«Einer muss die Richtung vorgeben»

Der Zürcher Trainer Christian Gross (56) stellt an sich den Anspruch, die Young Boys erstmals seit 1986 zum Meistertitel zu führen.

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Als er aus dem Stadion kommt, ist Christian Gross unübersehbar. Seine Trainerjacke, trotz Hitzegraden hoch geschlossen, ist leuchtend rot. Eine Schulklasse läuft ihm zufällig über den Weg und bestürmt ihn um Autogramme. Für sie ist es ein besonderer Tag. Zuvor hat sie Roger Federer in der nahen Eishalle beim Training gesehen.

Fürs Foto in der Zeitung soll Gross vor der Stadionuhr posieren. Auf dem Platz vor dem Stade de Suisse ist sie die Erinnerung ans alte Wankdorfstadion. YB 1, Gast 1 ist darauf als Resultat vermeldet – 1:1 endete das letzte Spiel der Young Boys gegen Lugano im Wankdorf, bevor es gesprengt wurde. Morgen sind es genau zehn Jahre seit jenem Spiel.«Können wir das nicht ändern?», fragt der neue Trainer und Hoffnungsträger in der Hauptstadt, als er das Ergebnis sieht. «Lassen wir das», sagt er darauf, «um zu zeigen, wo wir beginnen.» Da ist er eben schon wieder: der Mann der Siege und Symbolik.

Christian Gross, wie enttäuscht wären Sie, wenn Sie mit YB in dieser Saison nicht Meister werden?
Die Verantwortlichen von YB holten mich, damit wir es besser machen als letzte Saison und etwas Zählbares zustande bringen. Aber eine Garantie gibt es nicht. Ich erwarte eine sehr spannende, ausgeglichene Meisterschaft. In erster Linie geht es darum, den Rückstand aufzuholen, den YB zuletzt hatte. Das wird schwer genug.

Aber . . .
(unterbricht) . . . es macht mehr Spass, ganz oben mitzuspielen. Ich spiele am liebsten da, wo Titel vergeben werden. Etwas Zählbares wäre auch der Cup?
Ja. Das wäre auch wichtig für die Fans.

Bei YB konzentriert sich die ganze Hoffnung auf Ihre Person.
Das stimmt nicht.

Der Tenor ist doch der: Christian Gross weiss, wie man Meister wird.
Es ist eine Riesenherausforderung, das war es schon bei GC und in Basel. Wir werden jetzt alles daran setzen, um mit YB bei der Vergabe von Meistertitel und Cup mitzureden. Wie lange mussten Sie überlegen, um bei YB zuzusagen?
14 Tage.

Nicht länger?
Nein, weil die Leute in diesem Klub mich überzeugten, sie waren das Hauptargument. Ich sagte mir auch: Ich komme zurück in die Schweiz und arbeite in einem hochmotivierten Umfeld.

Eigentlich ist es erstaunlich, dass die Verantwortlichen von YB Sie überhaupt fanden. Warum tauchten Sie nach der Entlassung in Stuttgart im letzten Oktober ab?
Ich stehe nicht einfach hin, um irgendetwas zu sagen, wenn ich nichts zu sagen habe.

Es hätte beispielsweise interessiert, was Sie machen, wenn Sie nicht gerade Trainer sind.
Dafür ist immer noch genug Zeit. Es tat gut, eine Auszeit zu nehmen. Ich binkeiner, der Interviews gesucht hat.

Die Entlassung in Oktober muss eine Enttäuschung für Sie gewesen sein ...
... sicher, sicher ... ... also hilft das Abtauchen auch, um ein solches Ereignis zu verarbeiten?
Natürlich. Ich war in Spanien und in England und informierte mich über die Super League vorwiegend via Internet. Weder Basel noch YB sah ich live.

Wie lange benötigten Sie, bis diese Enttäuschung weggesteckt war?
Bis zum Winter dauerte das. Dann kam ein neues Jahr, ein neuer Anlauf, und mir war klar, dass ich 2011 einen neuen Klub übernehmen würde.

Kommen in einem solchen Verarbeitungsprozess Selbstzweifel auf?
Natürlich reflektiere ich meine Arbeit. In Stuttgart hätte ich am ersten Tag der Vorbereitung auf die neue Saison für Klarheit sorgen müssen. Horst Heldt (Sportdirektor) stand vor dem Wechsel zu Schalke. Ich hätte sagen sollen: Entweder bleibt er. Oder ich gehe auch.

Sie hätten fordernder sein müssen?
Eindeutig. Es gab einen Managementwechsel. Fredi Bobic kam – und er wollte mit mir nicht mehr zusammenarbeiten.

Führten Sie mit Bobic einen Machtkampf?
Es war seine Personalentscheidung. Bobic überzeugte die Verantwortlichen, dass es besser sei, mit einem neuen Trainer weiterzumachen.

In Ihrer Karriere wurden Sie sechsmal Meister, fünfmal Cupsieger, qualifizierten sich viermal für die Champions League – und wurden dreimal entlassen. Was lesen Sie aus dieser Bilanz?
Dass es unter dem Strich mehr Erfolgserlebnisse sind als Misserfolge. Ich habe einen wunderbaren Beruf. Und dann gibt halt es Konstellationen, die eine Weiterarbeit verunmöglichen.

Was prägte Sie als Trainer stärker: der Erfolg oder die Enttäuschung?
Auch ich bin ein Mensch, der auf Lob positiv reagiert. Lob bedeutet, dass man etwas richtig gemacht hat. Die positiven Momente haben mich eher geprägt und angetrieben. Die negativen Erlebnisse gehören auch dazu, leider.

Wie sehr fehlten Ihnen seit dem letzten Job Lob und Anerkennung?
Das ist nicht die Antriebsfeder, dass ich unbedingt arbeiten muss. Der springende Punkt ist der, dass ich mit motivierten Leuten etwas bewegen will. In einem Geschäft, in dem es Sieg und Niederlage gibt, muss man sich auch mit der Niederlage auseinandersetzen. Wenn meine Zeit als Trainer irgendwo endete, wollte ich nicht am nächsten Tag etwas Neues beginnen. Ich dachte nie: Jetzt will ich es allen sofort wieder beweisen.

Vor 18 Jahren kamen Sie als unbekannter Coach von Wil zu GC. Wie viel steckt vom damaligen Trainer heute noch in Ihnen?
Noch sehr viel! Viel Begeisterung für den Beruf, die Liebe zum Fussball, der Drang, etwas mit der Gemeinschaft erreichen zu können. Ich war immer ein Teamplayer. Mich fasziniert es seither, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen. Das Allerschönste kommt, wenn man das Ziel erreicht hat: das Ausleben der Emotionen. Die Art und Weise, wie ich heute mit den Spielern umgehe, ist sicher anders, differenzierter.

Vereinfacht gesagt: Scherten Sie früher alles über einen Kamm?
Das ist wirklich sehr vereinfacht formuliert. Vielleicht hat es den Eindruck erweckt. Aber wenn Sie mit ehemaligen Spielern reden, werden die bestätigen, dass ich mit ihnen meistens ein herzliches Verhältnis pflegte.

Das sollte nicht negativ gemeint sein.
Ich ging bei den Grasshoppers und beim FC Basel weiss Gott auf einzelne Spieler besonders ein, zum Beispiel auf Kubilay Türkyilmaz und die Yakins. Ich scheute mich nie vor schwierigen Charakteren.

Gibt es in Bern komplizierte Spieler, wie Türkyilmaz einer war?
Das kann ich noch nicht beantworten, weil wir noch kein Pflichtspiel bestritten. Das wird sich erst in der Drucksituation zeigen. Aber ich gebe immer Hilfestellung und zeige speziell den Jungen, wie sie auf Druck reagieren müssen.

Wie lernt ein Spieler, mit Druck umzugehen?
Indem er sich der Aufgabe stellt, detailliert arbeitet und bewusst trainiert. Man kann es lernen.

Sie fordern viel und zeigen Ihren Ehrgeiz. Kann es so weit kommen, dass Sie damit Ihre Mitarbeiter überfordern?
Ich will aus jedem mehr herausholen. Genügsamkeit darf nicht einziehen.

Gab es Anzeichen dafür?
Es verleitet dazu, wenn man ein tolles Stadion hat und der Zuschauerschnitt in die Höhe schnellt. Aber bei allem Respekt: Etwas Zählbares hat nicht herausgeschaut. Das wollen wir ändern.

Wer ist für Sie der Chef im YB-Gebilde?
Benno Oertig (Präsident Stade de Suisse).

Auf welcher Stufe der Hierarchie stehen Sie?
Ich bin Trainer der Lizenzmannschaft. Meine Vorgesetzten sind Ilja Kaenzig und Hansruedi Hasler.

Sie sagen von sich, ein Teamplayer zu sein. Aber ein machtbewusster Teamplayer?
Ich versuche, mich einzubringen. Aber was heisst schon machtbewusst?

Dass Sie in Ihrem Bereich dasuneingeschränkte Sagen haben.
Wenn Sie in diesem Geschäft drei Leute nach ihrer Meinung fragen, erhalten Sie drei unterschiedliche Antworten. Einer muss die Richtung vorgeben.

Die Berner Kornhausbrücke heisst seit den EM-Gastspielen Hollands auch Korenhuisbrug. Wann wird die erste Brücke nach Ihnen benannt?
Ich hatte eine tolle Zeit bei GC und in Basel. Jetzt kann es sein, dass YB die letzte Station im Schweizer Klubfussball für mich sein wird. Ich will auch nicht sagen, dass ich aufhöre, wenn ich 60 bin.

Warum tönen Sie an, dass YB möglicherweise Ihr letzter Klub sein wird? Weil es für Sie keine Adresse mehr gibt, die Ihren Anforderungen entspricht?
Weil es nicht mehr viele gibt, wo sich etwas bewegen lässt.

Es bleibt immer noch die Option Nationalmannschaft.
Die ist super vergeben.

Aber nicht ewig.
Es ist alles eine Frage des Timings.

Am 16. Juli eröffnen Sie mit YB die Saison ausgerechnet gegen Basel. Wie haben Sie reagiert, als Sie von dieser Paarung gehört haben?
Mich hat das nicht überrascht.

Und welche Emotionen haben Sie sonst gehabt? Ein spezielleres Spiel kann es für Sie doch nicht geben.
Es ist wunderbar, dass wir gegen den Schweizer Meister spielen können (schmunzelt). Basel hat ein Kader für zwei Mannschaften. (Pause) Natürlich ist es ein spezieller Match.

Wie nahmen Sie wahr, dass der FCB nach Ihnen erfolgreich blieb?
Ich gönne es dem Klub extrem.

Berührte es Sie, wenn Sie hören mussten, in Basel werde jetzt ein attraktiverer Stil gepflegt?
Sicher nicht. In zehn Jahren gewöhnt man sich eben an vieles. Der Zuzug von Alex Frei tat dem FCB sehr gut. Zusammen mit Marco Streller war er in den letzten zwei Jahren entscheidend.

Welchen Stil haben Sie für YB vorgesehen?
Resultatorientierten Fussball. Wir wollen bestimmend sein. Und effizient.

Erstellt: 05.07.2011, 23:05 Uhr

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