«Drmic ist das perfekte Beispiel»

Stéphane Chapuisat über den 21-jährigen Josip Drmic bei Nürnberg und die Schweizer Stürmerhierarchie.

Die neue Nummer 1 in der Schweizer Stürmerhierarchie: Josip Drmic (v.) hat Mario Gavranovic und seine übrigen Konkurrenten im Nationalteam überflügelt.

Die neue Nummer 1 in der Schweizer Stürmerhierarchie: Josip Drmic (v.) hat Mario Gavranovic und seine übrigen Konkurrenten im Nationalteam überflügelt. Bild: Keystone

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Kein Schweizer Stürmer war auch nur annähernd so erfolgreich in der Fremde wie er: Stéphane Chapuisat erzielte für Dortmund und Uerdingen 106 Meisterschaftstore. Hinter Claudio Pizarro (169) und Giovane Elber (133) ist er zusammen mit Ailton der drittbeste ausländische Torjäger der Bundesliga-Geschichte. Heute sichtet der 44-Jährige als Chefscout bei YB auch Talente – und macht sich keine Sorgen um die Zukunft: «Es wachsen viele Angreifer mit Potenzial heran.»

Wer ist der beste Schweizer Stürmer der Gegenwart?
Josip Drmic.

Was zeichnet ihn aus?
Schnelligkeit und Dynamik, die Fähigkeit, sich im Eins-gegen-eins durchzusetzen, und natürlich seine Torgefahr. Er ist ein echter Stürmer, der mir in der U-18 beim FCZ bereits aufgefallen ist. Sein Aufstieg verwundert mich nicht.

Erinnert er Sie an Ihre Anfangszeit in der Bundesliga?
Ja, irgendwie schon. Als ich nach Deutschland wechselte, war Uerdingen mein erster Verein, bevor ich nach Dortmund zog. Drmic traf eine sehr gute Wahl: Er wusste, dass er in Nürnberg Zeit bekommt. Dass er durchstartet, ist für mich die Folge dieses schlauen Entscheids.

Wie schwierig ist es für einen Schweizer, sich an die Bundesliga zu gewöhnen?
Die Bundesliga ist eine andere Welt, die Intensität ist höher, der Konkurrenzkampf, der Druck, vor allem aber der Rahmen, den wir in dieser Dimension nicht kennen. Aber Josip Drmic hat gezeigt, wie schnell die Anpassung gehen kann. Und es beweist einmal mehr, wie sehr ein Stürmer auf Vertrauen angewiesen ist. Das gibt ihm das Unbeschwerte, das braucht er, um auf dem Platz seinen Instinkt auszuleben, der ihn unberechenbar macht.

Wen sehen Sie in der Stürmerhierarchie hinter Drmic?
Seferovic und Derdiyok.

Was ist mit Admir Mehmedi und Mario Gavranovic?
Natürlich haben beide sehr grosse Qualitäten. Aber ich sehe die beiden nicht unbedingt als klassische Stürmer, sondern eher als Neuneinhalber hinter der Spitze.

Wäre Mehmedi weiter, wenn er auf den Umweg zu Dynamo Kiew verzichtet hätte?
Die Voraussetzungen waren nicht einfach. Das völlig fremde Land war das eine. Das andere war der Topverein, der sich reihenweise Nationalspieler leistet und keine Rücksicht auf einzelne nimmt. Im Nachhinein wäre es klüger gewesen, wenn Mehmedi anders geplant hätte. Drmic ist für mich ein perfektes Beispiel: Er machte einen ersten Schritt zu einem Club, der nicht zur Spitze in der Bundesliga gehört. Jetzt ist er daran, sich einen Namen zu machen. Wenn er einmal zu einem grösseren Verein wechselt, ist er nicht mehr einfach ein Talent aus der Schweiz wie damals Mehmedi.

Was läuft bei Seferovic falsch?
Er bringt enorme Anlagen mit. Er ist gross, robust, kann mit dem Ball umgehen, ist torgefährlich. Aber sein Weg deutet darauf hin, dass er zu schnell zu viel wollte und er erst dann wieder zu alter Stärke fand, wenn er einen Schritt zurückmachte. In der Serie B bei Novara machte er sich wieder interessant. Entscheidend ist für jeden Spieler, dass er sich nicht vom Namen des Vereins beeinflussen lässt. Vielmehr muss er ganz allein für sich herausfinden: Will mich der Trainer wirklich? Passt es zwischen uns? Geld sollte keine Priorität haben.

Würden Sie Seferovic an die WM mitnehmen?
Ottmar Hitzfeld wird schon die richtigen Spieler aufbieten. Da mache ich mir gar keine Sorgen. Seferovic braucht Rhythmus, sonst wird es schwierig. Gleiches gilt für Eren Derdiyok, der so viele Voraussetzungen eines guten Stürmers erfüllt. Aber bis jetzt blieb einiges im Ansatz stecken. Er deutete viel an, zeigte aber eher zu wenig davon. Oder Nassim Ben Khalifa: Sein Start war vielversprechend, nur wollte er zu früh ins Ausland und blieb in seiner Entwicklung stehen. Diese Fälle belegen, dass es nichts Wichtigeres gibt als eine sorgfältige, ehrliche Karriereplanung. Junge sollten sich nicht zu schade sein, allenfalls in der Challenge League Spielpraxis zu holen.

Wie formt man gute Stürmer?
Das Gespür für die Situation, das Näschen im Strafraum, das sind Dinge, die kann man nicht lernen, die hat ein guter Stürmer einfach. Trainer müssen diese Vorzüge erkennen, Geduld haben und diese Spieler nicht nach ein paar Partien ohne Treffer ins offensive Mittelfeld zurückziehen.

Nach dem Rücktritt von Alex Frei kamen Befürchtungen auf, die Schweiz werde künftig ein Problem im Angriff haben. Haben Sie sich auch Sorgen gemacht?
Nein. Im Nachwuchs wird gut gearbeitet. Jetzt haben wir einige junge Stürmer mit Migrationshintergrund, die unbekümmert sind und Selbstbewusstsein ausstrahlen.

Sehen Sie einen Stürmer, der sich unerwartet für ein WM-Aufgebot aufdrängen könnte?
Es wird kaum grosse Überraschungen im Aufgebot von Ottmar Hitzfeld geben. Das ist auch eine Qualität dieses Trainers. Er schafft es immer wieder, die Spieler stark zu machen, indem er ihnen zeigt: Ich vertraue dir. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 30.03.2014, 10:36 Uhr

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