Die bittere Schweizer Realität

Die Ernüchterung nach dem 1:3 gegen England ist gross. Das Spiel legte schonungslos offen, welches die Defizite der Schweizer Nationalmannschaft sind.

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Die Spieler haben das Hotel an der Basler Messe längst verlassen. Der Chef ist noch da, um sich zu erklären. Und Ottmar Hitzfeld sagt: «Die Engländer haben uns die Grenzen aufgezeigt. Es ist eine ernste Situation. Wir stehen mit dem Rücken zur Wand.»

Hilflos, konzeptlos

Drei Sätze nach drei Gegentoren – sie sagen so viel aus über die Befindlichkeit am Morgen nach dem Start in die EM-Qualifikation. Nicht die Niederlage an sich ist das Problem, nicht dieses 1:3, denn gegen dieses England zu verlieren, ist viel weniger Überraschung als Normalität. Das Problem ist vielmehr, wie hilf- und konzeptlos die Schweizer waren, wie chancenlos spielerisch und körperlich. Wie ein weiteres Mal klar wurde: Es ist nicht immer Durban, nicht immer der 16. Juni, nicht immer sind sie so vom Glück begünstigt wie gegen Spanien.

Sie sind weit weg von der internationalen Spitze, viel weiter, als sie sich das wohl selbst vorgestellt haben. Ihre Mittel und Möglichkeiten sind beschränkt. Ihr einziger Vorteil ist, dass in dieser Gruppe der EM-Qualifikation nicht jeder Gegner die Klasse Englands besitzt. Gleichwohl mag sich Hitzfeld an diesem Morgen lieber nicht vorstellen, was sein wird, wenn es auch am 8. Oktober in Montenegro eine Niederlage absetzt.

Die Offensive: Allgemeine Harmlosigkeit

Die Bilanz, die trüb und trüber wird, liest und hört Ottmar Hitzfeld nicht gern. Dabei spricht er selber und von sich aus von einer «Torflaute». Diese Bilanz also sagt: 5 Tore in 11 Spielen, und nicht ein einziges davon von einem Stürmer erzielt, dafür von Inler (2), Fernandes, Costanzo und Shaqiri.

Die Abteilung Offensive wird besetzt von Alex Frei, Eren Derdiyok, Marco Streller, die Ersatzvariante heisst Albert Bunjaku. Die Angreifer leiden, und sie leiden auch, weil es ihnen an Unterstützung aus dem Mittelfeld fehlt, sie bekommen keine brauchbaren Bälle. Hitzfelds Kritik ist von bemerkenswerter Klarheit: «Ich hätte gegen England nicht Stürmer bei uns sein wollen.»

Gegen England hiess der Mann ganz vorne Derdiyok, ein Talent eigentlich, aber er zeigt als Nationalspieler viel zu selten, was in ihm steckt. Das ist auch Hitzfeld nicht verborgen geblieben. Er wiederholt jetzt, was er dem Basler von Bayer Leverkusen schon zur Pause am Dienstagabend sagte: «Er muss viel mehr investieren, um ein Tor zu erzielen. Er muss auch bereit sein, einmal einen Weg vergebens zu gehen.»

Die aktuelle Harmlosigkeit der Schweizer Stürmer lässt sich mit Zahlen belegen: Derdiyok mit 2 Goals in 27 Spielen, Frei seit einem, Streller gar seit drei Jahren torlos.

Alex Frei: Krampfhafte Suche

Für den Coach bleibt Alex Frei unbestritten – obschon sich in seinem Fall gezeigt hat, dass es weitaus bedeutenderen Gesprächsbedarf gibt als die paar Pfiffe von St. Gallen. Der Captain sucht krampfhaft seine Rolle auf der Position hinter der Spitze, die auf dem Papier analog zu jener von Wayne Rooney wäre.

Aber Frei lässt sich oft zu weit zurückfallen, bis tief in die eigene Platzhälfte, was sich auch als Zeichen seiner Unzufriedenheit über den Support für die Stürmer auffassen lässt. Nur ist er kein Rooney, der so beschleunigen kann, dass er sich danach auch am Abschluss des Angriffs beteiligen kann. Gegen England blieb er ohne Einfluss, die Wirkung seiner stehenden Bälle verpuffte auch. Hitzfeld will aber an Frei als hängender Spitze festhalten: «Er hat die spielerischen Qualitäten dafür.» Und fügt fast beschwörend bei: «Alex kann das.»

Auf den Frei der besten Tage wäre die Schweiz jetzt angewiesen, auf den treffsicheren Stürmer, der in 79 Länderspielen 40 Tore erzielt hat. Die kritischen Stimmen häufen sich, der Ton verschärft sich gegen die polarisierende Figur der Mannschaft. Nach dem Fehlstart in die Qualifikation sucht Frei immerhin keine Ausrede: «Die Engländer waren über 90 Minuten zweifellos besser. Was soll ich nach einem 1:3 über den Schiedsrichter diskutieren?» Und mit Blick auf Montenegro: «Wir sollten schnell anfangen, Punkte zu sammeln.»

Lichtsteiner, Ziegler, Inler: Die Fehleinschätzungen

Sie spielen im Ausland, in Rom, Genua, Leverkusen und lassen mit Leistungen wie jetzt in Basel doch nur eine Frage zurück: Wie ist es möglich, dass Stephan Lichtsteiner, Reto Ziegler und Eren Derdiyok in ihren Klubs Stammspieler sind? Sie führen die Fraktion der Nationalspieler an, die zur Selbstüberschätzung neigen, Lichtsteiner etwa glaubte vor zwei Jahren, Real Madrid sei an ihm interessiert.

Am Dienstag reklamierte er so lange, bis er verwarnt wurde und damit die Basis zu seinem Platzverweis legte. Darüber hat sich Hitzfeld «masslos geärgert», was in seinem Fall schon einer ordentlichen Schelte gleichkommt. Ziegler wurde vor der Pause Mal für Mal überlaufen, sodass sich die Frage aufdrängt, wie lange Hitzfeld bereit ist, an ihm festzuhalten.

Gökhan Inler soll den Chef im Mittelfeld spielen: die Defensive absichern, die Angriffe einleiten, den Abschluss suchen. Bislang ist er den Beweis schuldig geblieben, dass er ein solches Pensum auch erfüllen kann. Mit 26 hat er das Problem, dass er in seiner Entwicklung seit geraumer Zeit nicht wirklich weitergekommen ist.

Randnotizen sind im Vergleich dazu, dass Pirmin Schwegler am Dienstag eine unscheinbare Figur im Umfeld eines Stars wie Gerrard war. Und dass Xavier Margairaz wegen seiner Darbietungen als Standfussballer eigentlich keine lange Länderspielkarriere mehr vor sich haben dürfte.

Ottmar Hitzfeld: Der Kredit schwindet

Im März 2008 unterlag die Schweiz in einem Test Deutschland 0:4. Der «Blick» titelte: «Köbi, du Wurst!» Die welschen Anti-Kuhn-Zeitungen fragten aufgeregt: «Weshalb wird Kuhn nicht gefeuert?»

Von solch zornigen Reaktionen ist sein Nachfolger Hitzfeld bislang gefeit, trotz Luxemburg, trotz verpasstem Ziel an der WM, trotz England. Nur mehren sich kritische Stimmen von Zuschauern und Leserbriefschreibern und machen deutlich, dass Hitzfelds Kredit am Schwinden ist. Die Kritik gilt einem Trainer, der die Vorsicht und das Resultat über alles stellt, der nicht nur glückliche Personalentscheide fällt, der es bislang noch nicht geschafft hat, sein Team spielerisch weiterzubringen.

Was für die Spieler gilt, trifft deshalb nicht zuletzt auf Hitzfeld zu: Er steht im Oktober in Montenegro und gegen Wales enorm unter Druck.

Die Alternativen: Junge? Was für Junge?

Nach missratenen Spielen ist die Forderung schnell da: Jetzt müssen Junge her. Junge? Was für Junge? Die U-17Weltmeister sind in ihren Klubs unverändert nicht mehr als Nachwuchskräfte. Die Ausnahme wäre Nassim Ben Khalifa. Der Nachteil des 18-Jährigen ist, dass er in Wolfsburg nicht spielt. Ein Leichtgewicht wie Moreno Costanzo wäre gegen Gerrard und Barry vermutlich schwer aufgelaufen. Valentin Stocker und Xherdan Shaqiri sind als Talente längst ausgemacht, aber sie mit Verantwortung zu überfordern, dient niemandem, zuletzt ihnen.

Es gibt in der Super League nach wie vor keine besseren Schweizer Stürmer als Frei und Streller. Der Ruf nach Hakan Yakin ist ermüdend. Hitzfeld wird sich lieber fragen müssen, ob er nicht einen defensiv zuverlässigen Arbeiter wie Christoph Spycher zum Comeback überreden will.

Shaqiri habe sich «nachhaltig aufgedrängt», sagt Hitzfeld. Auf ihn will er bauen in Montenegro. Aber er weigert sich, «die Mannschaft umzukrempeln». Er halte an seinen «sieben, acht Leistungsträgern» fest und am Kader, das er habe. Deshalb nennt er die immer gleichen Alternativen: Barnetta, Stocker, Behrami, Philipp Degen . . . Er hofft, dass Streller seine Bestform findet, dass Derdiyok im Klub trifft.

Mehr bleibt der Schweiz nicht. Das ist die bittere Realität.

Erstellt: 09.09.2010, 08:17 Uhr

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