Ein Abend der Premieren

Die Young Boys überzeugen gegen Xamax lange nicht, gewinnen aber bei Joël Magnins Rückkehr nach Bern dennoch 4:1.

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Als Gerardo Seoane am Samstagabend auf dem Podium des Medienraums im Stade de Suisse sitzt, holt er kurz Luft und beginnt eine Aufzählung. Defensiv zu wenig kompakt sei seine Mannschaft gewesen, im Spielaufbau habe sie zu viele Fehlpässe produziert und insgesamt sei ihr der fehlende Rhythmus nach der Nationalmannschaftspause anzumerken gewesen. Daneben sitzt Joël Magnin und meint, er sei mit der Leistung seiner Mannschaft zufrieden, sie habe gut umgesetzt, was er ihr auf den Weg gegeben habe. Magnin sagt sogar: «Ich habe selten eine gegnerische Mannschaft gesehen, die sich in Bern so viele Chancen herausspielt.»

Choreo für Wölfli

Analysen spiegeln ein Resultat nicht immer gleich gut, diejenigen nach der Partie zwischen YB und Xamax dürften dafür als Paradebeispiel gelten. Denn Seoane, der YB-Trainer, hat an diesem Abend ein 4:1 seiner Mannschaft gegen Magnins Xamax gesehen. Ein standesgemässes Resultat des Meisters gegen die Neuenburger, die vor Saisonbeginn allenthalben als Abstiegskandidat Nummer 1 gehandelt wurden – könnte man meinen.

Doch wie aus den Worten Seoanes hervorgeht, überzeugten die Berner lange Zeit nicht. David von Ballmoos zeichnete sich Mal für Mal mit starken Interventionen aus, parierte gegen Raphaël Nuzzolo und Gaëtan Karlen überragend, und doch war der Emmentaler an diesem Tag irgendwie nur der zweite in der Reihe der YB-Goalies – zumindest im Fokus eines Grossteils der Zuschauer.

Vor 20 Jahren debütierte Marco Wölfli für die erste Mannschaft. In dieser Saison hat der 37-Jährige zwar noch keine Sekunde gespielt, aber die beispiellose Clubtreue und die Rolle des Grenchners in den beiden Meisterteams ist für die Fans Grund genug, Wölfli vor Spielbeginn mit einer riesigen Choreografie zu würdigen. Vielleicht ist es dieser Hauch von Nostalgie, der über dem Stadion zu schweben scheint, der die Young Boys lange lethargisch wirken lässt. Und der sich noch akzentuiert als die Kurve in der Pause den Namen von Steve von Bergen skandiert, der unten auf dem Rasen steht.

Auch Joël Magnin hätte an diesem Abend allen Grund dazu, nostalgisch zu werden: Siebzehn Jahre verbrachte der 48-Jährige als Spieler und Nachwuchstrainer bei YB, erstmals betritt er seinen langjährigen Arbeitsplatz als Gast. «Ich habe mich sehr auf dieses Spiel gefreut», sagte Magnin, der es genoss, viele bekannte Gesichter zu sehen und Hände zu schütteln.

Dass ihm dabei oft zu einer guten Leistung gratuliert wurde, aber nicht zu Punkten, hängt auch mit der Phase zusammen, die Marvin Spielmann später als «unsere zehn guten Minuten» beschreiben würde, als Nicolas Bürgy und Gianluca Gaudino den Neuenburgern mit zwei Toren innert drei Minuten jegliche Hoffnung auf einen Punktgewinn nahmen.

Seoanes Kompliment

Der 23-Jährige läuft am Samstag mit einem breiten Lachen auf dem Gesicht durch die Katakomben. Denn erstmals nach zweimonatiger Pause konnte der Oltner nach auskurierter Sprunggelenksverletzung wieder eine knappe halbe Stunde mittun. «Ich habe es sehr vermisst», sagte er. Spielmann ist der erste der Langzeitverletzten, der aus dem immer noch sechs potenzielle Stammspieler umfassenden Lazarett zurückkehrt. Und eine willkommene Alternative auf dem Flügel für die kommende strenge Woche der Young Boys.

Am Donnerstag steht bereits die Europa-League-Partie gegen Feyenoord Rotterdam an, ehe am Sonntag das Heimspiel gegen den FC Thun folgt. «Ich bin wahrscheinlich schon noch etwas eingerostet», sagt Spielmann. «Aber mit jeder Minute, die ich spielen kann, komme ich besser in Form.» Das dürfte auch für die gesamte Mannschaft gelten, und dass auch ein «eingerosteter» Spielmann bereits Zählbares beitragen kann, zeigt er, als er das Premierentor von Felix Mambimbi auflegt.

Als Gerardo Seoane seinen Tadel abgeschlossen hat, spricht er seiner Mannschaft für die Steigerung in der zweiten Hälfte ein Kompliment aus. Und auch wenn er sich für den 18-jährigen Freiburger Mambimbi freut, gibt er zu: «Der Sieg ist sicher etwas zu hoch ausgefallen.»

Erstellt: 19.10.2019, 21:40 Uhr

Telegramm

Young Boys - Neuchâtel Xamax 4:1 (1:0)

24'067 Zuschauer. - SR Fähndrich.

Tore: 33. Gomes (Eigentor) 1:0. 49. Bürgy (Moumi Ngamaleu) 2:0. 52. Gaudino (Moumi Ngamaleu) 3:0. 79. Karlen (Xhemajli) 3:1. 80. Mambimbi (Spielmann) 4:1.

Young Boys: Von Ballmoos; Janko, Sörensen, Bürgy, Garcia; Moumi Ngamaleu (67. Spielmann), Lustenberger, Aebischer, Gaudino; Fassnacht (78. Mambimbi); Nsame (64. Assalé).

Neuchâtel Xamax: Walthert; Neitzke, Djuric (49. Oss), Xhemajli; Gomes, Doudin (82. Seydoux), Corbaz, Kamber; Haile-Selassie (63. Di Nardo), Karlen, Nuzzolo.

Bemerkungen: Young Boys ohne Sulejmani, Martins, Hoarau, Sierro, Lauper und Camara (alle verletzt). Neuchâtel Xamax ohne Ramizi (gesperrt), Dugourd, Mveng und Farine (alle verletzt).
Verwarnungen: 36. Xhemajli (Foul). 54. Doudin (Foul). 63. Karlen (Foul). 85. Aebischer (Foul).

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