Ein Fussballclub ohne Heimat

Heute Abend trifft der FC Bayern im Champions-League-Achtelfinal auf Schachtar Donezk. Der ostukrainische Verein hat mit grossen Problemen zu kämpfen, seit in der Ukraine Krieg herrscht.

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Seit vergangenem Sommer spielen sie nicht mehr in ihrem Heimstadion, der einst glänzenden Donbass-Arena. Seit in ihrer Heimat ein Krieg zwischen von Moskau unterstützten Rebellen und der ukrainischen Armee tobt. Seither ist der ostukrainische Fussballverein Schachtar Donezk ein Club ohne Heimat. Wobei Heimat, oder Heimrecht, in der Ukraine momentan sowieso kompliziert ist. So trainieren die Spieler von Schachtar seit letzter Saison in Kiew – und absolvieren ihre Heimspiele im westukrainischen Lwiw, 1200 Kilometer von ihrer Heimat entfernt. Und auch drei weitere ostukrainische Klubs müssen inzwischen auf Heimspiele verzichten.

Die Donbass-Arena wurde 2009 extra für die Europameisterschaft 2012 gebaut, war zusammen mit dem modernen Flughafen der Stolz der Region. Der Flughafen liegt inzwischen in Trümmern – und in dem einst futuristisch anmutenden Stadion klafft nach einem Raketeneinschlag ein gigantisches Loch. Jetzt ist dort ein humanitäres Hilfszentrum untergebracht, finanziert von Oligarch Rinat Achmetow. Ihm gehört auch der ostukrainische Traditionsverein.

Persönliches Prestigeobjekt

Schachtar ist sein persönliches Projekt. Ein Prestigeobjekt für den bis Kriegsbeginn mächtigsten Mann im Donbass und Vertrauten von Ex-Präsident Wiktor Janukowitsch. 1996 übernahm Achmetow den Verein und baute ihn auf.

Seit nunmehr elf Jahren führt der rumänische Trainer Mircea Lucescu den Klub regelmässig zum Erfolg. Und die Erfolgsliste von Schachtar ist lang: Neunmal gewannen sie in den vergangenen zehn Jahren die Meisterschaft, zuletzt fünfmal hintereinander. Hinzu kommt der Europa-League-Sieg 2009 sowie regelmässige Spiele gegen Europas beste Mannschaften in der Champions League. So wie heute, wenn sie im Achtelfinalhinspiel gegen den FC Bayern antreten (siehe hier).

Gegenpol zum FC Chelsea

Man könnte Schachtar Donezk als Gegenpol zum FC Chelsea des Oligarchen Roman Abramowitsch sehen. Der Exilrusse hat – wie Achmetow – Millionen in seinen Verein gesteckt. Darauf spielt auch ein Film von 2011 an: «The Other Chelsea» des deutschen Dokumentarfilmers Jakob Preuss (hier geht es zum Trailer). Darin geht es um den Donezker Regionalpolitiker Kolja und Kohlekumpel Sascha – und um deren Liebe zu ihrem Verein, dessen Name auf Russisch Bergarbeiter bedeutet.

Achmetow ist mit Kohlebergwerken, Stahlschmelzen, Banken und Hotelketten zu seinem Reichtum gekommen. Schätzungen zu seinem Vermögen rangieren irgendwo zwischen 7 und 30 Milliarden. Davon hat der Oligarch bereits mehrere Hundert Millionen in Schachtar Donezk investiert, nach eigenen Angaben eine Herzensangelegenheit. «Würde man mir Schachtar wegnehmen, wäre das, wie wenn mir jemand das Herz rausreisst», erklärte er einmal. Der Satz dürfte die Kritiker nicht überzeugt haben. Sie werfen Achmetow vor, den Club vor rund 20 Jahren aufgebaut zu haben, um seine Partei der Regionen im Donbass beliebter zu machen, um seine Macht beim Volk zu legitimieren also. Welche Motive hinter dem Aufbau auch stehen, Fakt ist: Im letzten Jahrzehnt wurde Schachtar Donezk zum fussballerischen Erfolgsprojekt.

Rivalität mit Oligarch Kolomojski

Inzwischen ist im Donbass alles anders geworden. Seitdem dort gekämpft wird, sind nicht nur Hunderttausende Menschen geflohen, auch der Fussballklub wurde vertrieben In seiner neuen westukrainischen Heimat haben die Gornjaki (ein Spitzname, zu Deutsch so viel wie Bergwerkarbeiter) mit mehreren Dingen zu kämpfen. Da wäre zum einen die Sorge um Schachtars Zukunft, auch die finanzielle. Seitdem die Ukraine eine neue Regierung hat, muss auch Oligarch Achmetow, ein Günstling des alten Regimes, um seine Zukunft als mächtigster Mann im Donbass bangen. Da wäre auch die Rivalität mit Oligarch Igor Kolomojski, mit Dnjepr Dnipropetrowsk seinerseits Fussballclub-Besitzer. Und möglicher Anwärter auf den Posten des neuen Verbandchefs. Auch die Spieler könnten dem Verein davonlaufen. Vor allem die Profis aus Brasilien schauen sich nach einem neuen Klub um. Es heisst auch, dass Trainer Mircea Lucescu dem Verein den Rücken kehren könnte.

Auch das Verhältnis zwischen Fans und Fussballclub ist dieser Tage kein einfaches. Ein Jahrzehnt lang prägte Schachtar Donezk die Identität des Russland zugewandten Ostens. Jetzt, da die Ukraine als Land gespalten ist, zieht sich auch ein Riss durch die Donezker Fangemeinde. Die einen erachten den Wegzug des Vereins als Verrat an den Fans, wollen sogar einen neuen Club aufbauen. Die Ultras, oft proukrainisch eingestellt, haben sich inzwischen proukrainischen Freiwilligenbataillons angeschlossen und kämpfen gegen die Separatisten. Und dann wären da noch diejenigen, die bei Spielen ihres Vereins Fahnen der Volksrepublik Donezk schwenken, wie zuletzt bei einem Testspiel in Brasilien.

«Ehre der ukrainischen Armee»

Und auch das Verhältnis zwischen Donezk und Lwiws eigenem Verein Karpati ist schwierig geworden. Exemplarisch dafür ist eine Episode von vergangenem November. Die ukrainische Fussballliga hatte alle Spieler zu einer besonderen Aktion aufgerufen: Sie sollten auf Trikotwerbung verzichten – und stattdessen mit der Aufschrift «Ehre der ukrainischen Armee» einlaufen. Schachtar Donezk spielte an dem Tag ausgerechnet gegen Karpati. Aus Rücksicht auf die Zivilisten in der Ostukraine verzichteten sie auf die Aufschrift – und handelten sich massive Kritik ein.

Wenn heute Abend das Spiel gegen den FC Bayern angepfiffen wird, bangt der ostukrainische Erfolgsclub um den Sieg, aber auch um seine fussballerische Zukunft. Die Kriegswirren haben Schachtar Donezk in eine tiefe Krise gestürzt: Im Moment ist in der ukrainischen Premyer Liga noch Winterpause. Der ostukrainische Verein hat inzwischen seine Vormachtstellung gegenüber Dynamo Kiew eingebüsst und belegt aktuell den zweiten Tabellenplatz.

Erstellt: 17.02.2015, 18:08 Uhr

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