Echte Liebe

Mit seinem Rücktritt beweist der Jürgen Klopp Stil und Klasse, wie sie im Fussball selten geworden sind.

Eine Klopp-Sternstunde: Die Spieler feiern ihren Trainer nach dem Gewinn der Meisterschaft 2012. Foto: Ina Fassbender (Reuters)

Eine Klopp-Sternstunde: Die Spieler feiern ihren Trainer nach dem Gewinn der Meisterschaft 2012. Foto: Ina Fassbender (Reuters)

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Jürgen Klopp war mit Borussia Dortmund auf dem Weg nach oben, ganz nach oben, als er den «Tages-Anzeiger» zum Interview empfing. Es war ein langes Gespräch mit einem begnadeten Redner und Unterhalter.

Frage: «Denken Sie so schnell, wie Sie sprechen?»

Antwort: «Ich fürchte ja.»

Frage: «Dann rattert es ständig in Ihrem Kopf?»

Antwort: «Es sind 90 Prozent meines Lebens, dass ich Überlegungen anstellen muss, dass ich vorbereitet bin auf das, was passiert oder passieren könnte.»

Gut vier Jahre ist das her, Klopp stand vor dem Gewinn der ersten von zwei Meisterschaften mit dem BVB.

In den letzten Wochen muss es wieder gerattert haben wie verrückt. Klopp war kein Sieger mehr, er hat diese Saison so viele Spiele verloren wie nie in den bald sieben Jahren in Dortmund. Seine Leichtigkeit ist verschwunden. «Für einen», schreibt der Reporter der «Süddeutschen Zeitung», der ihm nahesteht, «für einen, der zeitweise das Gefühl haben durfte, dass er als Nächstes über Wasser wandeln kann, muss es ein Martyrium sein, offenbar machtlos mitansehen zu müssen, wie ihm seine hoch dotierte, möglicherweise überschätzte Mannschaft immer mehr entglitten ist.»

Und weil das so war, überprüfte sich Klopp immer mehr, ob er denn noch der richtige Trainer an diesem Ort sei. Und je mehr er das tat, desto mehr wurde ihm klar: «Ich habe ein Problem.» Damit war er an dem Punkt, an dem er gefordert war wie vielleicht nie zuvor: Er musste Wort halten. Denn er hatte es immer wieder gesagt: Sobald er merke, dass er nicht mehr der richtige Trainer für diesen aussergewöhnlichen Verein sei, sage er das.

Gross, aber nicht zu gross

Der 48-Jährige ist das Gesicht der Borussia geworden, im Erfolg wie in der Niederlage; er ist grösser als jeder Spieler, vielleicht sogar grösser als der Club. Aber er ist nicht zu gross, um sich zu hinterfragen, um die Interessen des Vereins zu vergessen. Darum hat er erkannt: Es muss sich viel ändern, damit es wieder so werden kann, wie es einmal war, damit er wieder seinen geliebten Vollgasfussball feiern kann. Er sah zwei Optionen: Entweder wird ein substanzieller Teil der Mannschaft ausgetauscht. Oder er geht.

Es hat ihn Mut gekostet, seinen Chefs den Abschied mitzuteilen. Als er am Mittwoch die Öffentlichkeit informiert, macht er daraus einen Akt voller Stolz und Stil. Denn was er tut, ist selten im Fussball (oder eben überall da, wo sich so viel um Eitelkeiten und Geld dreht).

«Echte Liebe» heisst das Motto der Borussia. Klopp beweist mit seinem Rückzug, was das bedeutet.

Was er aufgibt, ist nicht die Aussicht auf viel Geld, das wird er bald andernorts verdienen. Nein, was er ab Sommer nicht mehr haben wird, sind diese heftigen Emotionen von 80'000 Zuschauern im Stadion, diese Bilder von der Südtribüne, wo 25'000 in Gelb-Schwarz eine Wand bilden, wie es sie nirgends auf der Welt gibt, diese Begeisterung, diese Nähe – vielleicht wird ihm auch das Wissen fehlen, als schwäbischer Gefühlsmensch nirgends besser aufgehoben zu sein als im Ruhrgebiet.

Am Ende des Gesprächs damals sagte er: «Ich erschiesse mich nicht, wenn wir verlieren. Man muss auch eine Niederlage zulassen können.»

Erstellt: 16.04.2015, 23:05 Uhr

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