Es vibriert wieder

Sion schüttelt die trübe Vergangenheit ab und führt die Super League an. Wie lange aber hält die Eintracht unter Christian Constantin?

Für den FC Sion ist die Fussballwelt seit diesem Sommer in Ordnung: Die letzte Saison ist weit weg und der Club aus dem Wallis eine Attraktion der Liga.

Für den FC Sion ist die Fussballwelt seit diesem Sommer in Ordnung: Die letzte Saison ist weit weg und der Club aus dem Wallis eine Attraktion der Liga. Bild: Keystone

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Reue, nur schon dieser Begriff, der als Eingeständnis von Fehlern ausgelegt werden könnte. Natürlich spürt er nichts dergleichen, doch nicht einer wie er. Als Verlierer fühlt er sich genauso wenig, weil er seine Welt zurechtbiegt, bis er mit grimmiger Miene ruft: «Surreal, alles nur surreal!» Soll anders denken, wer will.

Christian Constantin sitzt auf der Terrasse seines Hotels in Martigny, der Zentrale seines FC Sion, er trägt Dreiviertelhosen, versucht entspannt zu sein und das, was war, in geraffter Form abzuhandeln. Es geht um die letzte Saison, um die 36 Punkte Abzug und die wilden Versuche, gerichtlich zu beweisen, nichts Regelwidriges getan zu haben. Die Lust, sich noch einmal auszulassen, hält sich im engen Rahmen. Constantin sagt: «Was interessiert mich das noch?»Die Vergangenheit schüttelt er flugs ab, und ebenso temporeich leitet er über zur Gegenwart, die wie ein Kontrastprogramm daherkommt und den Geschmack des Clubchefs trifft. Sion ist Leader und die Adresse neuer Liga-Attraktionen, bei Heimspielen im engen Tourbillon vibriert die Stimmung wieder. Gennaro Gattuso ist die Vorzeigenummer, der 34-jährige Weltmeister aus Italien, der nur ins Wallis fand – «weil ich hier der Präsident bin», stellt Constantin schnell klar.

Die Marke Gattuso zieht

Genüsslich beschreibt er, wie das einzige Treffen in Mailand ablief, wie Gattuso sagte: «Du weisst, dass ich kein Pirlo bin.» Und wie Constantin erwiderte: «Ich brauche keinen Pirlo, ich will Gattuso.» Für einen Monatslohn von rund 60 000 Franken hat er einen Spieler erhalten, dessen Wort im Team Gesetz ist und der das Merchandisinggeschäft ankurbelt. 1000 Gattuso-Trikots sind bereits verkauft, bis Ende Saison soll die 3000er-Marke erreicht sein. «Einen wie ihn gab es in der Schweiz noch nie», schwärmt Constantin.

Die Mannschaft wird getragen vom furchtlosen Süditaliener, geprägt werden soll sie aber auch von frischen Gesichtern. Oussama Darragi ist eines, ein 25-jähriger Tunesier mit herausragender Technik. «Er erinnert mich an Zidane», sagt Constantin, «er kann eine grosse Karriere machen. Der Trainer und Gattuso schleifen ihn.» Um zu präzisieren: «Und ich helfe auch mit.» Vor Darragi stürmt der Brasilianer Leonardo de Oliveira Clemente, der sich «Léo» nennt, aus der Stadt Itaperuna stammt und darum als Léo Itaperuna vorgestellt wurde. Constantin meldet unbescheiden: «Léo habe ich entdeckt.» Für das defensive Mittelfeld holte er André Marques aus Portugal, dazu Kyle Lafferty von den bankrotten Glasgow Rangers als Angriffsoption.

Fourniers Zusage ohne Zögern

Das ergibt alles in allem eine teure Belegschaft. Auf fast 24 Millionen Franken ist das Budget gestiegen, auf ebenso viel schätzt Constantin die Investitionen aus seinem Privatvermögen in den letzten neun Jahren. Und weil er glaubt, dass mittlerweile ausreichend Qualität vorhanden ist, sagt er: «Der Trainer hat keine komplizierte Aufgabe. Ich stelle ihm gutes Personal hin, mit dem er etwas anfangen kann.»

Sébastien Fournier ist der Neue, 41 erst, aber unerschrocken, obwohl er für das Amt auf dieser Stufe keine Erfahrung mitgebracht hat. Der Walliser aus Nendaz kehrte im Winter als Nachwuchschef nach Sion zurück, und als er das überraschende Angebot erhielt, die erste Mannschaft zu übernehmen, zögerte er keine fünf Sekunden: «Gibt es einen schöneren Job für einen Walliser? Ich wäre nicht normal, wenn ich abgelehnt hätte.»

Jetzt ist er in einem Amt, in dem sich schon Dutzende vor ihm versuchten und scheiterten, weil sie sich mit dem ungeduldigen Constantin in Machtkämpfen aufrieben oder wegen des fehlenden Erfolges. Fournier ist der Pragmatiker, der sich nicht daran stört, wenn der Vorgesetzte in seinen Ferien in Schwarzafrika am Webradio eine Spielübertragung verfolgt und danach aufgrund dieser Information anordnet, dass die stehenden Bälle anders ausgeführt werden müssen. «Er fordert viel, das mache ich auch», sagt Fournier, «ich schätze den Dialog. Wenn ich nicht einverstanden bin, lege ich meine Argumente vor. Das hilft oft.»

Der Vielvölkerclub FC Sion

Constantin wiederum hält es für angemessen, dass er sich in technische Belange einschaltet: «Schliesslich bin ich der Patron. Also darf und muss ich Anweisungen geben.» Fournier sagt von sich aus: «Mir ist wichtig zu wissen, wie der Chef denkt.» Aber auch: «Mir ist schon bewusst, wie schnell die Stimmung kippen kann. Aber Angst? Nein.» Fournier hat sich der Aufgabe mit Hingabe verschrieben, «24 Stunden schwirren die Gedanken durch meinen Kopf». Er liest viel über Berufskollegen und Trainingsmethoden, im Winter will er sich in Italien fortbilden. «Für sein Glück und den Erfolg muss man etwas investieren», sagt Fournier.

Cinas Freude – und Fragen

Der Trainer ist das einheimische Element im bunten Nationengemisch FC Sion mit Vertretern aus Lettland, Ungarn, Holland, Italien, Brasilien, Portugal, Tunesien, Frankreich, Serbien, Nordirland, der Demokratischen Republik Kongo und von der Elfenbeinküste. «Das ist zwar gut für die Identifikation. Und die Leute mögen es, dass ich ein Arbeiter aus den Bergen bin und kein Showman», sagt Fournier, «aber es wäre ein Irrtum zu glauben, dass es möglich wäre, nur mit Wallisern auf diesem Niveau mithalten zu können.»

Ohnehin definiert sich die Unterstützung des Vereins nicht über Namen, sondern über Resultate. «Sions Spieler von heute müssen nicht mehr Balet oder Brigger heissen», sagt Jean-Michel Cina, «mit dem Erfolg ergibt sich eine natürliche Bindung.» Der Walliser Regierungsrat ist ein aufmerksamer Beobachter, der Verein für ihn sowohl «Herzensaffäre» als auch «Mythos». Erleichtert ist er darüber, dass die belastenden Querelen der letzten Monate verklungen sind. Oft genug regte er sich auf, weil der Sport zur Nebensache verkam, «der Krieg an den gerichtlichen Fronten überbordete», sagt er.Cina hat Spass am Aufbruch des FC Sion und Freude an der Bescheidenheit eines Gattuso: «Der Club ist wieder erwacht.» Aber das beseitigt nicht automatisch gewisse Zweifel, und die haben mit dem Namen Constantin zu tun. «Teil der Kultur» nennt ihn Cina, «er kann hartnäckig streiten, gleichzeitig ist er fähig, einen Gattuso zu verpflichten.» Aber entscheidend sind für den CVP-Politiker aus Salgesch diese Fragen: «Wie stark sind die Strukturen im Verein, also: Wäre er ohne Constantin überlebensfähig? Wie reagiert man auf Rückschläge?» Um eine Empfehlung an Constantin zu formulieren: «Man kann nicht ständig den Druck erhöhen und die Angestellten permanent an die Leistungsgrenze oder darüber hinaus drängen. Ein Team braucht Ruhe. Und Spass am Spiel kann eine Dynamik auslösen.»

Der Präsident bleibt unbeirrt

Constantin aber interessiert ungeachtet dessen nur eines: Erfolg. Dass Fournier ein Walliser ist, kümmert den Präsidenten spätestens dann nicht mehr, wenn er dessen Arbeit beurteilt: «Sympathiewerte kann ich nicht berücksichtigen.» Er hat den Anspruch, den FC Basel zu bedrängen, und im Erfolg braucht er sich um Support nicht zu sorgen. Er kritzelt auf einen Fetzen Papier Zahlen: 6000 Saisonkarten, 666 verkaufte Business-Seats, 800 Mitglieder im Club der 1000, rund 250 im Platin-Club. «Die Leute stehen hinter uns», sagt er, fügt aber an: «Sind wir gut, ist es die Stimmung auch. Aber ich lasse mich nicht blenden.»

Constantin bewegt sich zwischen hitziger Emotionalität auf der Tribüne und kühlem Handeln neben dem Platz. Wer ihm nachsagt, verrückt, trotzig und stur zu sein, den lächelt er mitleidig an. Wer ihm vorhält, in Trainerfragen oft überstürzt zu handeln, dem entgegnet er: «Mir gehört der Club.» In die Zukunft begleitet ihn die tiefe Überzeugung, nichts Unrechtmässiges getan zu haben, auch wenn Fifa, Uefa und der Schweizer Verband das anders sehen. Darum fordert er Schadenersatz von insgesamt sechs Millionen Franken.

Und die Erfolgsaussichten? «On verra», sagt er, man wird sehen. Er dirigiert unbeirrt weiter. Als wäre nichts geschehen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.08.2012, 12:57 Uhr

Constantins Trainer seit 2003

Boubou Richard bis 19. 3.03

Charly Roessli 20. 3.03 -30. 6.03

Didier Tholot 1. 7.03 -20. 4.04

Admir Smajic 20. 4.04 -31. 7.04

Christian Zermatten 2 Spiele

Gilbert Gress 8. 8.04 -27. 3.05

Gianni Dellacasa 28.3.05 -16.10.05

Christophe Moulin 17.10.05 -21. 5.06

Nestor Clausen 28. 5.06 -1.10.06

Christophe Moulin 1 Spiel

Marco Schällibaum 6.10.06 -21.11.06

Gabet Chapuisat 21.11.06 -19. 2.07

Alberto Bigon 20. 2.07 -17.12.07

C. Roessli/M. Jacobacci 18.12.07 -24. 3.08

Alberto Bigon 25. 3.08 -10. 5.08

Uli Stielike 31. 5.08 -3.11.08

Christian Constantin 04.11.08 -14.12.08

C. Zermatten/U. Barberis 24.12.08 -10. 4.09

Didier Tholot 14. 4.09 -21. 5.10

Bernard Challandes 1. 6.10 -21. 2.11

Laurent Roussey 22. 2.11 -23. 4.12

Rolland Courbis 25. 4.12 -14. 5.12

Vladimir Petkovic 15. 5.12 -29. 5.12

Sébastien Fournier seit 4. 6.12

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36. Runde

02.06.FC Basel 1893 - FC St. Gallen4 : 1
02.06.FC Lugano - FC Luzern0 : 1
02.06.FC Sion - Grasshopper Club1 : 1
02.06.FC Vaduz - FC Thun1 : 3
02.06.BSC Young Boys - FC Lausanne-Sport2 : 0
Stand: 02.06.2017 22:38

Rangliste

NameSpSUNG:EP
1.FC Basel 189336268292:3586
2.BSC Young Boys36209772:4469
3.FC Lugano361581352:6153
4.FC Sion361561560:5551
5.FC Luzern361481462:6650
6.FC Thun3611121358:6345
7.FC St. Gallen361181743:5741
8.Grasshopper Club361081847:6138
9.FC Lausanne-Sport36981951:6235
10.FC Vaduz36792045:7830
Stand: 02.06.2017 22:39

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