Die jungen Balljäger des Spitzenclubs

Der FC St. Gallen ist Tabellenführer. Mit einem Kader ohne grosse Namen. Aber mit einem Geist, der den Erbauer Peter Zeidler rührt.

«Diese Umschaltmomente. Und dann, wenn wir Balljagd machen. Irgendwann merkt man, dass es so gehen könnte.» Peter Zeidler erklärt seine Idee vom Fussball mit dem FC St. Gallen.

«Diese Umschaltmomente. Und dann, wenn wir Balljagd machen. Irgendwann merkt man, dass es so gehen könnte.» Peter Zeidler erklärt seine Idee vom Fussball mit dem FC St. Gallen. Bild: Claudio Thoma/Freshfocus

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Peter Zeidler will jetzt lieber weg. Ihm gefällt zwar, wie ihn am Sonntagabend im Medienraum des Basler St.-Jakob-Park zwanzig Presseleute umringen. Sie geben ihm die Bühne, auf der er über seinen Fussball referieren kann und sich darüber amüsiert, dass sich sein Monolog fast wie der eines «Dozenten an der Uni anhören muss», wie er sagt.

Aber so sehr er diesen Moment des Erfolgs geniesst, der 57-jährige Fussballtrainer will jetzt lieber weg. Er will sich das Spiel nochmals ansehen, diesen 2:1-Sieg gegen den FC Basel. Und vor allem die zweite Halbzeit, von der Peter Zeidler sagt, sie sei das Beste gewesen, was er von seinem FC St. Gallen in dieser Saison gesehen habe: «Ich glaube, das war eine Art Flow-Zustand.»

Vielleicht war es mehr als nur die beste Halbzeit des FC St. Gallen. Vielleicht war es die beste Leistung in der Super League 2019/20 überhaupt. St. Gallen schaffte es, sein ungeheuerliches Tempo bis am Schluss hochzuhalten. Immer alle zusammen, als bewegte ein unsichtbares Band diese Einheit, in der jeder weiss, was der andere tut. Captain Silvan Hefti sagt: «Wir vertrauen einander. Das ist der Schlüssel. Deswegen funktionieren wir so gut. Und wenn ich sehe, wie mein Nebenmann abgeht, dann motiviert mich das noch zusätzlich.»

St. Gallens Captain Silvan Hefti (links) vor der Partie mit dem Basler Captain Taulant Xhaka. Hefti ist 22 Jahre alt, Xhaka 28 – und damit zwei Jahre älter als der älteste St. Galler. (Bild: Andy Müller/Freshfocus)

Dieses Vertrauen geht über den Platz hinaus. Zeidler erzählt von Szenen beim Frühstück, wie nach dem Essen nicht einfach jeder seinen Weg gehe. «Die bleiben einfach sitzen und unterhalten sich», sagt der Deutsche. Das tönt gewöhnlich, so leben Menschen nun mal zusammen. Aber Zeidler erwähnt die Geschichte, weil er weiss, wie sehr viele junge Fussballer auf sich selber schauen; im Kopf den persönlichen nächsten Karriereschritt.

«Trainer, wir machen das schon!»

Der Trainer hat eine Einheit geformt aus Jugendlichen, denen er ihre Jugend lässt. Und manchmal kümmert sich diese Jugend auch um ihren Trainer. Eine Stunde war in Basel gespielt, da habe ihm Boris Babic zugerufen: «Trainer, wir machen das schon!» Zeidler schüttelt den Kopf, wie er diese Geschichte erzählt. Und als glaube er das alles nicht, sagt er: «Babic, der kleine Babic vom Walensee.» In Zeidlers Worten schwingt viel Zuneigung für seine jungen Spieler mit.

Diese Mannschaft kommt ohne Routinier aus, gegen den FC Basel ist der älteste Spieler (Quintillà) 26 Jahre alt – und damit trotzdem fast zehn Jahre älter als der Jüngste (Stergiou, 17). St. Gallen mag ein erfahrener Moderator im Kader fehlen. Aber St. Gallen hat einen Trainer, der diese Lücke füllt. Zeidler weiss ganz genau, dass er trotz der ersten St. Galler Tabellenführung seit 2012 die Erwartungen tief halten muss. 16 Runden seien noch zu spielen und die Tabelle eine Momentaufnahme. «Wie Sie sehen, habe ich mir diese Sätze zurechtgelegt», sagt Zeidler.

Im Gegensatz zu Basel und YB haben die St. Galler die Tabellenspitze mit einem Kader ohne grosse Namen erreicht. Gegen Basel spielten vier Junge aus dem eigenen Nachwuchs; die meisten anderen fanden aus schwierigen Karrierephasen oder tieferen Ligen zu den Ostschweizern.

Ein Aktionär entdeckt Spieler per Zufall

Da ist die Geschichte des Spaniers Victor Ruiz: Ein Aktionär des FC St. Gallen hat den Mittelfeldspieler per Zufall in der dritten spanischen Liga gesehen. Sportchef Alain Sutter reiste ihm nach und dachte, der könnte etwas sein. Nach 20 Runden hat in der Super League keiner mehr Tore vorbereitet als Ruiz. Oder Jordi Quintillà, auch er Spanier. Der 26-Jährige trainierte einst mit Lionel Messi beim FC Barcelona, fiel aber durch alle Maschen. Zuletzt spielte er in Puerto Rico, in der zweithöchsten amerikanischen Liga.

Victor Ruiz (links) hat ein St. Galler Aktionär per Zufall entdeckt, Jordi Quintillà spielte zuletzt in Puerto Rico. Zusammen waren sie an 26 Toren des FC St. Gallen beteiligt. (Bild: Marc Schumacher/Freshfocus)

Jérémy Guillemenot kam von der Tribüne von Rapid Wien nach St. Gallen und war gegen den FC Basel einer der besten. Miro Muheims Weg durch die Jugendabteilung des FC Chelsea endete vor zwei Jahren. Jetzt hat der 21-Jährige nach einem Kreuzbandriss in St. Gallen eine Chance bekommen; von Sportchef Sutter, früher sein Mentaltrainer, als er noch Junior war beim FC Zürich.

Und Cedric Itten spielt nur deswegen bei den Ostschweizern, weil der FC Basel vor zwei Jahren sechs Mittelstürmer im Kader hatte und es für ihn keinen Platz gab. In St. Gallen ist er einer der wichtigsten Spieler. Nicht nur als Torschütze. Sondern auch im Pressing, in dem er mit seiner Athletik die Innenverteidiger und Goalies stört, wenn sie das Spiel aufbauen.

Beim FC Basel gab es keinen Platz mehr für ihn. Beim FC St. Gallen ist Cedric Itten mit neun Treffern bester Torschütze. (Bild: Claudio de Capitani/Freshfocus)

Ein solches Pressing spielt keine andere Schweizer Mannschaft. Zeidler erzählt von den Momenten, in denen er dieses Prinzip für sich entdeckt habe: «Diese Umschaltmomente. Und dann, wenn wir Balljagd machen. Irgendwann merkt man, dass es so gehen könnte. Das hat mit den eigenen Lehren zu tun. Das hat mit Momenten zu tun, da man dem FC Liverpool zuschaut.»

Merkmale, die keiner messen kann

Die Welt des Schweizer Leaders ist freilich eine andere als jene des englischen Tabellenführers. Aber die Arbeit ist in beiden Clubs die gleiche. Und Zeidler hat den Schlüssel für den FC St. Gallen gefunden: «Eine Mannschaft, die Taktik mit Mentalität und Begeisterung kombiniert. Sie sehen ja alle, wie unsere Spieler mit Begeisterung Fussball spielen», sagt Zeidler.

Mit dem FC Sion konnte Zeidler dieses Konzept in der Saison 2016/17 noch nicht umsetzen. Mit dem FC St. Gallen und seinen jungen, physisch starken Spielern geht es. Captain Hefti sagt, er sei in seiner Karriere kaum je so fit gewesen. Doch St. Gallens Stil gründet in mehr als nur guten physischen Werten. Zeidler glaubt nicht einmal, dass seine Mannschaft überdurchschnittlich fit ist in der Super League.

Und er glaubt, dass wesentliche Merkmale nicht zu erfassen sind: «Woran messen Sie Begeisterung? Freude? Und wie messen Sie, wie Spieler einander helfen?» Zeidler legt viel Wert auf diese weichen Faktoren. Auch weil er den Menschen im Fussballgeschäft erkennt, ist er in St. Gallen so beliebt.

Nach dem Sieg in Basel sangen die Fans seinen Namen, als er mit seinen Assistenten noch auf dem Rasen die erste Besprechung abhielt. Hinter ihm versammelte sich die Mannschaft zu einem Gruppenfoto. Und wenn man sich die vielen Hundert Fans und deren Feuerwerk im Hintergrund wegdenkt, dann wirkte dieses Bild wie das Erinnerungsfoto einer Mannschaft, die gerade ein Schülerturnier gewonnen. Viel älter ist dieses Team ja auch nicht.

St. Gallen ist nach dem Sieg gegen den FC Basel in Runde 20 zum ersten Mal Tabellenführer seit 2012. Captain Sven Hefti teilt das Gruppenbild auf seinem Instagram-Account.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

Die Sendung ist zu hören auf Spotify, bei Apple Podcasts oder direkt hier:

Hier finden Sie alle Folgen an einem Ort.

Erstellt: 03.02.2020, 12:19 Uhr

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