«Die letzten Tage kosteten Nerven»

Der Schweizer Nati-Captain Gökhan Inler stand mit Napoli bis vor kurzem gleich hinter Serie-A-Leader Juventus. Jetzt sind es 13 Punkte Differenz.

Feste Grösse in der Serie A: Napolis Gökhan Inler blickt mit Stolz auf seinen Werdegang zurück.

Feste Grösse in der Serie A: Napolis Gökhan Inler blickt mit Stolz auf seinen Werdegang zurück. Bild: Keystone

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Vor zwei Wochen stand Napoli mit zwei Punkten Rückstand auf Platz 2. Jetzt sind es 13 Punkte Rückstand auf Leader Juventus und Rang 5.
Das ist viel. Wir waren nahe dran, bevor wir gegen Inter auswärts unglücklich verloren (1:2). Es folgte die für uns brutale Heimniederlage gegen Bologna mit zwei Gegentoren in den letzten fünf Minuten (2:3). Und während Juventus seine Spiele gewann, wurden wir durch den Abzug von zwei Punkten noch weiter nach hinten gedrückt.

Die Liga bestrafte Ihren Club in dieser Woche für einen Bestechungsversuch vom Mai 2010. Die Napoli-Spieler Cannavaro und Grava sind zwar nicht auf den Manipulationsversuch eingegangen, haben ihn aber nicht gemeldet. Wie schwierig ist es, den Punktabzug zu akzeptieren?
Sehr schwierig. Wir gehen während der ganzen Saison an die körperliche und mentale Grenze und spielten lange Zeit gut – und gerade jetzt, nach zwei Niederlagen, werden uns auch noch Punkte abgezogen. Der Zeitpunkt ist sehr ungünstig.

Ist damit auch der Traum vom Titel vorbei? Napoli wurde seit dem Abgang von Maradona 1991 nicht mehr Meister.
Vom Titel können wir in dieser Phase nicht reden, es sind noch so viele Spiele. Die Mannschaft ist gut besetzt, wir haben zeitweise wirklich gut gespielt. Doch diese letzten Tage kosteten uns Nerven. Mit dem Punktabzug bezahlen wir Spieler, der Club und die Fans für etwas, das schon lange passiert ist.

Können Sie nachvollziehen, dass Manipulationsversuche hart bestraft werden?
Es gibt zwei Seiten: Solche Dinge gehören nicht zum Fussball und müssen verfolgt werden. Aber: Dass wir zweieinhalb Jahre später mitten in der Saison bestraft werden, ist hart. Die Strafe hätte wenigstens zu einem anderen Zeitpunkt wirksam werden können. Auf die nächste Saison hin beispielsweise.

Napoli ist eine Fussballstadt, die ihren Spielern kaum Freiheiten lässt. Ist es für Sie im zweiten Vertragsjahr einfacher, damit umzugehen?
Sicherlich. Das erste Jahr war deftig. Ich kam als teurer Neueinkauf, der Druck war riesig und die körperliche Belastung hoch mit Spielen in Liga, Cup, Champions League und daneben mit der Nationalmannschaft. Daran habe ich mich nun gewöhnt. Ich bin lockerer, wenn ich einmal in die Stadt gehe (Inler wohnt etwas ausserhalb von Neapel). Ich versuche mich möglichst ungestört zu bewegen, was einfacher ist, weil ich die Sehenswürdigkeiten bereits gesehen habe und mich nun eher abseits der grösseren Menschenströme bewege. Doch an etwas ändert sich nichts: Wohin ich hier auch gehe, als Fussballer der SSC Napoli bin ich ein Star.

Jetzt folgen dann bald die ruhigen Weihnachtstage . . .
. . . wichtig ist für uns vorher der Samstag mit dem Spiel in Siena (Inler verpasst es wegen Sperre). Nach den jüngsten Rückschlägen bleibt uns nichts anderes, als die Situation zu akzeptieren und das Jahr zu einem guten Abschluss zu bringen.

Wie ist Ihre Bilanz 2012?
Es war im grossen Ganzen ein gutes Jahr. Wir haben mit Napoli den italienischen Cup gewonnen, das war für uns und die Stadt ein grandioses Ereignis. Wir haben in der Meisterschaft viele gute Leistungen gezeigt und uns als Spitzenteam etabliert. Und mit der Nationalmannschaft war es fast perfekt.

Sie sagen: fast perfekt. Tut das 1:1 gegen Norwegen weh, weil die Schweiz mit einem Sieg 4 Spiele und 12 Punkte und schon einen riesigen Schritt Richtung WM-Qualifikation getan hätte?
Wir haben im Heimmatch gegen Norwegen vor einer Kulisse wie schon lange nicht mehr gespielt. Man darf von uns einiges erwarten, muss aber auch realistisch bleiben. Unsere Gruppe ist schwierig, weil mit den Teams Norwegen, Slowenien, Island, Albanien und Zypern jeder jeden besiegen kann. Wir können mit 10 Punkten aus 4 Partien zufrieden sein, die Ausgangslage ist sehr gut.

Wie überzeugt sind Sie davon, dass gegen Ende 2013 die Reise nach Brasilien gesichert ist?
Brasilien ist mein Ziel. Um dahin zu kommen, bin ich und ist die Mannschaft bereit, alles zu geben. Wir haben ein gutes Team mit einigen Spielern, welche internationales Format aufweisen und erfahren sind. Wenn sich jeder für jeden aufopfert, wenn wir den guten Teamgeist behalten, werden wir uns für die WM qualifizieren.

Sie führten die Mannschaft erstmals als Captain in eine Qualifikation.
Ich sammelte Erfahrungen in den Freundschaftsspielen vorher, in denen ich bereits Captain war und in denen wir oft einen guten Eindruck hinterliessen. Für mich war wichtig, dass alle von uns bereit sind für diese WM-Qualifikation. Ich bin deshalb auf die Mitspieler zugegangen, habe mit ihnen Gespräche geführt, habe positiv gearbeitet und versucht, den Spielern Lockerheit mitzugeben, damit sich alle wohlfühlen und optimale Leistungen bringen.

Wie haben Sie sich als Persönlichkeit entwickelt?
Die Nationalmannschaft ist für mich etwas ganz Grosses. Auch ich kam einmal als Neuling und habe vor allem zugehört, was die Älteren zu sagen hatten. Nun bin ich in deren Rolle. Ich muss die Mannschaft führen und glaube, dass mir dies gut gelingt. Ich möchte, dass alle, auch die Jungen, ihre Meinung einbringen können. Manchmal muss ich aber auch unangenehm oder fordernd sein können. Für mich war auch wichtig, dass ich den Respekt erhalte, den ich selbst anderen entgegenbringe. Zudem macht es mich auch stolz, wie weit ich mit meinen Leistungen, meiner Seriosität und meinem Willen schon gekommen bin.

Erstellt: 22.12.2012, 12:19 Uhr

Die Schweizer in der Serie A

Migjen Basha , 25, FC Torino:
Der 25-jährige Mittelfeldspieler und Bruder von Sions Vullnet Basha kommt bei Torino regelmässig zum Einsatz.

Valon Behrami , 27, Napoli:
Der Schweizer Nationalspieler gehört im zentralen Mittelfeld von Napoli zum Stamm.

Gaetano Berardi , 24, Sampdoria:
Vier Serie-A-Runden hat der Verteidiger wegen einer Verletzung verpasst, sonst gehörte er zum Stamm.

Blerim Dzemaili , 26, Napoli:
Napoli rotiert. Dzemaili kommt regelmässig zum Einsatz, ist aber hinter Behrami und Inler dritte Wahl im defensiven Mittelfeld. Heute in Siena kann er wegen einer Verletzung nicht spielen.

Gökhan Inler , 28, Napoli:
In der internen Hierarchie die Nummer 1 unter Napolis Mittelfeldspielern.

Stephan Lichtsteiner , 28, Juventus:
Im 3-5-2 von Trainer Antonio Conte ist er als rechter Mittelfeldspieler eine feste Grösse und spielt meist.

Michel Morganella , 23, Palermo:
Nach einem Platzverweis gegen Juventus war er zuletzt gegen Udinese gesperrt. Davor gehörte der Defensivspieler zum Stamm.

Jonathan Rossini , 23, Sampdoria:
17 Einsätze in bisher 17 Runden, der Innenverteidiger ist gesetzt.

Haris Seferovic , 20, Fiorentina:
Wurde bei insgesamt fünf Einsätzen in der Serie A viermal eingewechselt. Der Stürmer ist noch ohne Tor.

Steve von Bergen , 29, Palermo:
Der Innenverteidiger und Nationalspieler ist bei Palermo gesetzt.

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