«Favre hat ein rein taktisches Problem»

Lucien Favre war der Shootingstar der Bundesligatrainer, führte Gladbach ins europäische Geschäft. Doch in der neuen Spielzeit stockt sein Kombinationsfussball. Experten betreiben Ursachenforschung.

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Im Heimspiel gegen den HSV bewahrte der Spanier Alvaro Dominguez in der 91. Minute mit dem 2:2-Ausgleichstreffer Lucien Favre vor einer weiteren Blamage. «Gladbach ist meilenweit von seinem einstigen Kombinationsfussball entfernt», stellte der ARD-Reporter fest. Und Favre sagte dann im «Morgenmagazin» von ARD und ZDF: «Das geht alles viel zu langsam. Wir brauchen Zeit.» Der Reporter hakte nach. «Wie lange brauchen sie noch Zeit?» Favres kurze Antwort: «Lange, aber ich weiss nicht, ob es überhaupt noch klappt.»

Nach dem schlechten Saisonstart in der Bundesliga und dem Scheitern in den Playoffs der Champions League gegen Dynamo Kiew setzte es in Dortmund in der Meisterschaft zuletzt gar eine empfindliche 0:5-Niederlage für das Team von Lucien Favre ab. Der Romand sprach danach von einer Klatsche. Man müsse jetzt «sehr, sehr viel arbeiten, arbeiten und arbeiten». Favre beschwerte sich schon vor der Saison, beklagte die namhaften Abgänge von Reus, Dante und Neustädter. Gladbach könne den Erfolg des letzten Jahres unmöglich wiederholen, «das kann ich jetzt schon garantieren», diktierte er den Journalisten in die Notizbücher und den TV-Leuten in die Mikrofone, obwohl der Club für fast 35 Millionen Euro neue Spieler verpflichtet hat.

Netzer nimmt Favre in die Pflicht

«Zurzeit macht Borussia Mönchengladbach keinen gefestigten und vertrauenerweckenden Eindruck. Die positiven Elemente der letzten Saison sind nicht mehr vorhanden», sagt Experte Günter Netzer gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Seit Beginn der Saison stecke die Mannschaft in Schwierigkeiten. «Das ist kein harmonisches Gebilde wie noch in der letzten Saison.» Doch das sei auch nicht einfach. Die Abgänge von Reus, Dante und Neustädter könne man nicht einfach nahtlos kompensieren. Doch Netzer nimmt Favre in die Pflicht. «Er ist gefordert. Er muss innert kürzester Zeit Resultate vorweisen können», sagt Gladbachs einstiger Spielmacher. Sonst werde es immer schwerer, sich aus einer schwierigen Situation zu befreien. Netzer glaubt nach wie vor an die grossen Qualitäten des Schweizer Trainers. «Er hat schon einmal bewiesen, dass er auch kurzfristig Erfolg haben kann. Als er zu Gladbach kam, hatte er schnellen Erfolg und bewahrte den Club in einer eigentlich hoffnungslosen Lage vor dem Abstieg in die zweite Bundesliga.»

Stiels Zweifel

«Lucien Favre jammert herum und beklagt sich», sagte Thomas Helmer, der ehemalige Abwehrchef der Bayern, als Experte im Doppelpass auf Sport 1. Ein Journalist pflichtete ihm bei: «Favre lebt vor, dass er unzufrieden ist.» Gladbach-Experte Jörg Stiel ist skeptisch geworden, was die Zukunft der Borussia betrifft. «Die Körpersprache von Lucien Favre ist das Spiegelbild einer verunsicherten Mannschaft. Während der Spiele verwirft er demonstrativ die Hände, und bei den Interviews lässt er vorwiegend die Mundwinkel hängen und kritisiert seine Spieler. Das macht auf die Mannschaft keinen positiven Eindruck», sagt der ehemalige Gladbach-Goalie gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Favre werde seit Anfang Saison auch nicht müde zu erklären, dass es unmöglich sei, die Erfolge der letzten Saison zu wiederholen. Favre bedauere die Abgänge von Reus, Dante und Neustädter nach wie vor und weise bei jeder sich bietenden Gelegenheit konsequent darauf hin.

«Gladbach hat auch ein taktisches Problem»

«Wenn der Trainer schon fast chronisch unzufrieden ist, spüren und konstatieren das auch die Spieler. Dann kommen auch bei ihnen die Selbstzweifel auf. Und das nervt sie mit der Zeit gewaltig», weiss Stiel aus eigener Erfahrung. «Und wenn er sich dann auch noch vor die TV-Mikrofone stellt und sagt, er wisse nicht, ob es in dieser Saison überhaupt noch klappt, dann gibt das zu denken.» Stiel macht bei Gladbach zurzeit auch taktische Defizite aus.«Die Abwehr steht viel zu tief und lässt sich zu weit nach hinten drücken. Da entsteht ein Loch zwischen Abwehr, Mittelfeld und Angriff. Die einzelnen Mannschaftsteile hängen deshalb in der Luft. Das greift nicht mehr ineinander wie noch in der vergangenen Saison. Und das hat ja nichts mit den personellen Abgängen zu tun. Das ist ein rein taktisches Problem.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.10.2012, 12:46 Uhr

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