Favres Handbremsen-Fussball beim BVB in der Kritik

Unentschieden-Krise, Tabellenplatz neun sowie zu viel Vorsicht: Der Gegenwind für Dortmund-Trainer Lucien Favre wird immer stärker.

Der Druck auf Lucien Favre ist nach drei Unentschieden in  Serie gross.

Der Druck auf Lucien Favre ist nach drei Unentschieden in Serie gross. Bild: Armando Babani/Keystone

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Eigentlich hätten Lucien Favre die Ohren klingen müssen, als würde im Dom die Messe geläutet. Sein Chef Hans-Joachim Watzke sass mit Favres Vorvorgänger Jürgen Klopp bei der Pressekonferenz zum Erscheinen von Watzkes Buch-Biografie – und Borussia Dortmunds Geschäftsführer grämte sich öffentlich: Einen Trainer wie Klopp bekomme man nie wieder, im Nachhinein betrachtet, so Watzke, hätte man damals, vor dem Abschied des inzwischen zum Welttrainer gekürten Klopp, «lieber die ganze Mannschaft rauswerfen sollen als den Trainer». Man darf aber davon ausgehen, dass Favre als echter Schweizer genug Phlegma besitzt, selbst die Glocken des Doms nicht zu hören, wenn er sie nicht hören will.

Am Samstag spielt Lucien Favre mit dem BVB gegen seinen alten Verein Borussia Mönchengladbach, was schon interessant genug wäre. Aber die andere Borussia steht auch noch in der Bundesligatabelle auf genau dem Rang, den sie eigentlich in Dortmund für sich selbst in dieser Saison reserviert hatten: auf Platz eins. Favres Team dagegen dümpelt auf Rang neun.

CEO Hans-Joachim Watzke (links) und Jürgen Klopp (Mitte) bei der Präsentation von Watzkes Biografie. (Bild: Getty Images)

2:2, 2:2, 2:2

Menschen, die eher halb volle als halb leere Gläser vor sich stehen sehen, sagen zwar, dass es nur vier Punkte Rückstand bis zur Spitze seien, aber das ist nur das halbe Problem beim BVB. Was Favre mehr als die Offenbarungen seines Vorgesetzten und der blanke Tabellenplatz in die Bredouille bringt, das sind die drei letzten Spiele, die allesamt 2:2 ausgingen. Und zwar immer nach ähnlichem Muster, stets nach einer Dortmunder Führung und immer mit einer Art Angsthasen-Fussball, für den nicht wenige die taktischen Vorgaben des Trainers verantwortlich machen.

Nicht wenige auch hatten bereits für die Länderspielpause der Bundesliga vorhergesagt, dass Dortmund die Atempause nutzen würde, um den Trainermarkt zu sondieren. Allzu sehr hat sich zuletzt offenbar die Ahnung breitgemacht, dass mit dem im Sommer nochmals hochgejazzten BVB-Kader auch diese Saison so weitergehen würde, wie die vergangene zu Ende ging. Zur Erinnerung: Dortmund hatte vor einem Jahr in der Hinrunde bis zu elf Punkte Vorsprung auf den späteren Meister FC Bayern – und kam am Ende mit zwei Punkten Rückstand ins Ziel.

Ein anderer – aber wer?

Da zauderte, haderte und krampfte der Spitzenreiter Dortmund, und monatelang traute sich niemand im Club, Favre die klare Ansage zu machen, dass sich angesichts eines so klaren Punktevorsprungs auch das Saisonziel zu verändern habe. Wer derart souverän Herbstmeister wird, muss auch den Titel ausrufen.

Von den Trainern, die aktuell arbeitslos sind, passt kaum einer ins Anforderungsprofil.

Favre weigerte sich, zauderte weiter, warnte inständig vor den überragenden Qualitäten späterer Absteiger. Das muss nicht der Grund für den BVB-Absturz in der Rückrunde gewesen sein. Aber viele Experten und Meinungsführer im Club sehen es so, und Favre hat das als Hypothek mit in die neue Saison genommen. Nun rangiert er mit seinem vermeintlichen Superkader auf Platz acht. Selbst Freiburg droht sich davor abzusetzen – von den Gladbachern ganz zu schweigen.

Am Donnerstag, bei der Pressekonferenz vor dem Borussen-Duell, schienen Favre und Sportdirektor Michael Zorc auffällig um gute Laune bemüht zu sein. Die Sondierungen des Trainermarktes waren kurz – und erwartungsgemäss nicht sonderlich ermunternd im Hinblick auf Alternativen zu Favre. Trainer in Verträgen kommen für Boss Watzke nicht infrage. Und von denen, die aktuell arbeitslos sind, passt kaum einer ins Anforderungsprofil.

Von den deutschen Trainern läge zwar sofort Ralf Rangnick nahe, aber der ist beim BVB-Anhang so unvermittelbar wie jemand, der im Schalker Trikot auf der Borussen-Bank sitzen würde. Rangnick wäre fachlich perfekt, aber seine letzten Vereine – Hoffenheim, Schalke und RB Leipzig – haben ihn für Dortmunds Ultras disqualifiziert; das würde sich auch Rangnick selbst wohl nicht antun wollen.

Von Massimo Allegri, Baumeister des aktuellen Erfolgsmodells von Juventus Turin, heisst es, dass er nur deshalb noch auf dem Markt sei, weil er zwar die Fussball-Erfolgsbücher «Alles ganz einfach» und «ABC des Fussballs» geschrieben habe, aber weder Deutsch noch Englisch könne, nicht mal Französisch. José Mourinho dagegen, der Spezielle, zuletzt englischer Vizemeister und Europa-League-Sieger mit Manchester United, spricht fünf Sprachen und lernt gerade die sechste, nämlich Deutsch, wartet aber dem Vernehmen nach lieber darauf, dass sie bei Real Zinédine Zidane vor die Tür setzen, damit er nach Madrid zurückkehren könnte. Und damit ist die Liste auch schon zu Ende.

So wie bei Niko Kovac

Lucien Favres Fussball scheint in Dortmund inzwischen mindestens so angezweifelt zu werden, wie man es aus München oft hört, wenn es um Niko Kovac geht. Manche Spieler, heisst es, stören sich am «Kontrollwahn» Favres. Statt das meiste aus den Offensivqualitäten seines Kaders herauszuholen, predige er Kontrolle, Kontrolle, Kontrolle. Manche sagen dazu auch: Fussball ohne Selbstvertrauen. Von emotionaler Ansprache à la Klopp könne erst recht keine Rede sein. Hinter vorgehaltener Hand wird über Favre gesagt, er sei ein halbes Jahr ein toller Trainer für jede Mannschaft – und danach nur noch für eine solche, die sich von Platz acht oder zehn auf Platz drei oder vier verbessern möchten.

In Gladbach haben sie Favre lange nachgetrauert. Manager Max Eberl hätte Favre 2018 am liebsten selbst wieder geholt.

Einen Titel aber würde Favre nie gewinnen, weil seine Spielidee viel zu sehr auf angezogene Handbremse getrimmt sei. Selbst aussichtsreiche Angriffe würden oft nicht durchgezogen, wenn sie nicht zu hundertprozentigen Abschlusssituationen führten. Dass Dortmund trotzdem Tore schiesse, sei unvermeidlich, aber nur die Folge der individuellen Klasse von Spielern wie Marco Reus, Paco Alcácer, Mario Götze, Julian Brandt oder Axel Witsel.

Mit wuchtigem Pressing

Dass ein Trainer nicht zum Kader passt, ist schon anderen passiert – auch Klopp in Dortmund. Wenige Monate vor seinem Abschied 2015 lag er zur Saisonmitte auf dem letzten Platz. Mit demselben Kader wurde in der nächsten Saison Thomas Tuchel Zweiter. Und Mourinho badete in Manchester aus, dass sein Vorgänger Louis van Gaal bis zum letzten Tag das Kader zusammenkaufen durfte, ehe er dann doch entlassen wurde – und Mourinho sich dann mit etlichen Spielern arrangieren musste, die er für charakterschwach hielt.

Spektakuläres Spiel trotz 0:0 gegen Barcelona in der Champions League – aber eben nur ein Unentschieden. (Video: Teleclub)

In Gladbach haben sie Favre lange nachgetrauert. Manager Max Eberl hätte Favre 2018 am liebsten selbst wieder geholt, als Dortmund beim Schweizer zum Zuge kam. Ob Eberl Favre auch am Samstagabend noch nachtrauern wird, muss sich herausstellen. Immerhin haben sie in Dortmund die Hoffnung, dass Favres Spielweise gegen offensive, ambitionierte Gegner noch am besten funktioniert. Leverkusen etwa ging beim BVB 0:4 unter – gerade weil Bayer den Dortmundern eine wuchtige Pressing-Gangart aufgezwungen hatte. Vielleicht tun die Gladbacher ihrem Ex-Coach Favre ja einen ähnlichen Gefallen.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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Erstellt: 19.10.2019, 12:58 Uhr

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