«Er wollte mit Kokain seine Schmerzen eliminieren»

Heinz Bühlmann, der ehemalige Clubarzt von GC und dem FCZ, war in den 70er- und 80er-Jahren mit gedopten Spielern in seinen Teams konfrontiert – und behandelte auch Maradona.

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Sie waren zwischen 1982 und 2010 Teamarzt bei GC und dem FCZ – kamen Sie in dieser Zeit mit Doping in Kontakt?
Doping war damals nichts Abnormales – auch nicht bei meinen betreuten Mannschaften.

Sie wussten also, dass sich Ihre Spieler dopten?
Ja. Einige sprachen offen darüber, dass sie «Eigenverpflegung» zu sich nehmen, sie wollten es gar über mich beziehen. Ich habe aber nie etwas abgegeben. Bei anderen wusste ich es, weil ich bei meinen Mannschaften Urinproben durchführte. Wobei, manchmal brauchte es nicht einmal die Kontrollen – es war zu offensichtlich.

Erzählen Sie.
Weil einige Spieler ihre Mittel auf dem Schwarzmarkt besorgten, war die Qualität fraglich, das Doping meist schlecht - also zu hoch – dosiert. Das führte dazu, dass es den Spielern nach der Einnahme schlecht ging, ihnen schwindlig wurde. Kurz: Sie waren schlicht nicht mehr spielfähig.

War dies beim FCZ oder bei GC der Fall?
Sowohl als auch.

Wie viele Spieler nahmen Doping?
In den 80er-Jahren waren dies jeweils mehrere pro Mannschaft.

Und sie gingen nicht gegen diese Praxis vor?
Natürlich machte ich das. Ich zitierte sie einzeln in mein Büro und zeigte ihnen die Konsequenzen auf, warnte sie vor den gesundheitlichen Problemen und den Kontrollen.

Was war die Reaktion der Spieler?
Einige waren verunsichert und verzichteten; andere gaben sich zwar einsichtig, nahmen die Mittel aber weiterhin.

Sie konnten nichts dagegen machen?
Wenn ein Spieler sich entscheidet, zu dopen, dann macht er das. Es gab sogar Trainer, die mich aufforderten, der Mannschaft Doping zu verabreichen.

Wer waren diese Leute?
Das darf ich Ihnen aufgrund der ärztlichen Schweigepflicht nicht sagen.

Weshalb haben Sie nicht höhere Instanzen wie den Verband informiert?
Wie gesagt, stand ich unter der ärztlichen Schweigepflicht, zudem gab es auch klubinterne Richtlinien, die befolgte ich. Ich meldete jeweils dem Präsidenten, dass es in der Mannschaft Spieler gibt, die mit Doping nachhelfen.

Wie reagierte der Präsident?
Er ging meinen anonymen Ausführungen nach, konfrontierte die Spieler und drohte sie rauszuwerfen – was schliesslich bei einzelnen Spielern auch passierte.

In all den Jahren wurde kaum ein Schweizer Spieler erwischt - weshalb?
Ersten herrschte eine lasche Kontrollpraxis, die Kontrollen waren zumeist angekündigt. Zweitens gab es ein Therapiefenster, hier konnte der Arzt dem verletzten Spieler legal Doping verabreichen und drittens umging man die Kontrollen, indem man das Trainingslager ins Ausland verschob, oder die Spieler eigens ins Ausland verreisten.

Wie beschafften sich die Spieler die Mittel?
Es gab einen Schwarzmarkt. Dann die Masseure, diese waren berüchtigt. Oder sie gingen eben ins Ausland.

Apropos Ausland: Kannten Sie Dr. Klümper oder Dr. Müller-Wohlfahrt, zwei Ärzte, die in den 70 Jahren einen zweifelhaften Ruf hatten?
Nicht persönlich, doch viele von Klümper behandelte Spieler kamen zu mir, weil seine Therapien bei ihnen nicht halfen. Sie erzählten mir, was und wie er es machte. Dasselbe mit Dr. Müller-Wohlfahrt. Daher wusste ich ziemlich genau Bescheid was in Deutschland passiert. Aber ich war nicht der einzige: Alle haben es gewusst im deutschen Verband, doch niemand hat etwas dagegen gemacht. Das ist das Schlimme daran!

Weshalb kamen die Spieler denn zu Ihnen, wenn sie keine Dopingmittel verabreichten?
Keine Ahnung. Vielleicht, weil meine Clubs Erfolg hatten und ich durch meine Neuraltherapien über die Landesgrenze bekannt wurde. So behandelte ich auch Maradona, von dem ich wusste, dass er mit Kokain nachhalf – er wollte damit seine Schmerzen eliminieren.

Sie haben den Fussball drei Jahrzehnte lang begleitet – wie hat sich die Dopingpraxis verändert?
In den 80er-Jahren haben die Fussballer vor allem Aufputschmittel genommen, Wachstumshormone und Steroide. In den 90er-Jahren kamen EPO-Präparate hinzu. Diese waren meist synthetisch hergestellt und konnten in kleinen Dosierungen verabreicht werden. Doch dann starben in Italien Fussballer wegen den Nebenwirkungen des Dopings. Das hat zu einem Umdenken geführt.

Und heute?
Heute greifen die Kontrollen besser, es wird mehr Wert auf die Prävention gelegt. Die Spieler sind viel besser über die Nebenwirkungen des Dopings orientiert und die betroffenen Ärzte werden strenger bestraft. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.04.2015, 22:47 Uhr

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