FCZ-Meistertrainer vor Debüt im Kosovo

Bernard Challandes ist auch mit 66 Jahren noch fussballverrückt. Nun stürzt er sich ins nächste Abenteuer.

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Er setzte sich stets mit Vergnügen ins Auto oder ins Flugzeug, wenn die Arbeit rief. Er beobachtete unzählige Spieler und Spiele, er tauchte an entlegenen ­Orten auf, in Europa und Afrika, wo auch immer. Er sagt: «Ich bin wie ein Verrückter unterwegs gewesen.»

Auf einmal war für Bernard Challandes Schluss damit: Im vergangenen ­September beendete der FC Basel die Zusammenarbeit mit ihm. Auf dem Papier handelte es sich um ein 75-Prozent-Pensum, aber er zählte die Tage nicht, an denen er als Scout zu tun hatte. Den Entscheid der Basler nahm er ­trotzdem ohne Groll hin: «Es ist völlig ­legitim, wenn eine neue Führung eigene Ideen hat.»

Challandes ist 66, im Pensionsalter eigentlich. Aber Ruhestand? Bloss nicht! Und überhaupt: Rentner! Nur schon dieses Wort! «Ich habe ein aussergewöhnliches Leben, ein schönes Leben, in dem ich immer machen durfte, was mir Spass bereitet. Darum habe ich es nicht nötig, mich auszuruhen.»

Challandes’ Art kommt an

Aber nur gelegentlich als Experte im Fernsehen aufzutreten oder für die Uefa ein Projekt zu betreuen, das ist ihm zu wenig, nicht erfüllend. Darum suchte er eine neue Aufgabe, am liebsten als ­Nationaltrainer – drei Jahre nach dem Engagement in Armenien. Er hat sie in Kosovo gefunden, das vor zwei Jahren von der Fifa als 210. Mitglied aufgenommen worden ist und in der Weltrangliste Platz 176 belegt. Er unterschrieb als ­Nationaltrainer bis 2020.

Verbandspräsident Fadil Vokrri gefällt die lebhafte Art des Schweizers, dessen Erfahrung. Und schaden kann es ja nicht, dass der Neue aus einem Land stammt, in dem viele kosovarische Fussballer spielen, Hekuran Kryeziu und Idriz Voca von Luzern, Alban Pnishi und Gjelbrim Taipi von GC oder Benjamin Kololli von Lausanne.

Einem Projekt viel Hingabe widmen

Challandes glaubt, dass die Aufgabe auf ihn zugeschnitten ist. Er ist nicht mehr dem Druck des Clubfussballs ausgesetzt, kann sich aber trotzdem einem Projekt widmen, das viel Hingabe verlangt. Dieser Tage weilt er mit seinem Team in Paris. Es geht darum, sich kennen zu lernen. Dazu stehen zwei Tests an: am Samstag gegen Madagaskar, am Dienstag gegen Burkina Faso.

Das Ganze hat etwas Abenteuerliches wie schon in Armenien. Challandes selber empfindet es als normalen Vorgang in seinem Beruf. «Ich bin erstaunt, dass ich oft gefragt werde, wieso ich so etwas mache. In meinem Alter . . .», sagt er, «ich bin halt ein leidenschaftlicher Trainer.»

Reicht «leidenschaftlich», um ihn zu beschreiben, diesen Nimmermüden, wenn es um Fussball geht? Er überlegt kurz und lächelt dann: «Sie können auch sagen: Bernard Challandes ist fussballverrückt.» Das ist heute nicht anders als vor 40 Jahren, als er an einem Samstag heiratete und nach sehr kurzer Nacht am nächsten Tag als Spieler-Trainer des Zweitligisten St-Imier auf dem Platz stand.

Inputs von Stéphane Henchoz

Heute ist es so: Kaum ist er in Pristina als Coach vorgestellt worden, stürzt er sich in die Arbeit. Schaut bisherige Partien seiner neuen Mannschaft auf Video. Telefoniert mit Spielern. Durchforstet Ligen nach potenziellen Kandidaten für seine Auswahl. Trifft sich in Bevaix am Neuenburgersee mit Stéphane Henchoz, dem einstigen Schweizer Haudegen und heutigen Xamax-Assistenztrainer, um mit ihm über Defensivstrategien zu debattieren. Und setzt sich mit Yves Débonnaire zusammen, um vom früheren Ausbildungschef des Schweizer Verbandes Neues in Sachen Trainingslehre zu erfahren. Der FCZ-Meistertrainer von 2009 sagt: «Ich kann nicht mehr die gleichen Übungen machen wie damals in Zürich.» Und: «Ich muss gut vorbereitet sein, wenn ich mich vor die Mannschaft stelle.»

Challandes, früher Bibliothekar und Lehrer, will mit der Zeit gehen. Dazu ­gehört auch, dass er nun moderne Hilfsmittel benutzt. Lange schrieb er Zeitungskolumnen mit Kugelschreiber auf A4-Papier und schickte das Werk per Fax, es wäre ihm immer noch am ­liebsten. Inzwischen aber besitzt er ein Tablet, Skype beherrscht er auch. Und seinen Fussballern will er künftig nicht mehr bloss auf einem simplen Flipchart seine Pläne erklären, sondern mit ­Powerpoint-Präsentationen. Wobei er dafür die Hilfe technisch versierter ­Assistenten in Anspruch nimmt – «ich bin nur der Regisseur».

Das Lachen ist zurück

Seine Frau hat erfreut festgestellt, dass das Lachen in seinem Gesicht ­zurück ist. Er fühlt sich wieder gesund. Er hat keine Magenbeschwerden mehr oder ­Anzeichen von Rheuma, der Blutdruck ist wieder in Ordnung, «alles bestens». Jetzt, da er wieder losziehen darf.

Challandes wird den Wohnsitz in La Chaux-du-Milieu nicht aufgeben. Wo ­immer er angestellt war, in Bern, Zürich, Sitten, Thun oder Armenien, die Basis im Neuenburger Jura blieb seine Kraftquelle. Künftig wird er ab und zu nach Pristina reisen, um Ligaspiele zu schauen und sich in der Verbandszentrale zu zeigen. Er wird viel unterwegs sein, in halb Europa, um seine Spieler zu besuchen und auch Überzeugungsarbeit zu leisten.

Challandes ist ­getrieben vom Ehrgeiz, mit seinem neuen Team für Aufsehen zu sorgen. Im Vertrag ist die Klausel fixiert, dass er im Amt bleibt, falls Kosovo die EM-Qualifikation ­schafft.

Beharrlich auf Lösungssuche

Als Vorbereitung auf die EM-Ausscheidung dient die Nations League, in der die Kosovaren auf Aserbeidschan, die Färöer und Malta treffen. Challandes sagt: «Ich habe grosse Lust, meinen Job richtig gut zu machen.» Er wird kein ­Detail auslassen, er wird funktionieren wie immer, wenn er Trainer war: «Wenn es ein Problem gibt, suche ich so lange, bis ich die Lösung gefunden habe.» Niederlagen nahm er oft persönlich, daran wird sich wohl nichts mehr ändern.

Abstand gewinnt er, wenn er seine ganze Familie in die Ferien nach Südfrankreich einlädt. Es hat inzwischen Tradition, dass er dort zweimal pro Jahr ein grosses Haus mietet. Dann legt er sich gern an den Strand, liest ein Buch oder schaut seiner Frau beim Wasserskifahren zu. Und was müsste passieren, damit er sagt: Schluss, ich höre auf? ­«Irgendwann wird dieser Moment ­kommen.» Irgendwann? Tönt wie: Das kann noch ziemlich lange dauern. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.03.2018, 14:27 Uhr

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