Festtag für den Freigeist

Hannes W. Keller hat seit 2001 über 12 Millionen in den FC Winterthur gesteckt. Ein Sieg im Cup-Viertelfinal gegen St. Gallen wäre eine schöne Entschädigung.

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Offeriert wird ein Menu, wie es dem Chef des Hauses gefällt. «Chili con Carne gibts», ruft Hannes W. Keller durch sein Büro und strahlt allein bei der Vorstellung, wie das sein wird am Mittwoch, diesem Festtag. Wenn vor der Schützenwiese keine Tageskasse mehr geöffnet wird, weil erstmals in der Geschichte des Vereins alle 8500 Tickets im Vorverkauf abgesetzt wurden. Wenn Keller im Container, der als VIP-Zone dient, sich beim Essen auf den grossen Abend einstimmt. Und wenn er danach wie ein Fan auf der Haupttribüne steht, um seinen Winterthurern gegen St. Gallen im Cup-Viertelfinal zuzusehen.

Der soziale Auftrag

Der 73-jährige Keller ist Präsident, aber gerechter wird ihm der Titel des Patrons, der den FCW nach dem Prinzip lenkt: Er bringt das Geld, also entscheidet er, nur er. 2001 wars, ausgerechnet am 11. September, als er sich in dieses Amt wählen liess. Der Club litt damals, ihm drohte der Zusammenbruch - bis Keller auftauchte. Der neue Alleinaktionär schoss im ersten Jahr 400 000 Franken ein, fortan stiegen seine Subventionen pro Saison zeitweise um mehr als das Vierfache. In einem Jahrzehnt steckte er bereits rund 12 Millionen Franken in den FC Winterthur, und 2011/12 kommen 1,7 Millionen dazu. Als Gegenwert erhielt er weder einen Aufstieg noch einen Pokal, sondern nur ein paar emotionale Momente wie etwa jenes 4:2 gegen GC im Cup 2005 schon in der 2. Runde. Keller versichert trotzdem: «Mich reut kein einziger Franken, den ich ausgegeben habe. Ich verstehe mein Engagement als sozialen Auftrag.»

Er ist der erfolgreiche Unternehmer, der weltweit 400 Angestellte beschäftigt und nach eigenen Grundsätzen lebt. Erst seit drei Jahren besitzt er ein Prepaid-handy, hat aber erst 37 von ursprünglich 100 Franken Guthaben verbraucht. Er ist der Sozialdenker, der auf seinem Firmengelände für 300 000 Franken jährlich eine Kinderkrippe unterhält. Er ist der Freigeist, der temporeich erzählen kann, in seinem Eifer verschiedene Themen vermischt und mit einem breiten Lachen anmerkt: «Ich habe mich damit abgefunden, dass mich kein Mensch versteht.» Er ist der unermüdliche Rebell, der poltert, wenn er poltern will, der den Nachbarn von Schaffhausen oder Wil «Stumpfsinn» vorhält, weil sie sich mit ihren Stadionprojekten für sein Empfinden vom realistischen Denken entfernen. Er ist der Angriffslustige, der für die Swiss Football League nur ein Kopfschütteln übrig hat, wenn sie die Ligen kontinuierlich reduziert: «Das ist doch furchtbar!»

Und wenn Keller eingeflüstert wird, dass er in Winterthur Trainer Boro Kuzmanovic fortschicken müsse, um dem Verein ein Desaster zu ersparen, ist er die Instanz, die Kritiker in den Senkel stellt. Im letzten Oktober, als der Coach vor der Entlassung stand, bestellte der Präsident die drei wichtigsten Spieler zu sich und entschied danach: «Der Trainer bleibt!»

Seit dem Machtwort hat die Mannschaft keines ihrer zwölf Spiele mehr verloren und findet sich auf einmal in einer günstigen Position wieder, fünf Punkte Rückstand sind es nur noch auf den Barrageplatz. Aber nur schon der Begriff «Aufstieg» lässt Keller kurz laut werden: «Hören Sie mir damit auf!» Er hat darauf verzichtet, eine Lizenz für die Super League zu beantragen. Weil er den FC Winterthur als klassischen Challenge-League-Vertreter sieht. Sollten die Winterthurer die Überholspur indes nicht mehr verlassen und doch aufsteigen, würde das Keller keine schlaflose Nacht bereiten: «Dann werden wir mit der Lizenz schon eine Lösung finden.»

Ein Gruss nach St. Gallen

Zuerst erfreut er sich aber lieber am heutigen Mittwoch. Auf eine Prämiendiskussion hat er sich aber nicht eingelassen, das lehnt er ab. Als im Achtelfinal YB eliminiert war, überwies er jedem Spieler 1000 Franken. Der Einzug in die Halbfinals dürfte sich noch mehr lohnen: «Das machen wir ab, wenn es so weit ist.» Und was Keller verspricht, pflegt er einzuhalten. «Wir wissen genau, woran wir bei ihm sind», sagt Mittelfeldspieler Sven Lüscher. Und FCW-Geschäftsführer Andreas Mösli fügt an: «Üblicherweise drängt ein Präsident auf den Erfolg und auch in den Mittelpunkt. Keller ist das pure Gegenteil. Er lässt uns in Ruhe arbeiten.»

St. Gallen ist das mächtige Team der Liga, das als Favorit anreist. Aber das erschreckt Keller nicht. Bevor er an sein Chili con Carne denkt, schickt er einen Gruss ostwärts: «Der Gegner muss sich warm anziehen.» Support erhält er von Sven Lüscher: «Ich würde sagen, wir kommen weiter.» Es wäre für Keller ein Highlight. Und ein schönes Stück Entschädigung für seine Investitionen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.03.2012, 13:47 Uhr

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