«Favre spielt mit dem Feuer»

Morgen startet die Bundesliga in die neue Saison. Im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet spricht Deutschland-Experte Jörg Stiel über Favre, Shaqiri, Xhaka sowie seine Titel- und Abstiegsaspiranten.

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Jörg Stiel, wer kann Double-Sieger Dortmund den Titel streitig machen?
Nur die Bayern.

Weshalb?
Die Bayern haben sich mit den Offensivkräften Mandzukic, Pizarro und Shaqiri sowie Abwehrchef Dante in der Breite qualitativ verstärkt. Und wenn jetzt auch noch der spanische Internationale Martinez für das defensive Mittelfeld dazukommt, dann schürt das in einem von Nationalspielern gespickten Kader den internen Konkurrenzkampf zusätzlich.

Der Schweizer Internationale Xherdan Shaqiri wurde in der Vorbereitung und vor allem nach seinem Spiel mit zwei Assists und einem Tor im Pokal bei Jahn Regensburg in den deutschen Medien bereits als der grosse Gewinner gefeiert. Ist das nicht gefährlich?
Shaqiri darf sich von solchen Lobeshymnen nicht blenden lassen. Er muss hellwach bleiben und sich in jedem Training mit Leistung empfehlen. Er wird sich noch mehr wehren müssen, denn spätestens jetzt wissen auch die anderen, dass der vermeintlich Kleine aus der Schweiz ein ernsthafter Konkurrent ist. Wer bei den Bayern die Ellbogen nicht ausfährt, der geht unter und hat keine Chance. Shaqiri steht nicht mehr wie in Basel unter Artenschutz. Bei den Bayern sassen schon andere wie Gomez oder Podolski auf der Bank. Aber er hat das Potenzial, sich durchzusetzen, weil er auch mental sehr stark ist.

Dortmund holte das Double. Erklären Sie uns doch mal das Phänomen Jürgen Klopp.
Klopp ist immer noch frisch und keineswegs aufgebraucht. Er ist emotional und spricht die Sprache seiner Spieler. Er weiss, wie er mit ihnen umgehen muss. Dazu ist Klopp ein hervorragender und kluger Taktiker. Mit Marco Reus hat er einen Spieler geholt, der ihm noch ganz andere taktische Möglichkeiten als in der letzten Saison eröffnet. Klopp hat zudem etwas, was andere nicht haben. Er besitzt einen trockenen Humor und kann auch einmal über sich selbst lachen. Das Gesamtpaket stimmt, deshalb ist er für mich auch der beste Trainer der Bundesliga.

Gladbach nennen Sie bei Ihren Titelanwärtern nicht. Weshalb?
Nach den Abgängen von Reus, Dante und Neustädter haben sie die Mönchengladbacher zwar sehr gut verstärkt. Aber die Mannschaft muss auch noch zusammenwachsen. Zudem gibt es laut verschiedenen deutschen Medienberichten Meinungsverschiedenheiten zwischen Sportdirektor Max Eberl und Trainer Lucien Favre.

Wo liegen die Probleme?
Nach der 1:3-Niederlage im eigenen Stadion gegen Dynamo Kiew im Playoff-Hinspiel der Champions League erklärte Favre allen Ernstes, dass die Mischung im Angriff nicht stimme. Man habe zu ähnliche Stürmer, die alle nur im Zentrum blieben. Favre meint, dass zur holländischen Neuverpflichtung Luuk de Jong weder Igor de Camargo noch Mike Hanke passen würden. Ein Ersatz für Marco Reus, der vorne ständig rotierte und auf die Flügel auswich, sei nicht vorhanden.

Ist das eine indirekte Kritik an Max Eberl?
Das kann man durchaus so interpretieren. Für mich ist es jedenfalls so.

Ist das nicht gefährlich?
Doch, das ist es. Favre spielt mit dem Feuer.

Weshalb?
Es war schliesslich der Trainer, der die Transfers, auch jenen von Luuk de Jong, abgesegnet hat. Es ist dann ungeschickt, wenn man nach Investitionen von 34,5 Millionen Euro erneut Druck ausübt und weitere Verstärkungen fordert. Ich finde es nicht sonderlich intelligent von Lucien Favre, dass er sich in der Öffentlichkeit mit seinem Sportdirektor Max Eberl anlegt, zumal dieser ihm jene Mannschaft zusammenstellte, mit der er in der letzten Saison den beachtlichen vierten Platz erreichte.

Sie denken also, Favre steht vor einer sehr schweren Saison?
Ja, das ist zweifelsohne der Fall. Gladbach wurde in der letzten Saison Vierter. Das ist eine herausragende Leistung. Doch diese muss man jetzt bestätigen können. Zudem steht Gladbach vor dem Aus in der Champions League und verliert somit Einnahmen in Millionenhöhe. Das könnte für Favre ein zusätzliches und gravierendes Problem werden.

Weshalb?
Weil er sich die schlechte Ausgangslage für das Rückspiel in Kiew teilweise selbst eingebrockt hat.

Wie meinen Sie das?
Für die individuellen Fehler seiner Spieler, die zu den Toren führten, kann er nichts. Doch meiner Meinung nach hat Favre einen schweren taktischen Fehler begangen.

Inwiefern?
Gladbach suchte nach dem Führungstreffer den zweiten und den dritten Treffer. Die Mannschaft spielte dynamisch nach vorne. Doch sie hätte das Tempo aus dem Spiel nehmen müssen und nach dem 1:0 aus einer kompakten Defensive auf Konter spielen sollen. Das war in der letzten Saison Gladbachs Stärke.

Vor dem zweiten Kiewer Treffer unterlief ausgerechnet Granit Xhaka ein folgenschwerer Fehler. Wird ihn das aus der Bahn werfen?
Er hat leider im Mittelfeld den Ball verloren und so den fatalen Konter ermöglicht. Aber ich denke nicht, dass Xhaka deshalb jetzt ein Trauma hat. Er ist wie Shaqiri mental sehr stark. Das zeichnet ihn aus. Er wird sich in Gladbach durchsetzen.

Themawechsel. Wer könnte noch zum Geheimfavorit auf den Titel aufsteigen?
Die Hierarchie wird mehr oder weniger so bleiben wie in der abgelaufenen Saison. Den Titel machen Dortmund und die Bayern unter sich aus.

Welche Teams sehen Sie im Abstiegskampf?
Die Aufsteiger Düsseldorf, Frankfurt und Fürth werden dabei sein. Doch auch Basels ehemaliger Meistermacher Thorsten Fink läuft mit dem HSV Gefahr, erneut in den Abstiegskampf involviert zu werden.

Erstellt: 23.08.2012, 13:50 Uhr

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