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Diese Wahl ist grotesk

Die Fifa vergibt die WM 2018 nach Russland und 2022 nach Qatar und übergeht England. Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Redaktor Sascha Rhyner findet das grobfahrlässig.

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Ich liebe den Fussball. Ich habe Weltmeisterschaften auf verschiedenen Kontinenten erlebt. Vor allem die Endrunde in Deutschland war ein faszinierendes Erlebnis. Doch nichts ist so faszinierend, wie der englische Fussball. Die Premier League fesselt die Menschen rund um den Globus. Und sie hat gut gefüllte Stadien. Nicht umsonst gilt England als Mutterland des Fussballs. Doch bei der WM-Vergabe überging die Fifa dieses Mutterland, das sich die WM so sehnlichst gewünscht hat, und vergab die Endrunde nach Russland.

Selbst Fifa-Präsident Sepp Blatter gab zu, dass die Engländer das beste Dossier abgegeben haben. Und die mit David Beckham, Premierminister David Cameron und Prinz William vorgetragene Präsentation war in den beiden Tagen am Home of Fifa, wie der Hauptsitz des Weltverbands auf dem Zürichberg mondän genannt wird, überzeugte von A bis Z.

Doch England scheiterte schon in der 1. Runde der geheimen Wahl. Es liegt auf der Hand, dass nicht qualitative Punkte gegen England sprachen. All die Geschichten und Gerüchte, die im Vorfeld über die Mitglieder des Fifa-Exekutivkomitees in Umlauf kamen, ihre Spuren hinterlassen haben. Die Enthüllungen von «Sunday Times» und BBC haben die Wahlberechtigten im Zweifel doch gegen den Anklagenden stimmen lassen.

Es ist nicht so, dass Russland die Durchführung einer schönen WM nicht zuzutrauen ist. Im Gegenteil. Doch im Moment fehlen im grössten Land der Welt 14 Stadien sowie ein grosser Teil der Infrastruktur im öffentlichen Verkehr. Und die leeren Arenen selbst bei Europacup-Auftritten russischer Teams hinterlassen auch nicht das Bild einer Fussball-Nation.

Letztlich noch grotesker ist die Wahl von Qatar. Der Wüstenstaat hat überhaupt keine Fussballtradition, muss in einem Kraftakt die Stadien errichten. Und diese müssen auch noch klimatisiert werden, weil zu dieser Zeit im Wüstenstaat Temperaturen bis zu 40 Grad herrschen. Ist die Nicht-Wahl von England aus Sicht des Fussball-Fans ganz einfach zu bedauern, so ist die Wahl von Qatar schlicht grobfahrlässig. Und man wird den Verdacht nicht ganz los, dass bei der WM-Vergabe halt eben doch ein Feuer hinter den Gerüchte-Rauchschwaden der letzten Tage und Wochen ist.

Erstellt: 02.12.2010, 17:35 Uhr

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