Ein WM-Test der Bestätigungen

Das 1:0 gegen Jamaika zeigt, dass sich die Schweizer WM-Mannschaft weitgehend von selbst aufstellt. Torschütze Josip Drmic nimmt im Video Stellung.

«Der WM-Ball ist speziell»: Josip Drmic gibt Auskunft über sein Arbeitsgerät.
Video: Sebastian Rieder

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Die Jamaikaner waren ein freundlicher Gast, ein sehr freundlicher Gast. Nach der Pause stellten sie das Angreifen ein, dafür verteidigten sie weiterhin ohne jeden Körperkontakt, und in der 84. Minute halfen sie auch noch mit, damit der Gastgeber das gewünschte Ergebnis bekam. Wes Morgan intervenierte gegen Josip Drmic höchstens halbherzig, Andre Blake, der Goalie, liess den Ball Drmics über die Hände ins Tor rutschen.

So also gewann die Schweiz diesen Test doch noch, wenigstens das, es wäre auch bitter gewesen, hätte sie sich gegen dieses Jamaika nicht durchgesetzt. Das 1:0 war schon mager genug, aber auch Ausdruck der Defizite, die nach erst vier Trainingstagen unübersehbar waren.

Das Spiel gegen Honduras wollte Ottmar Hitzfeld gestern simulieren, das letzte in der Gruppenphase am 25. Juni. Was er dabei lernen konnte: In Manaus ist das Klima weit weniger bewegungsfreundlich als in Luzern; Honduras wird kaum so freundlich zu Werk gehen wie die «Reggae Boyz»; und derartige spielerische Einfallslosigkeit wie besonders vor der Pause dürften sich seine Spieler an der WM nicht mehr leisten. Sonst wird es sehr schwierig, das selbst­bewusste Wort, dass der Achtelfinal das Ziel sei, zu halten.

Hitzfeld stellte mehr um als erwartet. In der Abwehr zog er Djourou, Senderos und Ziegler vor und setzte Schär, von Bergen und Rodriguez auf die Bank, Dzemaili durfte Inler vertreten, Mehmedi kam an Stockers Stelle und Seferovic an jener von Drmic. Hitzfeld wollte so wohl seinem Wort vom Konkurrenzkampf, der grösser sei als vor vier Jahren in Süd­afrika, Gewicht verleihen.

Xhakas Rückfall

Natürlich sind Schlussfolgerungen nach einem solchen Spiel mit Vorsicht zu formulieren. Zu harmlos war dieser Gegner, spielerisch zu brav, zu müde schon nach 50, 55 Minuten, kurz: zu schlecht. Und doch drängten sich zwei Erkenntnisse auf: Die Hierarchie ist nicht ins Wanken geraten, im Gegenteil, und Granit Xhaka zeigte, dass es im Moment keinen Grund gibt, ihm einen Platz in der Startaufstellung freizuhalten.

Er hatte gerade eine gute Szene, als er den Ball so quer spielte, dass Drmic einen Meter vor dem leeren Tor zum Schuss kam. Ansonsten war er ein Xhaka ohne Überzeugung, ohne Zug, dafür einer, dem die Sicherheit am Ball fehlte, einer, der Bälle gerade in guter Position vertändelte.

Mehmedi ist an ihm vorbeigezogen. Er war besonders vor der Pause initiativ, schlug etliche gute Pässe und Flanken, und nach einer Stunde verpasste er das Tor mit seinem wuchtigen Distanzschuss nur knapp. Er war so, wie es einer sein muss, wenn er in die Mannschaft drängen will. Gebremst wurde er nur von einer leichten Verstauchung am Fuss.

Von diesem Willen fehlte es bei Seferovic. Sein Pech mag nun gewesen sein, dass er gegen die dicht und tief stehenden Jamaikaner kaum einmal Platz fand, es fehlte ihm an Bällen und Unterstützung, aber es fehlte ihm auch die Entschlossenheit, wie sie der in der Pause eingewechselte Drmic später einmal zeigte, als er allein den Abschluss suchte. Drmic steckte weg, dass er den Ball aus einem Meter über die Latte schaufelte. Zuletzt hiess seine Bilanz: dritter Treffer im zweiten Spiel des Jahres, nachdem er schon beim 2:2 gegen Kroatien der einzige Torschütze gewesen war.

Wenigstens ist noch nicht WM

Ziegler bekam Auslauf, um nicht ganz ohne Bewegung zu sein, sollte Rodriguez einmal etwas passieren. Djourou zeigte vor der Pause das eine oder andere Mal die Schwächen, die ihn in der Rangliste der Innenverteidiger normalerweise nur zur Nummer 4 machen. Senderos arbeitete vor der Pause solid und war danach so wenig gefordert wie die gesamte Defensive. Dzemaili schliesslich etablierte sich als erster Stellvertreter der unantastbaren Inler und Behrami.

Und sonst? Wenigstens haben die Schweizer noch ein paar Tage, um sich in WM-Form zu bringen. Genug bleibt dafür zu tun.

Erstellt: 30.05.2014, 23:46 Uhr

Stimmen zum Spiel

Drmics Erlösung und Hitzfelds Ankündigung

Manchmal jubelt das Publikum bei Auswechslungen fast am lautesten. Im Normalfall allerdings nur, wenn der spektakulärste Spieler des Abends als Belohnung kurz vor Schluss vom Rasen geholt wird. Gestern in Luzern war das Spiel in der 64. Minute noch weit davon ­entfernt, einen Matchwinner zu kennen. Der Stimmungspegel schnellte trotzdem in die Höhe. Die Zuschauer waren nicht nur froh, dass wieder einmal etwas passierte. Sie waren höchst erfreut über den jungen Mann, der sich bereit machte für seinen Einsatz: Valentin Stocker, der Flügel, aufgewachsen in Kriens und selbst während seiner Basler Jahre wohnhaft in Luzern, kam ins Spiel.

Es war ein dankbares Publikum. Es wurde nie unruhig in den schwächeren Phasen. Es schrie mit bei jedem Schweizer Versuch, der den Weg dann doch nicht ins Tor fand. Und es wurde am Ende noch belohnt, als die Schweizer ­immer vehementer den Weg nach vorn suchten, die Jamaikaner immer müder verteidigten und sich Drmic nach Dzemailis perfektem Pass in die Schnittstelle der Gegenspieler durchsetzte.

Drmic hatte kurz davor eine hervorragende Chance vergeben. Er trug seinen Fehlschuss danach mit im Kopf, weil er einer ist, der vergebene Möglichkeiten nicht einfach hinter sich lassen kann. Er hat sich geärgert über sich selbst. Und deshalb war es für ihn eine «riesige Er­lösung», dass ihm das 1:0 noch gelang. Und er bilanzierte: «Dieser Match war für uns ein Herantasten. Es gibt noch viele Dinge, die wir besser machen müssen.»

Die Mannschaft drehte am Schluss eine Ehrenrunde und gab den Applaus zurück, den sie selbst bekommen hatte. Die Spieler waren dank des schönen ­Endes guter Laune. Nationaltrainer ­Ottmar Hitzfeld war es wichtig, die ­Partie ohne Gegentor und Verletzte ­hinter sich gebracht zu haben. Er kritisierte sein Team für die mangelnde Effizienz im Abschluss: «Wir hatten genügend Möglichkeiten für mehrere Tore.» Er war aber auch zufrieden über die Leistungssteigerung im Verlauf der ­zweiten Halbzeit: «Wichtig ist der Sieg. Das ist gut für die Moral.» Der Deutsche sieht seine Spieler bei 80 Prozent. Und kündigt an: «Wir werden uns noch ­verbessern.»

Bildstrecke

Schweizer Jubel gegen Jamaika

Schweizer Jubel gegen Jamaika Josip Drmic war einziger Torschütze im WM-Vorbereitungsspiel gegen die Fussballer aus der Karibik.

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