Eine Welt in Gefahr

Schubiger war überzeugt: Die Welt stand vor Umwälzungen. Jetzt, da die Schnüerlischrift abgeschafft wurde.

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Schubiger hatte schon manche Krisen kommen sehen. Erlebt. Und überstanden. Nicht immer schnell überstanden. Aber immerhin.

Er hatte sich von Jerkovic und Grob verabschieden müssen, war in die Nationalliga B abgestiegen, zurückgekehrt, Cupsieger und Meister geworden. Er hatte mit Dalglish und Rush Tor an Tor und Titel an Titel erlebt, mit Fowler nur noch von grossen Tagen geträumt und mit Stevie G. Istanbul erobert. Er war mit Lolo Schmid auf- und abgestiegen, wurde von Fige Hollenstein unterdrückt und flog mit Plavsic zum ersten Pokal nach 39 Jahren.

Jetzt aber war die Frage, wie er dieses nächste Tief überstehen würde. Ob die Rückkehr in ein normales Leben überhaupt noch möglich war. Es war Schubiger unerklärlich, wie es so weit hatte kommen können. Soeben hatte der kleine Schubiger in der Schule noch gelernt, was fürs Leben prägend war. Doch bereits der kleinste Schubiger könnte davon nichts mehr mitbekommen. Schubiger war überzeugt: Die Welt stand vor Umwälzungen. Jetzt, da die Schnüerlischrift abgeschafft wurde, wie er in seiner Zeitung gelesen hatte.

Schubiger vermutete heilende, Frieden stiftende Kraft in den sanften Kurven, hübschen Wellen und grossen Bögen. Der Rütlischwur? Bill of Rights? Der Traum von Martin Luther King? Die Länderaufteilung an der Moskauer Konferenz 1944 auf einem Stück ­Papier? Der Faxbefehl aus dem Ministerium für Staatssicherheit zur Grenz­öffnung an der Bornholmer Strasse? Schubiger war ganz sicher: Alles in Schnüerlischrift festgehalten, über­tragen, beauftragt.

Schnüerlischrift! Alles andere war Drucksache. Wie hatte Präsident Johnson den Befehl zum Vietnamkrieg erteilt? Was die Globalisierung provoziert? Wie Berlusconi Italien reagiert? Telex, MS-DOS, Fernsehshows und ein bisschen Bunga-Bunga, das war doch nichts. Und was für die grosse Welt galt, war für Schubigers kleine nur logisch. Wie hatte Favre beim FCZ Brasilianer, Afrikaner, West- und Osteuropäer zu kunstvoller Formation vereinigt? Wie war es möglich, dass der ZSC mit Wick, Cunti und Nilsson so schwungvoll um die Gegner fuhr? Die Schnüerlischrift stand am Anfang der Inspiration. Wer das nicht sah, dachte Schubiger, dem war wirklich nicht zu helfen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.11.2014, 22:29 Uhr

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