Schiedsrichter Bieri: Die Zielscheibe

Der Berner Alain Bieri ist bei Funktionären, Zuschauern und Medien unter Druck geraten. Sein Chef Dani Wermelinger wehrt sich für ihn.

Allein gegen alle: Alain Bieri wird von den Spielern des FC Sion bestürmt. Foto: Daniela Frutiger (Freshfocus)

Allein gegen alle: Alain Bieri wird von den Spielern des FC Sion bestürmt. Foto: Daniela Frutiger (Freshfocus)

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Die Mails landen Wochenende für Wochenende beim Schweizerischen Fussballverband oder bei der Swiss Football League. Wenn der Ton des Schreibens freundlich ist, gibt es darauf stets eine Antwort.

Viele aber verlieren den Anstand, wenn es ums Thema Schiedsrichter geht. «Wir stehen hin, wenn wir anständig behandelt werden», sagt Dani Wermelinger, Chef des Ressorts Spitzenschiedsrichter des Verbands, «aber wir nehmen nicht alles hin.»

Mit einem Mail sind nun die Grenzen überschritten worden. «Ich schaue, dass du kein Spiel mehr pfeifst», wird darin Alain Bieri gedroht. Er nimmt das so ernst, wie das seine Chefs beim Verband tun: Er versteht das Schreiben als Morddrohung und hat die Polizei eingeschaltet.

«Betrüger!», soll Constantin gesagt haben. Dafür kam er mit 500 Franken Busse davon.

Bieri ist 40, seit elf Jahren leitet er Spiele der Super League. Seit acht Jahren ist er Fifa-Schiedsrichter. In der Schweiz gibt es aktuell sehr wenige Aktive mit seiner Erfahrung, 413-mal stand er bislang auf diversen Stufen im Einsatz. In diesen Wochen erlebt er nicht seine glücklichste Phase.

Die Polemik des Fernsehens

Nicht nur der noch unbekannte Mail-Schreiber hat ihn zur Zielscheibe erkoren. Sions Herrscher Christian Constantin ging nach dem Spiel in Basel in aller Öffentlichkeit auf ihn los. Das welsche Fernsehen polemisierte gegen ihn. Der Präsident des FC Zürich, Ancillo Canepa, rief in Hörweite eines Journalisten gleich «Skandal», nur weil Bieri am vergangenen Sonntag in Thun einen Elfmeter nicht gab. Bieri selbst redet im Moment nicht öffentlich, Wermelinger aber weiss: «Die Vorfälle stimmen ihn nachdenklich.»

Die Reihe der angeblichen Fehler Bieris begann am 17. Februar in Basel, es war ein Sonntag, als Kevin Fickentscher in einem Zweikampf mit Kevin Bua zuerst den Ball traf und nachher auch noch den Basler Stürmer. Bieri gab Elfmeter, Luca Zuffi verwertete ihn, Sion verlor deshalb 0:1, und Constantin reagierte à la Constantin. «Tricheur!», soll er Bieri genannt haben, sogar mehr als einmal und vor Zeugen. «Betrüger!»

Bieri rapportierte das, die Disziplinarkommission handelte und büsste Constantin. Mit 500 Franken. Sechs Tage nach dem Spiel in Basel hatte Tottenhams Trainer Mauricio Pochettino wegen einer Niederlage in Burnley dem Schiedsrichter vorgehalten: «Du weisst, wer du bist.» Pochettino muss deshalb für zwei Spiele auf die Tribüne sitzen und 10'000 Pfund Busse zahlen. Der Unterschied zwischen Super und Premier League ist auch dann gross, wenn es um den Schutz der Schiedsrichter geht.

Wermelinger sagte Bieri: «Alain, du kannst machen, was du willst. Du kannst nur verlieren.»

Eine Woche nach dem Eklat mit Constantin leitete Bieri das Spiel zwischen Lugano und YB. Wieder kam es zu einer heiklen Szene, Luganos Alexander Gerndt strauchelte im eigenen Strafraum, Bieri sah kein Foul des Berners Thorsten Schick. Zwei Sekunden später traf Jean-Pierre Nsame zum 1:0 für YB. Das war in der 94. Minute.

Es war eine der Sequenzen, die das welsche Fernsehen in seinem Beitrag über Bieri einspielte. Eigentlich war es mehr ein Schnipsel von knapp zwei Minuten, polemisch und unreflektiert, weil der Schiedsrichter keine Chance erhielt, sich zu erklären. RTS lamentierte auch über die zwei Elfmeter, die Bieri am 1. März für Aarau und gegen Servette gegeben hatte. Der Kommentator sagte über Bieri: «Er pfeift manchmal falsch und oft für die gleichen.»

Wermelinger kann darüber nur den Kopf schütteln. Er sitzt in Aarau in seinem Büro, das ihm als Finanzfachmann des Kantons Aargau zusteht. «Das Leben eines Schiedsrichters ist so, dass du auch Fehler machst», sagt er, «und wenn dir das passiert, musst du hinstehen und erklären: Okay, jetzt habe ich falsch entschieden.»

Dani Wermelinger: Der 48-jährige Aargauer leitete selbst Spiele in der Super League. Heute ist er Chef des Ressorts Spitzenschiedsrichter. Foto: Wikimedia

So ein Fall war jener mit dem Basler Goalie Jonas Omlin, als er Anfang März mit seiner Faust nicht den Ball traf, sondern den Kopf des Thuners Kevin Bigler. Schiedsrichter Lukas Fähndrich übersah dieses Vergehen. Hinterher fragte er sich ungläubig: Wie war das bloss möglich?

Die Schiedsrichter beschäftigen sich intensiv mit ihren Leistungen. «Intern sind wir sehr kritisch», sagt Wermelinger. Erst am Mittwoch vergangener Woche boten die Schiedsrichter-Chefs die Aktiven nach Bern auf, um mit ihnen über 33 strittige Penaltyszenen zu debattieren, die sie seit Anfang Rückrunde ausgemacht hatten.

Es ging auch um Bieris Entscheide, die das RTS vor knapp zwei Wochen thematisiert hatte. In der Kurzbilanz heisst das für den Unparteiischen: In Aarau pfiff er einmal zu Unrecht Elfmeter und einmal zu Recht. In Lugano war das Tor korrekt, weil es keine Fernsehbilder gibt, die einen Fehler Bieris belegt hätten. Der Elfmeter von Basel wurde lang und breit besprochen. Am Ende sagte Wermelinger zu Bieri: «Alain, du kannst in dieser Situation machen, was du willst. Du kannst nur verlieren. Eine der beiden Mannschaften fühlt sich benachteiligt.»

Auf die neue Saison hin wird auch in der Schweiz der VAR eingeführt, der Video-Schiedsrichter. Wermelinger ist froh darüber, weil er überzeugt ist, dass der Fussball dadurch gerechter wird. Allerdings ist für ihn auch klar, er darf nur dann eingreifen, wenn der Fehler eines Schiedsrichters «klar und offensichtlich» ist. Und «das war beim Elfmeter für Basel gegen Sion nicht der Fall», betont er.

Canepas Verhalten

Anders verhält sich das bei der Szene vom letzten Sonntag, als Thuns Goalie Guillaume Faivre in die Füsse von Benjamin Kololli tauchte und der FCZ-Stürmer zu Fall kam. Kololli wehrte sich nicht gegen den Angriff Faivres, aber auch für Wermelinger ist klar: «Das war ein Elfmeter.»

Wenig hilfreich in einem solchen Moment ist das Verhalten der Zürcher Verantwortlichen, angeführt von Präsident Canepa, der eben von «Skandal» redete. Und von Trainer Ludovic Magnin, der vorgab, er habe das Foul aus 500 Metern gesehen.

Canepa ist gerne mittendrin. Manchmal gibt er sich als Teammanager aus, um auswärts auf die Spielerbank sitzen zu dürfen. In Thun liess er sich auf der Pressetribüne nieder. Letzthin im Cupspiel gegen Kriens tigerte er an der Seitenlinie herum, bis er ermahnt wurde, das sein zu lassen. Canepa sollte in seiner Funktion nachvollziehen können, dass sein Verhalten bei Schiedsrichtern nicht zwingend gut ankommt: Er ist auch Mitglied des Komitees der Swiss Football League.

«Ob wir sein Verhalten einfach hinnehmen?», fragt Wermelinger zurück. «Gegenfrage: Was haben wir für Möglichkeiten, um dagegen vorzugehen? Wir haben Weisungsbefugnis, wenn es um das Spielfeld und die Ersatzbank geht, aber nicht mehr. Wir machen entsprechende Rapporte. Für alles andere ist die Disziplinarbehörde zuständig.»

Alain Bieri übrigens hat ein freies Wochenende vor sich. Das hat er seit längerem geplant.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 15.03.2019, 23:38 Uhr

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