Eine Geldmaschine als Problem

Englands Nationalcoach Roy Hodgson leidet darunter, dass die Premier League sehr gerne auf Ausländer setzt.

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Roy Hodgson hat keinen guten Sonntag hinter sich. Als er seiner Arbeit als Nationaltrainer nachging und in Anfield das Spiel Liverpool gegen Manchester United beobachtete, glaubte er kraft seines Amtes, auch ohne korrektes Ticket Zutritt zur Direktoren-Lounge zu bekommen. Der wurde ihm aber verwehrt, und sein Missfallen darüber machte er offenbar unüberhörbar klar. Als ihm dann doch noch ein Platz in der Lounge offeriert wurde, lehnte er ab.

In Liverpool erhielt er auch sonst keine guten Nachrichten, sondern gleich drei Absagen für die kommenden WM-Qualifikationsspiele am Freitag gegen Moldau und vier Tage später in der Ukraine. Wayne Rooney war wegen einer tiefen Risswunde an der Stirn gar nicht erst angereist, Phil Jones verliess mit einer Knöchelverletzung vorzeitig den Platz und Glen Johnson später an Krücken das Stadion. Alle drei hätten gegen Moldau spielen sollen.

Hodgson, kürzlich 66 geworden, hat kein einfaches Leben als Nationaltrainer von England. Das hat nun nichts mit der Brüskierung in Liverpool zu tun, sondern mit ganz grundsätzlichen Problemen, denen er sich ausgesetzt sieht. Hodgson hat weder die Qualität noch die Quantität an Spielern, die er bräuchte, um den Erfolg zu haben, von dem England seit dem Gewinn der WM vor 47 Jahren träumt.

930 Millionen für neue Spieler

Das hat viel mit der Premier League zu tun, mit ihrer Entwicklung zu einer weltweit strahlenden Liga und Geldmaschine. Der neue Fernsehvertrag bringt 2,6 Milliarden Franken ein, jährlich. Das Geld will von den Clubs verwendet und verschwendet werden. 930 Millionen gaben sie diesen Sommer für neues Personal aus.

«Man muss sehr vorsichtig sein, wenn man in diesen Tagen über die Premier League und das Englischsein redet», gibt Hodgson zu bedenken. Und schiebt die Erklärung für seine Feststellung nach: «Weil zwei Drittel der Spieler Ausländer sind.»

In keiner der fünf grossen Ligen Europas ist der Anteil an heimischen Spielern so gering wie auf der Insel. Die Vergleichszahlen von 2012/13 heissen: 189 in England, dagegen 224 in Deutschland oder 332 in Spanien. Nirgends haben die Top 4 der Liga so wenige eigene Spieler eingesetzt wie in England. 1992, im Gründungsjahr der Premier League, waren 73 Prozent der eingesetzten Spieler Engländer, zum Beginn der neuen Saison waren es noch 33 Prozent.

Die miserablen Auftritte Englands an der U-20-WM und der U-21-EM diesen Sommer haben die Besorgnis verstärkt, dass es im Land an Talent und Ausbildung fehlt. Dass die Trainer unter dem Druck des lockenden Geldes und ihrer oftmals ausländischen Besitzer nur den kurzfristigen Erfolg suchen und darum die Jugend keinen Platz hat.

Hodgsons Kritik

Richard Scudamore ist als Generaldirektor der Premier League treibende Kraft hinter ihrer finanziellen Aufrüstung. Er weist jegliche Verantwortung der Liga für die Mängel der englischen Auswahlteams ab. Und sagt: «Wir sollten doch fähig sein, elf Spieler zu finden, die ihre Sache gut machen. Immerhin spielen sie Woche für Woche gegen die Besten der Welt.»

Hodgson dagegen wirft den Vereinen «einen Mangel an Respekt gegenüber den Auswahlen» vor. Die Transferperiode, die am Montag zu Ende ging, liefert ihm Argumente dafür. 565 Millionen Franken legten allein die grossen sechs, Arsenal, Chelsea, Tottenham, Liverpool und die beiden Rivalen aus Manchester, für insgesamt 27 Spieler aus. Aber von ihnen ist keiner Engländer. Und 521 Millionen gingen an ausländische Vereine, von der Ukraine bis nach Brasilien. Da überrascht auch nicht weiter, dass die Top 6 keinen englischen Trainer beschäftigen und nur Tottenham nicht in ausländischem Besitz ist.

Das alles hat zur Folge, dass ein junger Spieler schon mit hohen Erwartungen verbunden wird, nur weil er Engländer ist. Evertons Ross Barkley ist so ein Fall, 19 erst und schon als der «junge Rooney» gefeiert. Oder Liverpools Raheem Sterling, gar erst 18, im Club nur Ersatz, aber in Hodgsons Aufgebot für die nächsten Aufgaben. Bestes Beispiel für das Dilemma des Trainers ist auch Southamptons Rickie Lambert, der ist zwar schon 31, aber im August durfte er debütieren, weil es sonst kaum mehr Sturmspitzen mit englischem Pass gibt.

Die Fan-Seele beruhigen

Seit 1966 fuhren die Engländer immer wieder als Favoriten an ein Turnier, immer scheiterten sie. Zuletzt taten sie das auch vor einem Jahr an der EM. Neu war dabei nur, dass von ihnen in Polen und der Ukraine gar niemand etwas erwartet hatte, nicht einmal sie selbst.

Jetzt sind sie gefordert, überhaupt bis Brasilien zu kommen. Nach sechs Spielen sind sie zwar unbesiegt, und Moldau und zweimal San Marino fertigten sie mit einem Torverhältnis von insgesamt 18:0 ab. Das Problem ist, dass sie gegen die Ukraine, in Polen und in Montenegro nicht überzeugten und jeweils nur ein 1:1 erreichten.

Hodgson versucht die englische Fan-Seele schon einmal zu beruhigen, weil es vielleicht nichts wird mit dem Gruppensieg und der direkten Qualifikation für die WM. «Es ist kein Ärgernis, sich über das Playoff zu qualifizieren», sagt er. Immerhin geht er davon aus, dass England Zweiter wird. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.09.2013, 10:59 Uhr

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38. Runde

21.05.Arsenal London - Everton3 : 1
21.05.Burnley - West Ham1 : 2
21.05.Chelsea London - Sunderland5 : 1
21.05.Hull - Tottenham1 : 7
21.05.Leicester - Bournemouth1 : 1
21.05.FC Liverpool - Middlesboro3 : 0
21.05.Manchester United - Crystal Palace2 : 0
21.05.Southampton - Stoke0 : 1
21.05.Swansea - West Bromwich Albion2 : 1
21.05.Watford - Manchester City0 : 5
Stand: 21.05.2017 17:55

Rangliste

NameSpSUNG:EP
1.Chelsea London38303585:3393
2.Tottenham38268486:2686
3.Manchester City38239680:3978
4.FC Liverpool382210678:4276
5.Arsenal London38236977:4475
6.Manchester United381815554:2969
7.Everton3817101162:4461
8.Southampton3812101641:4846
9.Bournemouth3812101655:6746
10.West Bromwich Albion381291743:5145
11.West Ham381291747:6445
12.Leicester381281848:6344
13.Stoke3811111641:5644
14.Crystal Palace381252150:6341
15.Swansea381252145:7041
16.Burnley381172039:5540
17.Watford381172040:6840
18.Hull38972237:8034
19.Middlesboro385132027:5328
20.Sunderland38662629:6924
Stand: 21.05.2017 17:55

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