«Es braucht Arbeit bis Kunst entsteht»

Der FC Zürich hat in der Winterpause sein Kader so verändert wie niemand sonst in der Super League. Der grosse Coup fehlt, doch Trainer Ludovic Magnin ist zuversichtlich.

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Manchmal, wenn Ludovic Magnin spricht, dann überkommt einen das Gefühl, dass dieser Mann eine Kleinkunstgruppe führt.

Manchmal, wenn Thomas Bickel redet, dann ereilt einen der Gedanke, dass dieser Mann ein Aktienportfolio unterhält.

So klingt das auch am Donnerstag, als die beiden, Trainer und Sportchef des FC Zürich, im Zürcher Heerenschürli sitzen und über die vergangenen Wochen dozieren.

Magnin will Spektakel und spricht von schlechten und guten Vorstellungen, die die Leute einschlafen liessen – oder von den Sitzen rissen. Bickel möchte das Risiko minimieren, redet von spannenden Profilen und erhofft sich, dass ein, zwei der Neuen explodieren. Wobei genau dann Magnin ergänzt, er wäre ja schon froh, wenn die Spieler konstant Fortschritte machen würden.

Das Los mit der Grösse

Die beiden haben gearbeitet. Bickel am Kader, Magnin an Stil und Form seiner Gruppe. 12 Tage Türkei, sechs Testspiele, drei Siege. Magnin sagt: «Ich bin zuversichtlich.» Bickel hat Profile gesucht und gefunden. Zwei Aussenverteidiger, zwei Stürmer, einen Torhüter. Andere Fussballer hat er aus dem Portfolio geworfen, Rodriguez und Palsson, verkauft nach Deutschland. Der Sportchef fasst zusammen: «Den grossen Coup haben wir nicht geschafft.» Er meint jenen Transfer, der sofort einschlägt und hilft.

Der FCZ-Rückrundenstart am Sonntag fiel dem Wetter zum Opfer: In St. Gallen liegt zu viel Schnee. Der Nachholtermin ist bisher nicht bekannt.

Es ist das Los eines Vereins mit der Grösse des FC Zürich. Zu gross, um nicht in Versuchung des Coups zu kommen. Zu klein, um sich sorglos einen Coup leisten zu können. Die Mittelklasse ist im europäischen Fussball teuer geworden. So kostspielig, dass selbst Ersatzbankspieler aus der Bundesliga den Club finanziell an seine Grenzen bringen.

Magnin spielte teilweise mit einer Dreierkette – nicht weil er wollte, sondern weil er musste.


Also hat Bickel junge Spieler verpflichtet. Magnin drängte vor Weihnachten auf Ersatz auf den Aussenverteidigerpositionen. Pa Modou ist noch länger verletzt, er wird wegen eines Problems an Oberschenkel und Rücken mehrere Wochen ausfallen. Auf der rechten Seite ist der FCZ anfällig, wenn der neue Captain Kevin Rüegg nicht spielen kann, denn der junge Fabio Dixon ist keine Soforthilfe. So kam es in der Hinrunde, dass Magnin in der Abwehr mit einer Dreierkette spielte – nicht weil er wollte, sondern weil er musste.

Darum kamen nun Joel Untersee und Levan Kharabadze, ein Georgier aus Tiflis. Der 19-Jährige ist der Zugang, der am meisten Erwartungen auf sich vereint. Der Mann spricht kein Deutsch, kein Englisch, nur Russisch. Andris Vanins übersetzt auf dem Trainingsplatz, und vor dem Videobildschirm zeigt Magnin mit den Fingern die Laufwege an. Es scheint zu funktionieren, der Georgier überrasche ihn jeden Tag, sagt Magnin: «Er korrigiert sehr schnell.» Magnins Augen weiten sich. Auch ohne Worte wird klar: Er hält viel von ihm.

Wie gut ist die Akademie?

Ähnlich wie Kharabadze sind auch die anderen Zugänge Nicolás Andereggen (19), Salah Aziz ­Binous (18) und Yann Kasai (20) einzuschätzen. Jung, grosses Potenzial, doch ebenso viel Ungewissheit. Als pflichtbewusster Angestellter hat Bickel die grössten Risiken entschärft. Andereggen und Kharabadze sind nicht gekauft, sondern nur ausgeliehen. Beide mit Kaufoption. Portfoliomanager nennen das einen Call. Explodieren sie, übernimmt der FCZ die beiden. Stagnieren sie, gehen sie zurück nach Georgien und Argentinien.

«Die Entwicklung von Stephen Odey ist ein Traum.»Ludovic Magnin

Bei aller Risikoreduzierung provozieren die Transfers die Fragen, ob der FCZ damit erstens seine eigene Akademie sabotiere ­und zweitens, ob diese Akademie einfach nicht gut ­genug sei? Bickel winkt ab, es sei einfach ein Fakt, dass der Nachwuchs im Sturm und im Tor momentan keine guten Jahrgänge habe, darum habe man Perspektivspieler von aussen geholt.

Bis am 15. Februar ist das Transferfenster in der Schweiz noch offen, Bickel sucht bis dahin einen offensiven Mittelfeldspieler, einen Zehner.

Odeys Entwicklung als Vorbild

In der Zwischenzeit arbeitet Magnin daran, dass aus dem FC Zürich ein gutes Werk wird. «Es braucht Arbeit bis Kunst entsteht», sagt er. Es ist sein Satz, der gut zu Marco Schönbächler passt. Ein Künstler, der aber in der Hinrunde nicht so arbeitete, wie Magnin wollte. Nun ist das anders, Schönbächler stellt sich dem Gegner – und darf regelmässig vorspielen. Zumindest in den Testspielen. Er dankt es mit klugen Pässen und Toren.

Ein Müsterchen gibt es noch von der Zusammenarbeit des Portfoliomanagers Bickel mit dem Kunstlieferanten Magnin. Es geht darin um Stürmer Stephen Odey (21) aus Nigeria. Bickel hat ihn vor einem Jahr verpflichtet und Magnin angewiesen, mit ihm zu arbeiten. Der Trainer war skeptisch, er sah zu viele Mängel und Defizite. Doch nun, ein Jahr später sagt Magnin: «Thommy hat recht gehabt. Die Entwicklung von Stephen ist ein Traum.» Bickel nickt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.02.2019, 13:08 Uhr

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