Ein endloses Laientheater

2003 war GC letztmals Meister. Seither ist mit Stephan Anliker schon der siebte Präsident daran, den Club im Chaos zu halten.

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Das waren noch Zeiten, als die Kapitäne Rainer E. Gut, Fritz Gerber und Peter Widmer hiessen und aus der Wirtschaft kamen, als Gianni Agnelli persönlich Gut anrief und ihm im Juni 1999 zum Einstieg bei GC gratulierte. Man kannte sich halt, Gut, der grosse alte CS- und Nestlé-Chef, und Agnelli, der grosse alte Mann von Fiat und Juventus.

Einmal, im Februar 2002, gewährte Gut zusammen mit Gerber dem «Tages-Anzeiger» ein Interview. Am Ende des Gesprächs sagte er: «Das muss unser Ziel sein.» Er redete von der regelmässigen Teilnahme von GC an der Champions League.

Genau ein Jahr später erklärten Gut und Gerber ihren Rückzug auf den Sommer 2003, verbunden mit der Gross­zügigkeit, für die folgende Saison ein letztes Mal das Betriebsdefizit zu decken. «Ich gehe ebenfalls», hielt der Wirtschaftsanwalt Widmer fest, der für Gut und Gerber als fürstlich bezahlter Präsident amtiert hatte. Er suchte und fand im damaligen Credit-Suisse-Banker Thomas Gulich den eigenen Nachfolger. Und damit begann die Zeit eines Laientheaters, das bis zum heutigen Tag und zum aktuellen Präsidenten Stephan Anliker noch immer nicht geendet hat.

Der Blasse und der Joviale

Gulich erklärte zu seinem Einstand: «Es gibt nur erfolgreiche und andere Präsidenten.» Er gehörte zu den anderen. Nach vier Monaten entliess er Meistertrainer Marcel Koller. Vergriff sich bei der Wahl von Nachfolger Alain Geiger. Erlebte im April 2004 das 2:3 im Cup­final gegen den nachmaligen Absteiger Wil. Und hatte zu verantworten, dass GC unter ihm jegliche Ausstrahlung verlor. In seiner ersten Saison nahm GC 8,6 Millionen Franken ein und gab dennoch ­unbeschwert 20 Millionen aus. Gut und Gerber deckten das Minus von 11,4 Millionen wie versprochen und schenkten dem Club zum Abschied zudem die Transferrechte an zehn Spielern, die ­ihnen noch gehört hatten.

Im November 2004 erlöste Gulich alle mit seinem Rücktritt. Er hinterliess einen Club, der direkt auf den wirtschaftlichen Bankrott zusteuerte.

Der joviale und zuweilen hemds­ärmelige Walter A. Brunner übernahm. Der Präsident des Donnerstag-Clubs und Bauunternehmer plauderte davon, das Budget von 15 auf 9,8 Millionen zusammenzustreichen, um das Überleben zu sichern.

Wort hielt er in Budgetfragen nie. Dafür träumte er vom sofortigen Einbau von zehn eigenen Junioren in die Profimannschaft und von grossen Erfolgen. Anfang 2006 sagte er: «2010 spielen wir um den Meistertitel, um einen Platz in der Champions League, einfach um ­irgendetwas.» Ja, genau: um irgendetwas.

Spieler um Spieler kamen, unter ­ihnen «Torten-Toni» Ailton. Brunner tat so, als würden alle diese Transfers fast nichts kosten und seien die 400 000 Franken für Ailtons halbjähriges Gastspiel keine grosse Sache. In dieser Saison nahm GC 7,5 Millionen ein, leistete sich aber eine Mannschaft, die 8,5 Millionen kostete. Die Rechnung schloss mit einem Defizit von insgesamt 5 Millionen.

Am 18. April 2007 spielten die Grass­hoppers in Schaffhausen und verhinderten nur dank Ailtons Tor die Niederlage. Der sportlich trostlose Abend auf der Breite endete turbulent: Auf dem Rasen erklärte Brunner seinen sofortigen Rücktritt – spürbar verärgert, weil im Hintergrund das Comeback seines ­Intimfeindes Erich Vogel vorbereitet wurde.

Das 300-Millionen-Epos

Roger Berbig übernahm das Präsidium, er hatte sich dafür von Heinz Spross und Erich Vogel breitschlagen lassen. «Es herrscht ein Chaos», diagnostizierte Berbig schnell. Er lernte, wie schlecht es um den Verein stand und wie sehr der Campus, das Trainingsgelände in Niederhasli, mit Schulden belastet worden war, um die hoch defizitäre Betriebsrechnung des Vereins zu schönen.

Der Rekordmeister taumelte wirtschaftlich auch unter der neuen Führung. Vogel, als Vizepräsident und Sportchef zurück auf dem Hof, von dem ihn acht Jahre zuvor Gut und Gerber fortgeschickt hatten, liess sich davon ­jedoch nicht beirren und holte Verteidiger Boris Smiljanic mit einem Rekordvertrag über 12 Jahre und bis 2019 aus Basel zurück. Smiljanic nahm dankend an und erhielt allein für die ersten vier Saisons als Spieler je 700 000 Franken.

2008 hätte GC den Argentinier Raul Bobadilla für 17,5 Millionen Franken nach St. Petersburg verkaufen können. Berbig, Spross und Vogel lehnten das Angebot aber ab.

Und dann kam Volker Eckel, im April 2009, als die Grasshoppers wirtschaftlich weiterhin so angeschlagen waren, dass sie nach jedem Strohhalm griffen. Eckel versprach ihnen eine Investition von 300 Millionen Franken. Vogel und Spross nahmen das für bare Münze und liessen sich strahlend fotografieren, als sie mit dem Deutschen im Baur au Lac dinierten. Sie blamierten sich allerdings bis auf die Knochen. Sie waren einem Hochstapler aufgesessen.

Philippe Gaydoul hiess im Frühsommer 2009 der nächste Hoffnungsträger. Der Denner-Erbe stellte für die Übernahme eine Bedingung: GC sollte schuldenfrei sein. Der Gartenbauer Spross war der Einzige, der die dafür notwendigen 8 oder gar 9 Millionen aufbringen konnte. Aber er lehnte ab und vertrieb Gaydoul. Im Rückblick muss auch er ­wissen: Ein Ja damals wäre ihn bis heute einiges billiger gekommen.

In jenen Tagen trennte sich GC per sofort von Vogel. «Menschenführung war bei ihm das Problem», erklärte Spross später den Entscheid gegen den Mann, dem er bis heute eng verbunden ist.

«Doktor Urs Lindi»

GC holte im September 2009 «Doktor Urs Lindi» als CEO auf den Campus. ­Zumindest so wurde er an seiner ersten Pressekonferenz vorgestellt. In Wahrheit hiess er Urs Linsi und war eine erstaunliche Wahl. Bei der Fifa hatte er es zwar irgendwie zum Generalsekretär ­gebracht, aber war da lediglich Sepp Blatters Befehlsempfänger («Yes, Mister President»). An seinem ersten Arbeitstag sagte er: «Ich bin stolz, hier zu sein.» Und vor allem: «Ein Abstieg wäre kein Unglück.»

Linsi fand bald heraus, dass die Ausgaben nicht 16, sondern 20 Millionen ­betrugen und das Defizit für die laufende Saison, 2009/10, von 5 auf 10 Millionen stieg. Mit einem Kraftakt wurde der Bankrott abgewendet – nicht zuletzt dank Heinz Spross und ­Autohändler ­Peter Stüber. In dieser Krise kündete Linsi an: Der Verein müsse sich auch künftig ein Defizit von 5 Millionen leisten, um wettbewerbsfähig zu sein.

Der GC-Zentralvorstand um den machtvollen Rolf Dörig hatte Linsi als Sanierer Berbig aufgezwungen. Und ­Dörig war es schliesslich, der im Februar 2010 Berbig verabschiedete und Linsi zum neuen Präsidenten machte. Zum Abschied erklärte Berbig, was er in seiner turbulenten Amtszeit gelernt hatte: «Wie viele Intrigen und Machtkämpfe es im Fussball gibt.»

Linsi erklärte Ende 2010: «In fünf Jahren wollen wir wieder um die Nummer 1 in der Schweiz kämpfen können.» GC überwinterte damals als Tabellenletzter.

Der Präsident beförderte Anfang 2011 Marcel Meier zum CEO. Dachte daran, künftig die Heimspiele in Aarau oder Emmenbrücke auszutragen. Und wurde im April jenes Jahres abgesetzt. Denn die Owner hielten Einzug, übernahmen alle Aktien vom Zentralvorstand und machten aus ihrem Kreis Roland Leutwiler zum neuen Präsidenten.

«Pyro-Roli» und Dosés Glanz

«Ich verkörpere GC verdammt gut», verkündete Finanzfachmann Leutwiler und ahnte nicht, wie recht er in seiner Ahnungslosigkeit bekommen sollte. Mit Leutwiler und CEO Meier begann die Zeit der Esoteriker. Leutwiler sagte: «Ein erfolgreicher Mensch ist abhängig von seiner eigenen Quadrinität: Körper, Geist, Emotion und Intuition.» Meier mailte den Angestellten Motivations­videos mit der Botschaft: «Erfolg ist Liebe.»

Nur einmal fuhr Leutwiler aus der Haut, das war Ende 2011, als GC-Fans in Lausanne Pyro um Pyro zündeten. Er rief während des Spiels ins Stadion­mikrofon: «Es geht nicht, was ihr macht. Das ist Scheisse.» Er wurde zum «Pyro-Roli». Und fünf Monate später ersetzt.

Ab dem 29. März 2012 war Dosé-Zeit. «Ich habe keine Ambitionen, in der ­Öffentlichkeit zu stehen», sagte der erste Chef der Swiss. Und war bald doch das ­öffentliche Gesicht des neuen GC, das in der folgenden Saison mit Uli Forte als Trainer auf Platz 2 und zum Cupsieg eilte. Dosé musste im Dezember 2013 gleichwohl gehen, weil er nicht das Sponsorengeld gebracht hatte, das sich die Owner von ihm erwartet hatten. Oder wie es ­Stephan Anliker als Vertreter der Besitzer sagte: «Als Leithammel erfüllte Dosé die finanziellen Erwartungen nicht.»

Der verzweifelte Anliker

Auf Dosé folgte Anliker, auf den eloquenten Strahlemann der behäbige ­Architekt aus Langenthal. Besser wurde nichts, im Gegenteil.

Unter Dosé hatte GC kein Geld, aber wenigstens Erfolg. Unter Anliker hat es kein Geld, aber auch keinen Erfolg mehr, sondern in erster Linie Theater. Dragan Rapic wurde mit salbungsvollen Worten zum Sportchef befördert und drei Monate später, im Mai 2014, mit der Begründung entlassen, er habe die Vorgaben nicht erfüllt. Hauptsponsor Reinhard Fromm trat umgehend aus dem Verwaltungsrat zurück: entnervt über die Absetzung Rapics, aufgebracht ­wegen der Matchspiele in der Führung. Danach mochte auch Spross nicht mehr im Verwaltungsrat sitzen, offenbar verärgert, weil ihm vorgehalten wurde, er trage nur die Ideen seines Freundes ­Vogels in den Vorstand weiter.

Im Herbst folgte der desaströse Rechtsstreit mit dem früheren Captain Veroljub Salatic, den Anliker, entgegen aller interner Absprachen, im Alleingang begnadigte. Nun hatte mit Owner-Präsident Martin Keller auch noch ein dritter Verwaltungsrat genug und ging.

So ist das während der Amtszeit eines Präsidenten gelaufen, der nach Statur und Macht sucht, ohne dabei an Glaubwürdigkeit zu gewinnen. Die Macht ­haben andere, haben die Vogel-Vertrauten Spross und Stüber, die für den Grossteil des Defizits bürgen. «Jetzt hört doch endlich auf!», dröhnte Anliker vor einer Woche, als er mit der Spekulation konfrontiert wurde, Vogel bestimme den Kurs weiterhin mit. Das Gespenst Vogel wird GC nicht los, mit keinem Dementi.

Vor einer Woche war die Medien­konferenz, bei der Anliker die Frei­stellung von Sportchef Axel Thoma zu erklären versuchte. Anliker hatte einen Kommunikationsberater im Schlepptau, den früheren Fifa-Funktionär Hans Klaus. Spürbar war, wie er sich unter dem neuen Einfluss verändert hat, wie er versucht, kräftig zu reden und zu ­wirken. Die Folge davon hat Thoma zu tragen: Selten ist ein leitender Angestellter im Schweizer Fussball mehr demontiert worden als er. Auf den Punkt gebracht heisst Anlikers Botschaft: Thoma ist ein unfähiger Blender.

Anliker also gibt vor, ein Präsident mit Macht zu sein. Und wenn er das sein will, muss er mit dem Vorwurf leben, keinen Plan und keine Strategie zu ­haben. Es sei denn, es sei Plan und Strategie, GC ­dauerhaft im Chaos festzuhalten und der Lächerlichkeit preiszugeben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.05.2015, 23:18 Uhr

Schweigen und Spekulationen

Das wird Stephan Anliker wohl freuen. Kaum ist Axel Thoma weg, macht der neue Sportchef das, was der alte nicht gemacht haben soll: Er verpflichtet einen ersten Spieler für die nächste Saison. Mit Alban Pnishi erhält der Captain und Verteidiger des Challenge-League-Dritten Wohlen einen Vertrag bis 2018.

Es bleibt allerdings die Frage, was Manuel Huber, der Geschäftsführer, der vorderhand auch Sportchef ist, zu diesem Transfer wirklich beigetragen hat. Von Thoma war dafür vertraglich schon alles detailliert vorbereitet gewesen.

Thoma selbst äussert sich mit keinem Wort zur Sache. Sein Anwalt hat ihm dringend dazu geraten. Es geht um die Abfindung, die nicht mit einer unbedachten Aussage gefährdet werden soll. Thomas Vertrag läuft noch bis 2017.

Im Raum steht die Spekulation darüber, was Anliker in der Hand haben will, um den Vertrag mit Thoma ohne grössere finanzielle Folgen für den Club auflösen zu können. Seine teilweise rufschädigenden Anschuldigungen können dazu nicht ausreichen («GC hat kein Konzept. GC hat keine Transfers gemacht. GC hat keine Vertragsverlängerungen gemacht. GC hat einfach nichts.»). Und wenn sich Anliker seiner Sache so sicher ist, warum bietet er Thoma laut NZZ eine Entschädigung von acht ­Monatslöhnen an?

Anlikers Vorhaltungen überraschen an Thomas altem Arbeitsort. «Man muss wissen, wie Axel Thoma funktioniert», sagt Roger Bigger, acht Jahre lang sein Präsident beim FC Wil. Da war es normal, zuerst zu schauen, was man sich leisten kann, und dann so lange zuzuwarten, bis die passenden Spieler bezahlbar sind. «Manchmal muss man Geduld haben», erklärt Bigger. Bei GC hätte man das erfahren können, wenn man sich nach Thomas Arbeitsweise erkundigt hätte. Das tat aber keiner.

Was in jüngster Zeit aufgekommen ist, ist dagegen das Gerücht, Thoma habe zu Wiler Zeiten bei Transfers in die eigene Tasche gewirtschaftet. Bigger hält dagegen: «Thoma erhielt zu einem Fixum einen Bonus, wenn er die Transferziele erreicht hatte, ganz offiziell als Lohnbestandteil.»

Thoma wollte arbeiten wie in Wil

Anliker kokettierte vor einer Woche mit den Zahlen zum Budget und berichtete, wie es von 28 Millionen Franken in der letzten über 24 in der laufenden auf 20 in der kommenden Saison sinken werde. Thoma hatte deshalb den Auftrag, die Kosten der Mannschaft um 20 Prozent zu kürzen. Wohl auch darum wollte er nicht anders arbeiten als in Wil.

Vor allem aber irritierte Anliker mit dem Hinweis, jetzt sei das Budget nicht mehr «gefaked». Gefaked heisst in diesem Zusammenhang: frisiert. GC kämpft Jahr für Jahr mühsam darum, die Vor­gaben der Swiss Football League zu erfüllen. Ein GC-Kenner bezeichnet diesen Kampf als «Riesengewurstel». Vielleicht kennt Anliker den Unterschied zwischen Gewurstel und gefaked nicht. Jedenfalls muss er sich nun der Liga erklären.

«Unterschätzt mir den Huber nicht», hat Anliker geraten. Huber, 27-jähriger Aufsteiger auf dem Campus, muss selbst wissen, was er damit anfängt. Denn was ein Lob vom Präsidenten wert ist, hat als Letzter Thoma erfahren. Er war bei ­seinem Amtsantritt noch als «profunder Kenner und ausgewiesener Fachmann des Schweizer Fussballs» angekündigt worden. (ths.)

(Tages-Anzeiger)

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