Die jüdische Seele des Fussballs

Dass Fussballfans andere Fans und Vereine als «Juden» schmähen, ist verbreiteter, als man glaubt. Das Phänomen hat einen realen historischen Hintergrund: Juden prägten den deutschen Fussball in seiner Frühzeit.

Die Fans von Ajax Amsterdam nennen ihren Club «Super-Juden», manche sollen einen Davidstern als Tattoo tragen. Die israelische Fahne weht im bengalischen Licht des Ajax-Fanblocks. Foto: Barry Bland (Imago)

Die Fans von Ajax Amsterdam nennen ihren Club «Super-Juden», manche sollen einen Davidstern als Tattoo tragen. Die israelische Fahne weht im bengalischen Licht des Ajax-Fanblocks. Foto: Barry Bland (Imago)

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Es wirkt abwegig, wenn Luzerner Fussballfans den FC St. Gallen als «jüdischen» Fussballclub hinstellen und ihn dazu dann in der Form lächerlich machen, wie sie das unlängst getan haben. Am FC St. Gallen ist nichts «jüdisch», und mutmasslich wissen die Luzerner auch nicht, was das heissen könnte. Allerdings war das wohl kein isoliertes Vorkommnis mit solch antisemitischem Hintergrund.

Wie Hans Stutz, Journalist mit Schwerpunkt Rechtsextremismus und Rassismus, dem «Tages-Anzeiger» erklärt, gibt es diese Art von Ausfällen gegenüber gegnerischen Fussballclubs weitaus häufiger, als allgemein wahrgenommen wird, ob in der Schweiz oder im europäischen Ausland. In der Sportberichterstattung werde das freilich in der Regel ignoriert. Deshalb ist es laut Hans Stutz auch nicht erstaunlich, dass die FCL-Clubleitung jetzt vor allem gegen den Fotografen vorgehen will, der den Vorfall dokumentiert und publik gemacht hat.

Dass Fussballclubs als «jüdisch» gelten, ist aber auch nichts Neues. Bekannt geworden ist dieses Phänomen am Beispiel zweier bedeutender europäischer Vereine. Es handelt sich um Ajax Amsterdam und um die Tottenham Hotspurs aus London. Sie werden schon seit Jahrzehnten als «jüdisch» apostrophiert, ohne dass es dafür eine wirklich einleuchtende Begründung gäbe. Noch erstaunlicher aber ist, dass sich ihre Fans damit völlig identifizieren, obwohl sie mit dem Judentum nichts zu tun haben. Dass die Hotspurs heute mit Daniel Levy einen jüdischen Präsidenten haben, hat mit dieser Geschichte jedenfalls nichts zu tun.

Die «Super-Juden»

So nennen die Fans von Ajax den Club «Super-Juden» und singen: «Wer nicht springt, ist nicht jüdisch» (nämlich auf der Tribüne); manche Fans sollen sogar einen Davidstern als Tattoo tragen. Natürlich sind einige der Anhänger auch jüdisch, aber deren Zahl ist unbedeutend. Mögliche Erklärungen für dieses Phänomen reichen weiter zurück in die Geschichte. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten in Amsterdam an die 100'000 Juden. Viele von ihnen waren Ajax-Anhänger und wohnten im Osten der Stadt, wo das alte Stadion lag. Doch von den holländischen Juden hat nur ein kleiner Teil den Holocaust überlebt.

Nach dem Krieg hatte der Verein zweimal einen jüdischen Präsidenten sowie prominente Spieler wie Bennie Muller, Sjaak Swaart oder den Physiotherapeuten Salo Muller. Aber das machte ihn nicht zu einem jüdischen Club. Dennoch bekam er nach und nach dieses Image. In den 70er-Jahren fing es dann auch an mit antisemitischen Ausfällen gegen Ajax.

Im Gegenzug legten sich Fangruppen wie F Side ein jüdisches Image zu, ohne jüdisch zu sein. Die englischsprachige Ausgabe von «Spiegel online» zitiert in diesem Zusammenhang den holländischen Fachjournalisten Hans Knoop, der erklärt, dass diese Fans sich im Übrigen weder für Israel noch für das Judentum interessierten und «90 Prozent nicht mal wissen, wo Israel liegt». Aber um die Mannschaft anzufeuern, rufen sie «Juden, Juden» oder «Super-Juden».

Das Spiegelbild sind dann die Rufe der Gegner, etwa von Feyenoord Rotterdam: «Hamas, Hamas, Juden ins Gas», oder sie machen Gasgeräusche, die an die Gaskammern erinnern. Knoop bezeichnet sie als nicht zwingend antisemitisch, aber wenn Ajax jüdisch sei, dann seien sie eben gegen Juden.

Auch die Geschichte der Tottenham Hotspurs, im Norden Londons zu Hause, geht weit zurück. Dieser Club hatte in seinen Anfängen ebenfalls jüdische Fans, die in benachbarten Stadtteilen lebten. Dort hatten sich ab dem vorigen Jahrhundert viele jüdische Immigranten niedergelassen.

«Erst recht»

Als dann in den Siebzigerjahren wie in Holland und mit denselben Injurien der Rassismus unter den Fans um sich griff, antworteten die Tottenham-Anhänger mit einem trotzigen «Erst recht». Sie nannten sich nun selber «Yid Army», mit dem die anderen sie eigentlich beleidigen wollten. «Yid» ist eigentlich ein Schmähbegriff. Darauf hat man die Fans auch wiederholt aufmerksam gemacht, aber sie beteuern, hier niemanden beleidigen zu wollen.

Die Fans beider Vereine zeigen sich auch gerne mit der blau-weissen Israel-Fahne und hebräischen Buchstaben auf Hüten, Jacken oder Halstüchern. Was sie vereint, ist vor allem, dass ihre Clubs als jüdisch geschmäht wurden und sie sich als Anhänger als Antwort nun selber eine solche Pseudoidentität zulegten. Das konnte so weit gehen, dass sie bei einem Spiel gegen eine deutsche Mannschaft ein Banner mit der Aufschrift aufrollten «Juden rächen sich für 40–45». Umgekehrt hat der immer aggressiver auftretende Antisemitismus unter den Gegnern inzwischen wirklich jüdische Fans davon abgehalten, die Spiele noch zu besuchen. Den Managements der Clubs ist längst mehr als unbehaglich zumute angesichts dieser Entwicklung.

Historisch ist die Beziehung von Juden zum Fussball vor allem in seinen Anfängen nicht immer unproblematisch: «Fussball ist nichts für einen jüdischen Bub», so lernten es viele zu Hause oder vom Rabbiner. Aber das hat nicht verhindert, dass sie trotzdem kickten, Anhänger oder auch Funktionäre wurden.

Besonders interessante, doch unterschiedliche Beziehungen von Juden zum Fussball entwickelten sich in Deutschland und in Österreich/Ungarn. Von hier stammten bedeutende Figuren, die diesen englischen Sport auf dem Kontinent mit heimisch machten. In Deutschland, dem Stammland einer antisemitisch, nationalistisch und militaristisch geprägten Turnerbewegung, erblickten Juden im Fussball eine Gegenkraft. Er verkörperte die Moderne, war ein internationaler, ein unideologischer, ein teilweise auch bürgerlich geprägter Mannschaftssport. Bald nach der Jahrhundertwende wandten sich die ersten Juden begeistert dem neuen Sport zu, Wohlhabende unter ihnen wurden zu Mäzenen und Förderern. Das Fussball-fachmagazin «Kicker» ist die Gründung des jüdischen Journalisten Walther Bensemann, der 1934 im Schweizer Exil starb. Bensemann war auch Mitbegründer des Deutschen Fussball-Bundes (DFB). Fussball war immer auch ein Angebot zur Assimilierung und zur Widerlegung des Vorurteils, Juden hätten im Sport nichts verloren

Ein herausragendes Beispiel für den Einfluss von Juden auf den Aufbau einer deutschen Fussballkultur ist der Münchner Kurt Landauer (1884 bis 1961), der einst den FC Bayern gross machte und als Präsident mit ihm 1932 erstmals die deutsche Meisterschaft gewann. Ihm zur Seite standen aber auch jüdische Ausnahmespieler und Trainer wie der Österreicher Richard Dombi. Zu den Gründern des FC Bayern gehörte der später bekannte Bildhauer Benno Elkan (von ihm stammt die Menorah vor der Knesseth in Jerusalem), denn dieser neue Sport zog auch Künstler und Intellektuelle an. Landauer erkannte als einer der Ersten, dass der Fussball nach englischem Vorbild professionalisiert werden musste, und führte in dieser Hinsicht einen langen Kampf gegen den DFB, der am Amateurstatus festhalten wollte.

Auch Landauer, den die Nazis 1938 in Dachau inhaftierten, musste emigrieren und überlebte den Krieg in Genf. Eine Begebenheit aus jenen Jahren wurde berühmt. Als der FC Bayern 1943 zu einem Freundschaftsspiel nach Zürich kam, sass Kurt Landauer auf der Tribüne im Hardturm. Und «seine» Spieler grüssten zu ihm hoch, ihrem einstigen verehrten Präsidenten. Diese Geste trug zu seinem Entschluss bei, nach dem Krieg nach München zurückzukehren und nochmals als Präsident zu amtieren.

Lange hat sich der FC Bayern unserer Tage dieser Geschichte nicht mehr erinnert. Dass sich das inzwischen geändert hat, ist auch dem deutschen Fussballhistoriker Dietrich Schulze-Marmeling zu verdanken. 2011 erschien von ihm «Der FC Bayern und seine Juden», 2014 von Dirk Kämper die Biografie «Kurt Lan-dauer», gleichzeitig mit dem Fernsehfilm über ihn. Der frühere Präsident Uli Hoeness und der heutige Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge, die in ihren jungen und aktiven Jahren den Namen Landauer nicht einmal kannten, setzen sich heute für ein Erinnern ein. Inzwischen pflegt vor allem die Fan-gruppe der Südkurve mit Namen «Schickeria» das Andenken an Kurt Landauer. Anders als in Amsterdam oder London legen sie sich aber keine falsche jüdische Identität zu.

Jüdische Geburtshelfer

Auch Eintracht Frankfurt oder der Vorgängerclub des heutigen SC Freiburg sind eng mit jüdischen Geburtshelfern verbunden, und sie galten lange oder manchmal heute noch als jüdische Clubs – aber wiederum nicht zu vergleichen mit Ajax oder Tottenham.

Wenn man sich die Frühgeschichte des kontinentaleuropäischen Fussballs anschaut und wie er von jüdischen Spielern beeinflusst wurde, dann ist an erster Stelle der «Donaufussball» zu nennen, wie er in Wien, in Budapest, in Prag gespielt wurde. Bela Guttmann, der in den Sechzigerjahren Benfica Lissabon gross machte, Richard Dombi oder danach Ferenc Puskas sind nur einige der Namen. Das hat zunächst einmal mit der grossen Zahl von Juden zu tun, die in der Donaumonarchie lebten. Und sie gründeten bedeutende Sportvereine, in Wien beispielsweise Hakoah mit vielen Untersektionen. Die Fussballsektion von Hakoah wurde 1925 erster österreichischer Meister im Profifussball – blieb allerdings die einzige rein jüdische Mannschaft, der so etwas gelungen war.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.02.2015, 23:31 Uhr

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