Ein Fussball-Märchen und ganz viel Geld

Jamie Vardy, Innlers Team-Kollege bei Leicester, ist Englands Stürmer der Stunde. Und das mit einer verrückten Vergangenheit.

Überflieger in der Premier League: Jamie Vardy wurde hier im Samstagsspiel gegen Watford unsanft von den Beinen geholt. (7. November 2015)

Überflieger in der Premier League: Jamie Vardy wurde hier im Samstagsspiel gegen Watford unsanft von den Beinen geholt. (7. November 2015)

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Der Trainer soll doch bitte noch ein Wort sagen, ein Wort zu seinem verblüffenden Stürmer von Leicester City. Claudio Ranieri gefällt das Thema, aber irgendwie ist es selbst für den weit gereisten Italiener ein gar nicht einfach erklärbares Phänomen. «Jamie? Er ist fantastisch», sagt der 64-Jährige. Muss reichen. Und trifft es ja auch.

Jamie also. Mit vollem Namen heisst er Jamie Richard Vardy, und seine Geschichte macht es auch nicht einfacher, herauszufinden, warum er mit bald einmal 29 Jahren plötzlich eine der grossen Figuren in der Premier League ist; warum ein Hype entstanden ist um eine drahtige, unnachgiebige, unbequeme, selbst­bewusste, impulsive Nummer 9. Vardy gelang neunmal in Serie ein Tor, oder besser: mindestens ein Tor. Am Samstag gegen Watford verwertete er einen Penalty. Leicester siegte ohne Gökhan Inler 2:1 und verteidigte den dritten Platz. Noch ein Treffer im nächsten Spiel bei Newcastle – es wäre der 13. insgesamt –, und dann hätte er den Rekord von Ruud van Nistelrooy egalisiert, der 2003 für Manchester United saisonübergreifend in zehn Partien hintereinander traf.

30 Pfund pro Woche

Als Bub hatte Vardy den Traum, für Sheffield Wednesday zu spielen. Aber mit 15 brach für ihn eine Welt zusammen. Zu schmächtig sei er, zu klein, befand sein Trainer. Er sah für Vardy keine Zukunft. Und Vardy wollte überhaupt nicht mehr Fussball spielen. Und sollte nach ein paar Monaten doch neue Lust daran entdecken. Er landete bald bei Stocksbridge Park Steels, einem Club in Sheffield, achte englische Liga, Amateure. Tagsüber arbeitete er, abends trainierte er, am ­Wochenende schoss er Tore.

200, 300 Zuschauer waren normalerweise an den Spielen dabei, und Vardy erhielt eine Wochengage von 30 Pfund. «Ich hatte nie zuvor fürs Fussballspielen Geld erhalten», sagt er, «ich war glücklich.» Er war 23, hatte seinen Beruf, seine Familie. Aber Premier League? Niemals.

2010 wechselte er zu Halifax Town, ein Jahr später und nach 29 Toren zu Fleetwood Town. Als Vardy auch in der fünften Liga Tor an Tor gereiht hatte, 31 insgesamt, meldete sich Leicester City. Der damalige Championship-Club überwies eine Million Pfund für den Stürmer, und es liest sich fast märchenhaft, wie es mit Vardy weiterging. Mit Leicester stieg er 2014 in die Premier League auf, schoss seine ersten Tore auch da, und die Saison endete mit seinem Debüt im Nationalteam, als er gegen Irland eine Viertelstunde mitspielen durfte. Vardy war an diesem Tag im Juni 28 Jahre und fast 5 Monate alt.

Drei Einsätze sind seither dazugekommen, und Vardy kann nicht genug bekommen. Freunde haben ihm den Spitznamen «The Cannon» verabreicht, die Kanone. Der passionierte Pokerspieler hat etwas Verrücktes, Eigenwilliges an sich, es heisst, er habe seine Emotionen nicht immer unter Kontrolle. In seiner Zeit bei Stocksbridge Park Steels wurde er nach einer Schlägerei verurteilt und mit einer halbjährigen Ausgangssperre zwischen 18 und 6 Uhr belegt. Es kam vor, dass er sich bei Auswärtsspielen nach einer Stunde verabschieden musste, um rechtzeitig wieder daheim zu sein.

Vardy sagt: «Auch das gehört zu meiner Geschichte, auch das hat mich geprägt.» Wenigstens braucht sich der Mann mit spitzem Kinn und schnellen Beinen jetzt keine Sorgen mehr zu machen, wie er sein Leben finanziert. Er verdient bei Leicester 45 000 Pfund. Pro Woche. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.11.2015, 07:37 Uhr

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