Eine Mannschaft so gross wie der Eiffelturm

Paris-St-Germain war eine Mannschaft ohne Anhaltspunkte. In 90 wunderbaren Minuten gegen Barcelona änderten sie das.

Ein Team «so gross wie der Eiffelturm»: Paris-St-Germain gewinnt in der Champions League gegen Barcelona. Foto: Christophe Ena (Keystone)

Ein Team «so gross wie der Eiffelturm»: Paris-St-Germain gewinnt in der Champions League gegen Barcelona. Foto: Christophe Ena (Keystone)

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Was erlauben Teleclub? Was soll dieses Spiel? Und warum soll ich mir das um sechs Uhr abends antun? Bayern spielt in Moskau, möglicherweise sogar gut, und vielleicht kommt irgend einmal kurz vor Schluss auch noch Shaqiri, doch es ist nicht auszuhalten. Ein Champions-League-Spiel ohne Zuschauer und Stimmung ist eine Zumutung. Erinnert an eine Übertragung von GC - Vaduz, bei der man jedes Wort, das auf dem Platz gesprochen wird, mitbekommt. Geisterspiele müssten verboten werden. Denn sie bestrafen nicht nur den Verein mit dem rassistischen (oder prügelnden) ­Anhang, sondern mich, den Unschuldigen. Der Vorschlag, den bestraften Verein zweimal auswärts antreten zu lassen, scheint mir gut, taugt wegen der Chancengleichheit aber wohl nur in der K.-o.-Phase.

Zum Glück gibt es an diesem Dienstagabend als Alternative ein gemüt­liches Nachtessen und zum Dessert ein zweites Spiel.

Studio-Moderator Rainer Salzgebers zynische Drohung, er wünsche viel Vergnügen mit dem Kommentar von Sascha Ruefer, erschüttert mich nicht. Ich will Messi und Neymar trotzdem erleben. Bei der Rad-WM in Ponferrada habe ich mich überzeugen können, dass die beiden in Hochform sind. Ihre fünf Tore beim 6:0 gegen Granada habe ich auf den unzähligen Bildschirmen, die in keiner Beiz fehlen, mindestens zehnmal gesehen. Eines war schöner als das andere.

Schadenfreude und Mitleid

Bei Barcelona in Form spielt der Name des Sparringpartners keine Rolle. Paris St-Germain, der heutige Gegner, ist kein Club, der das Herz erwärmt. Zu viel Geld aus Katar, zu masslos beim Verprassen desselben. Wenn die ­Grössenwahnsinnigen in der Ligue 1 wie zuletzt viermal nur remis spielen, regt sich Schadenfreude. Die durch ein wenig Mitleid aufgeweicht wird: Was sollen die armen Pariser, wenn mit Ibrahimovic und Thiago Silva jene ­Spieler fehlen, deren Leibchen man als Bub allenfalls noch tragen würde?

Es wird ein denkwürdiger Abend. Ich will Barcelona sehen und entdecke auf der anderen Seite eine grossartige Mannschaft mit unheimlich viel Herz. Eine Mannschaft, die spielt und ­zaubert, die rennt und rackert, drei wunderbare Tore erzielt und auch zuletzt, als sie unter Druck gerät, jede Gelegenheit zu überfallartigen Kontern nutzt. In einem Tempo, dem manchmal nicht einmal der Ball folgen kann.

Paris St-Germain ohne Ibra und Thiago Silva ist für mich vor diesem Spiel im Prinzenpark eine Mannschaft ohne Anhaltspunkte. Die Namen der meisten Spieler klingen in meinem Ohr zwar nicht fremd, weil sie mir schon während der WM begegnet sind, auf der Strasse würde ich aber keinen von ihnen erkennen (abgesehen vielleicht von David Luiz, wegen der Mähne). Das ändert sich in diesen wunderbaren 90 Minuten. Jetzt weiss ich, dass Italiens Buffon-Ersatz einen Namen hat (Salvatore Sirigu), dass Marco Verratti ein kleines, freches Ungeheuer aus Italien ist, das sein erstes Tor für PSG ausgerechnet mit dem Kopf erzielt. Blaise Matuidi stösst mir auf, weil er mich an das WM-Debakel gegen Frankreich erinnert.

Bei Lucas (Rodrigues Moura da Silva) frage ich mich, warum Brasilien bei der WM auf einen derart schnellen Flügel verzichtete, bei Javier Pastore, was er tun muss, um bei Argentinien mehr als nur Ersatzspieler zu sein. Und da ist auch noch Marquinhos (Marcos Aoás Corrêa) und dessen Verzweiflungsakt vor dem eigenen Tor, mit dem er in der 83. Minute das sicher scheinende 3:3 verhindert. Das ist schon fast ein gestreckter Behrami.

Ibrahimovic für 7 Stunden

Es ist ein Spiel, bei dem ich mich zuerst darüber freue, dass fast jeder Schuss ein Treffer wird (71 Prozent der Bälle, die aufs Tor abgegeben werden, landen im Netz – ein Rekord), bei dem ich instinktiv die PSG-Tore bejuble, ­mitfiebere und zuletzt sogar mitzittere. Am Tag danach schlage ich die «Equipe» auf und sehe mich bestätigt. «Magisch», titelt die französische Sportzeitung auf der Frontseite, «So gross wie der Eiffelturm» im Innern des Blattes. Für PSG-Präsident Nasser al-Khelaifi ist es «der schönste Sieg meines Lebens».

Er hat gut reden, denn in seiner ersten Karriere als Tennisprofi war er weniger erfolgreich. Da stürmte er in der Weltrangliste nur bis auf Rang 995. Und mit den 16 201 Dollar, die er ­zwischen 1992 und 2002 auf der Tour verdiente, könnte er sich Ibrahimovic nur während etwa sieben Stunden leisten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.10.2014, 21:25 Uhr

Martin Born

langjähriger Sportjournalist und Autor

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