Die traurige Geschichte der Weltklassespielerin

Dass Dänemarks Torjägerin Nadia Nadim im EM-Final steht, grenzt an ein Wunder. Oder: Was einst in Afghanistan begann.

Die grosse Hoffnung der Däninnen: Nadia Nadim. Bild: Keystone

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Wie Nadia Nadim, Dänemarks Torjägerin mit der klassischen Nummer 9, mit dem Ball umgeht, ist eine Augenweide. Die 29-Jährige ist beidfüssig, technisch versiert, schuss- und kopfballstark.

Nadim, die auf den ersten Blick fragil wirkt, kann aber auch robust zur Sache gehen. Sie scheut auf dem Feld die langen Wege nicht, steigt unerschrocken in die Zweikämpfe und geht dorthin, wo es wehtut. Dass die Däninnen im heutigen Endspiel der Frauen-EM gegen die Gastgeber stehen, ist massgeblich Nadims Verdienst.

«Das ist einfach nur Weltklasse»

Im Viertelfinal gegen Deutschland wendete sie mit einem Tor und einem Assist nach einem 0:1-Rückstand das Blatt und schoss den Titelverteidiger fast im Alleingang aus dem Turnier. Im Elfmeterschiessen des Halbfinals gegen Österreich trat sie als erste Schützin an, traf und gab den Teamkolleginnen dadurch viel Selbstvertrauen. Dem Reporter des ORF blieb nichts anderes übrig, als neidlos anzuerkennen: «Das ist einfach nur Weltklasse.»

Bei näherer Betrachtung fällt auf, dass Nadia Nadim fast nie lacht, höchstens einmal schüchtern lächelt, dabei nachdenklich und in sich gekehrt wirkt. Das könnte durchaus auch mit ihrer traurigen Geschichte zusammenhängen, die ihr Leben für immer prägen wird. Als 1996 die Taliban in Afghanistan, der Heimat von Nadia Nadim, die Macht übernahmen, war nichts mehr so, wie es einmal war.

Eingereist mit gefälschten Pässen

Die Familie wurde von einem schweren Schicksalsschlag getroffen. Nadias Vater, ein Armeegeneral, wurde laut Wikipedia von den Taliban verschleppt und erschossen. Und Eurosport berichtet, dass die Mutter mit Nadia und vier weiteren Töchtern mit gefälschten Pässen in Dänemark eingereist sei.

In einem Flüchtlingscamp soll Nadia, die am 2. Januar 1988 in Kabul geboren wurde, schliesslich ihre grosse Liebe zum Fussball entdeckt haben. «Wenn du spielst, denkst du nicht an Religion oder Kultur. Du kommunizierst mit dem Ball», sagte sie einst.

Nadim strebt den Doktortitel an

Als 18-Jährige spielte sie bereits in der ersten dänischen Liga und im Nationalteam. Auch wenn Nadim noch nicht lange genug im Besitz der dänischen Staatsangehörigkeit war, stellte ihr die Fifa eine Spezialerlaubnis aus. 2014 wechselte sie in die USA, spielte dort für den Sky Blue FC in der NWSL (National Womens Soccer League). Seit 2016 geht sie für Portland Thorns auf Torjagd. Sie studiert und will in den USA ihren Doktortitel in Medizin erlangen.

«Im Leben ist es wichtig, Träume zu haben. Sie vermitteln dir, dass du mit harter Arbeit erreichen kannst, was du willst», macht Nadia Nadim anderen Menschen Mut. Inzwischen hat sie für Dänemark 72 Länderspiele bestritten und dabei 20 Tore geschossen. Am Sonntag könnte sie ihre Karriere mit dem EM-Titel krönen. (tn)

Erstellt: 06.08.2017, 10:32 Uhr

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