch Benjamin Huggel können uns immer noch helfen, bis andere Spieler nachrücken.

Welche Rolle nimmt Alex Frei ein?
Er ist unser Captain. Wenn er fit ist und in Basel regelmässig zum Einsatz kommt, ist er Stammspieler.

Hat er genug Rückhalt im Team?
Er ist als Captain anerkannt in der Mannschaft, führt viele Gespräche, auch mit dem Verband, die Prämienregelungen laufen über ihn. Das geht nur, wenn er das Vertrauen des Teams hat.

Die Nominierung von Alex Frei für das Spiel gegen Chile war eine besonders diskutierte Frage. Wie schwierig war der Entscheid für Sie?
Jede Aufstellung ist schwierig. Was mache ich nach dem Spanien-Spiel? Bringe ich mit Alex Frei einen frischen Spieler und integriere ihn wieder als Captain? Oder lasse ich ihn draussen?

Waren Sie sich über seinen Fitnessstand im Klaren?
Aus trainingstechnischer Sicht war er fit. Das Fragezeichen war die Spielpraxis. Aber Alex verliert wegen fehlender Praxis nicht seine Torgefährlichkeit.

Also haben Sie nicht gezweifelt?
Nein. Wenn jemand einsatzfähig ist, in den ich Vertrauen habe, dann bringe ich ihn auch. Das ist meine Philosophie.

Dies bedeutet, dass Eren Derdiyok nicht dieses Vertrauen geniesst.
Natürlich hat er mein Vertrauen. Aber Alex Frei hat einen ganz anderen Leistungsausweis. Schauen Sie doch nur auf seine Länderspieltore im Vergleich zu jenen von Eren Derdiyok. Derdiyok ist jung und braucht Zeit. Man kriegt im heutigen Fussball nicht mehr so viele Chancen. Also muss er mehr Kaltschnäuzigkeit zeigen, sein physisches und läuferisches Potenzial, seine Wucht und Kraft vor dem Tor besser umsetzen.

Könnte sich die Schweiz einen radikalen Schnitt überhaupt leisten?
Wieder hypothetisch, ob ein solcher Umbruch zu verkraften wäre oder nicht. Es hat schon im Kader genügend Spieler, die für Konkurrenz sorgen. Diese Spieler müssen auch Leistung bringen in ihren Klubs, um ein Thema für die Nationalmannschaft zu sein. Ich möchte mich einfach nicht festlegen für die Zukunft einiger Spieler, sondern die Meisterschaft beobachten, und die Entwicklung der Spieler. Natürlich ist es das Ziel, die Mannschaft zu verjüngen.

Erstellt: 09.07.2010, 06:56 Uhr

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