Die Sündenliste der WM-Kandidaturen

Ob England, Japan, die USA oder sonst wer – sie alle wollten die Fussball-WM. Und sie alle kämpften mit unschönen Mitteln. Ob zerstörte Computer oder Geschenk-Handtaschen, das ist nur der Anfang.

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Seit über einem Jahr ermittelt der Ex-Staatsanwalt und Fifa-Ethikkommissar Michael Garcia zur Frage, ob es bei der Vergabe der Fussball-Weltmeisterschaften 2018 und 2022 Korruption gegeben habe. Nun hat der deutsche Richter Hans-Joachim Eckert als Chef der Urteilskammer der Ethikkommission den Bericht Garcias analysiert und dazu eine Zusammenfassung veröffentlicht. Er kommt zum Schluss, dass es vor der Wahl der Gastgeberländer der Jahre 2018 und 2022 zahlreiche «Zwischenfälle» gegeben habe. Im Fall von Russland und Katar liessen sich mögliche Regelverstösse nur bruchstückhaft rekonstruieren. Diese Unregelmässigkeiten reichten laut Eckert jedoch nicht aus, um die ganze Vergabe infrage zu stellen – ein Fazit, das noch zu reden geben wird.

Nachfolgend die «Sündenliste» der einzelnen Kandidaturen:

Australien 2022

Die Ermittler um Michael Garcia fanden «Zahlungen», die aus Australien in die Karibik zum nord- und zentralamerikanischen Fussballverband Concacaf flossen – wo sie sich mit dem privaten Vermögen des damaligen Präsidenten Jack Warner vermischten. Der hatte als Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees eine von 24 Stimmen bei der WM-Vergabe. Wie viel Geld geflossen ist, wird aus dem Bericht nicht ersichtlich.

Es gibt laut Bericht Hinweise darauf, wonach das australische Bewerberkomitee Regierungsgelder aus Entwicklungshilfeprojekten in Afrika in andere Länder umleiten wollte, die Verbindungen zu Mitgliedern des Exekutivkomitees hatten.

Ein australischer Berater soll gezielt die Nähe zu Mitgliedern des Exekutivkomitees gesucht haben, um den Eindruck zu erwecken, dass er den Vergabeprozess beeinflussen könne. Der Berater soll andere Kandidaturen «unsachgemäss verunglimpft» haben.

Holland/Belgien 2018

Die Kandidatur verhielt sich – als einzige – vollständig korrekt.

England 2018

Concacaf-Präsident Jack Warner versprach der englischen Kandidatur, ganze «Blöcke von Stimmen» im Exekutivkomitee kontrollieren zu können. Er überflutete England mit «untunlichen Anfragen». England sei diesen Wünschen «oft» nachgekommen – unter Verletzung des Fifa-Ethik-Kodex.

Zum Beispiel sorgte das englische Komitee dafür, dass eine Person, die Warner «nahestand», in England eine Arbeitsstelle bekam.

England bezahlte auf Anregung von Jack Warner ein Galadinner für die karibische Fussball-Union im Wert von 55'000 Dollar.

Warner fragte auch nach nicht näher umschriebenen «Gefallen und Vorteilen» für seinen Joe Public Football Club im Karibikstaat Trinidad und Tobago, die offenbar teilweise erfüllt wurden.

Japan 2022

Die japanische Kandidatur verteilte 2010 verschiedene Geschenke an «senior Fifa officials», Mitglieder des Exekutivkomitees und deren Frauen. Dazu gehörten Kameras und Handtaschen im Wert von 700 bis 2000 Dollar pro Stück. Mitglieder des Exekutivkomitees, die vom Garcia-Team nach diesen Geschenken gefragt wurden, konnten sich daran nicht erinnern oder sagten, sie seien «nicht relevant».

Südkorea 2022

Der Ehrenpräsident der Korean Football Association schlug vor, einen koreanischen Fussball-Entwicklungsfonds im Wert von 777 Millionen Dollar anzulegen. Diese Gelder sollten auf der ganzen Welt verteilt werden. Der vorgeschlagene Fonds war eng mit der koreanischen WM-Kandidatur verknüpft.

Katar 2022

Katar 2022 zahlte 1,8 Millionen Dollar, um 2010 einen Kongress des afrikanischen Fussballverbands in Angola zu sponsern – samt Galadinner und Unterhaltungsshows. Im Gegenzug erhielt die Kandidatur das Recht, am Kongress exklusiv für sich selbst Werbung zu machen. Laut Bericht waren solche Zahlungen «nicht verboten».

Auch die Schlüsselfigur Mohamed Bin Hammam taucht im Bericht auf. Die englische Zeitung «Sunday Times» hatte dem Katari vorgeworfen, Schmiergelder in Millionenhöhe vor allem an afrikanische Funktionäre ausgeschüttet zu haben – und so die WM nach Katar geholt zu haben. Bin Hammam kooperierte offenbar nicht mit Garcias Untersuchung. Der Bericht bestätigt im Wesentlichen die Zahlungen von Bin Hammam an Funktionäre in Afrika und in der Karibik. Allerdings habe Bin Hammam nicht zum Ziel gehabt, die WM nach Katar zu holen, sondern sich selbst zum Fifa-Präsidenten zu machen. Dafür wurde er im Dezember 2012 lebenslang von allen Fifa-Ämtern gesperrt.

Die Ermittler haben zwar zwei Berater der katarischen Kandidatur identifiziert, deren Verhalten zu «Besorgnis» Anlass gebe. Es fehle jedoch an entsprechenden Beweismitteln. Ausserdem seien Personen, die in der offiziellen Fifa-Welt keine Rolle spielten, nicht an den Fifa-Ethik-Kodex gebunden.

Richter Joachim Eckert kommt zum Schluss, dass alles in allem Katars Verhalten «nicht geeignet war, die Integrität der WM-Vergabe als Ganzes zu kompromittieren».

Russland 2018

Die russische Kandidatur stellte den Ermittlern nur einen Teil der relevanten Dokumente zur Verfügung. Aus einem einfachen Grund: Die Computer des Kandidaturteams waren inzwischen vernichtet worden. Der Schweizer Ex-Staatsanwalt Cornel Borbély, der die russische Kandidatur untersuchte, stellte daraufhin wenig überraschend fest, dass die vorhandenen Beweise nicht ausreichten, dem Russland-2018-Team falsches Verhalten vorzuwerfen.

USA 2022

Laut Bericht gab es «Hinweise» darauf, dass die US-Kandidatur asiatische Funktionäre beeinflussen wollte, etwa indem sie Gerüchte streute, China wolle für die WM 2026 kandidieren. Ansonsten verhielt sich das US-Komitee offenbar korrekt.

Portugal/Spanien 2018

Die Kandidatur ist eine Ausnahme, sie wird im Bericht nicht näher erwähnt. Offenbar, weil das Komitee sich teilweise weigerte, mit den Ermittlern zu kooperieren. Auch das wird noch zu reden geben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.11.2014, 15:00 Uhr

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