Diego als Vase in der Pizzeria

Der Dok-Film über Diego Maradona – und die Erinnerung an Neapel 1990: Er oder doch wir? war die Frage. Bald darauf flüchtete er.

Das neue Kapitel im Leben von Diego Maradona: Trainer von Gimnasia y Esgrima in Argentinien.

Das neue Kapitel im Leben von Diego Maradona: Trainer von Gimnasia y Esgrima in Argentinien. Bild: Keystone

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Weil in den Tagen, als der berührende Dok-Film des britischen Autors Asif Kapadia in die Deutschschweizer Kinos kam, bereits das nächste Kapitel dieser Tragödie geschrieben wurde. Diego Maradona, gezeichnet von seinem Leben, wird von einem Golfwagen über den Rasen des Stadions von La Plata getragen und als neuer Trainer von Gimnasia y Esgrima vorgestellt. Er redet nachher wirr und davon, dass er mit seiner verstorbenen Mutter im Himmel sprach, die ihm immer wieder gesagt hatte, dass er «sich von dieser Scheisse» nicht umbringen lassen solle, vom Koks und dem Zeug, das sein Leben in die Psychiatrie und die Nähe des Todes trieb.

Weil es an damals erinnerte, 1984 in Neapel, mit diesen eindrücklichen Szenen zu Beginn des Films, den verwackelten Aufnahmen, wie Maradona in einem kleinen Fiat durch die Stadt gefahren wurde und 80'000 gekommen waren, um ihn im Stadio San Paolo nur kurz jonglieren zu sehen, und sie im Chor sangen: «O mamma, mamma, mamma, ich habe Maradona gesehen, und ich habe mich in ihn verliebt.»

Weil damit alles wieder vor den eigenen Augen erscheint, Neapel sechs Jahre nach seiner Ankunft, 1990 bei der WM in Italien, Maradona längst der Sucht verfallen und von der Camorra hofiert, diese Tage, als sich die Stadt am Vesuv entscheiden musste: Er oder doch wir, was ist nun wichtiger? Diegos Argentinien gegen Italien, ein Halbfinal.

Wir gingen am Abend vor dem Spiel nochmals in diese Pizzeria im Quartier Forcella, wo die Armen unter den vielen Armen wohnen, und Diegos Gesicht, modelliert als Blumenvase, neben der Kasse steht. Als wir früher einmal dort waren, sagte Paolo, der Mann, der die Pizzas in den Ofen schiebt, die für 3000 Liren (weniger als drei Franken damals) verkauft werden: «Napoli, Diego – das ist für uns wichtig, erst dann kommt Italien.» Aber jetzt, vor dem Spiel gegen Argentinien, fand er: «Italia, da sempre!»

Weil wieder der alte Mann in den Sinn kommt, er sass in einer Seitengasse am Meer unten auf einer hölzernen Kiste und wartete auf Kunden, die aus seiner verrosteten Tanksäule Benzin wollten, er sagte: «Si, si, Maradona, wir werden ihm helfen, er gehört zu uns, und wir werden dafür sorgen, dass er wieder glücklich ist.»

Weil Maradona damals aber längst weg wollte aus Neapel und Monate später auch flüchtete, wie ein Verbrecher, des Dopings überführt, einsam.

Erstellt: 24.09.2019, 10:06 Uhr

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