«GC und der FCZ kommen wohl kaum um eine Fusion herum»

Sion-Präsident Christian Constantin zeigt auch mit fast 60 noch Emotionen wie eh und je. Und er macht sich Gedanken über die Zukunft der Super League.

Ein Mann der klaren Worte: Christian Constantin.

Ein Mann der klaren Worte: Christian Constantin. Bild: Keystone

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Im Untergeschoss des Hotels Porte d’Octodure in Martigny hat sich Denis Vipret eingemietet, ein bekannter Handaufleger. Um Kundschaft braucht er sich keine Sorgen zu machen: Es herrscht hoher Betrieb.

Der Weg zu Vipret führt vorbei am Architekturbüro, in dem der Chef nicht Hand auflegt, sondern redet. Christian Constantin, der auch den FC Sion präsidiert, ist in einer Sitzung, und die dauert. Der Interviewtermin verzögert sich, um eine halbe, eine ganze Stunde. Nach anderthalb Stunden erscheint der 59-Jährige, ein Foulard um den Hals geschwungen, das bis zu den Knie reicht, er stürmt in die zweite Etage hoch, lässt sich in seinem geräumigen Büro in ein gelbes Sofa fallen und sagt, als wäre er pünktlich dran: «Also, meine Herren, legen wir los.»

Félicitations.
Wofür?

Sie haben einen Rekord aufgestellt und sich um 90 Minuten verspätet.
Bon... (Er steht auf, sucht einen Abfalleimer, um zwei Kaffeebecher zu entsorgen. Es dauert wieder.) Bon, andiamo.

Denken Sie manchmal schon an den 7. Januar?
Pfff. Nein.

Sie werden dann 60. Haben Sie Angst vor dem Altwerden?
Was kann ich dagegen tun? Es gibt diesen Film mit Brad Pitt («Der seltsame Fall des Benjamin Button»), der als Greis zur Welt kommt und mit den Jahren immer jünger wird. Das wäre es doch... Aber nein, ich habe weder Angst noch Mühe, bald 60 Jahre alt zu sein. Ich darf zum Glück sagen, dass ich den wahren Reichtum des Lebens besitze: die Gesundheit. Ja, ich bin in richtig guter Form.

Wünschen Sie sich etwas?
Nein! Und wenn einer meint, er müsse für mich ein Fest organisieren, dann... kann er etwas erleben! (lacht laut)

Warum?
Ich habe keine Lust, mein Alter zu feiern. An diesem Tag werde ich vermutlich das Gleiche machen wie immer: arbeiten. Vielleicht werde ich mir ein, zwei grundsätzliche Fragen stellen.

Nämlich?
Zum Beispiel: Was will ich in den nächsten Jahren noch machen, was ich bis jetzt nicht schaffte? Was muss ich unbedingt noch gesehen haben? Wissen Sie, ich habe neulich Gilbert Facchinetti besucht, er ist 21 Jahre älter als ich, lebt in einem Altersheim. Mich erkennt er, aber manchmal kann er Leute, die ihn oft sehen, nicht zuordnen. Das zeigt mir, wie schnell es gehen kann: Er ist irgendwie hier und doch nicht da.

Fürchten Sie sich vor gesundheitlichen Beschwerden?
Nein, aber es macht mir bewusst, was Gesundheit bedeutet. Ich hoffe, dass es mir so gut geht wie meinem Vater. Er ist 85 und steht jeden Tag um 5 Uhr auf, um irgendetwas zu arbeiten.

Bereuen Sie nichts?
Wenn, dann sind das vernachlässigbare Kleinigkeiten. Zu schnell gefahren, das Billett einen Monat abgegeben... Das hätte nicht sein müssen. Aber das ist halb so schlimm.

Sie und altersmilde?
Man wird automatisch weniger impulsiv...

... das glauben Sie aber selber nicht.
Man lernt mit der Zeit, Dinge gelassener zu nehmen und zu akzeptieren, dass sich nicht alles ändern lässt. Man nervt sich nicht mehr über das Gleiche wie noch vor ein paar Jahren.

Aber Sie und die Schiedsrichter...
... ist doch lächerlich! Okay, das nervt mich immer noch, und es wird mich immer nerven. Das gebe ich zu.

Im März gingen Sie Sascha Amhof öffentlich und in üblem Stil an, weil er auf eine Schwalbe von YB-Stürmer Sulejmani im Spiel gegen Sion hereingefallen war. Bereuen Sie nicht einmal das?
Auch das war nichts als lachhaft.

Für Amhof aber sicher nicht.
Hören Sie, er brauchte eine Lektion.

Doch nicht so.
Er war schlecht.

Also...
... warten Sie, warten Sie! Wir haben das Territorium markiert, das streite ich nicht ab. Er hat mich bestraft wie der Schiedsrichter am vergangenen Sonntag – wieder gegen YB.

Noch einmal: Sie können ihn doch nicht in aller Öffentlichkeit diffamieren.
Für Sie mag er nichts Schlimmes getan haben, für mich aber schon. Ich kann mir nicht alles bieten lassen, und dann kann ich doch nicht sagen: Merci für deine Leistung. Wenn er mir nach dem Match sagt: Christian, sorry, ich habe es nicht gesehen, dann glaube ich ihm das, und die Geschichte ist vorbei. Aber er hat Monate gebraucht, bis er das zugeben konnte. Letzten Sonntag in Bern. Wir werden zweimal bestohlen und haben nun gleich viele Punkte wie YB statt sechs mehr. Trotzdem habe ich keinen Skandal daraus gemacht, weil Schiedsrichter San gleich nach dem Spiel erklärt hat, dass er zwei Fehler begangen hat. Aber Amhof... Ich fragte ihn damals: «Warum hast du das nicht gesehen? Antworte mir.» Es kam nichts.

Das gibt Ihnen trotzdem nicht das Recht, sich so zu benehmen.
Es war etwas heftig, dazu stehe ich. Nur, es hätte geholfen, wenn er sofort nach dem Spiel gesagt hätte, dass er die Schwalbe übersehen hatte.

Geholfen?
Klar, es hätte mich beruhigt. Wenn Ihnen ein Tiger gegenübersteht, müssen Sie doch schauen, dass er Sie nicht auffrisst. Also werfen Sie ihm ein Stück Fleisch hin, das lenkt ihn ab.

Sie sind der Einzige, der sich das Recht herausnimmt, so heftig und unsachlich zu reagieren.
Das ist doch normal, oder wird noch jemand so benachteiligt?

Dann erinnern wir Sie gern daran, dass Sion in Lausanne ein Tor geschenkt bekam.
Glauben Sie wirklich, dass wir nervös geworden wären? Wir hätten danach noch 75 Minuten Zeit gehabt, um aus dem 1:1 einen Sieg zu machen. Und das wäre uns gelungen. Ich stehe einfach für mein Recht ein. Und ich sage Ihnen, was ich verlange, wenn wir das nächste Mal bei YB antreten.

Was?
Sechs Schiedsrichter wie im Europacup. Es geht mittlerweile so schnell, dass ich das als einziges Mittel sehe, solange der Videobeweis nicht da ist. (Er atmet durch.) Wissen Sie, was ich falsch gemacht habe damals in Bern? Ich hätte meine Mannschaft vom Feld zitieren müssen. In der gleichen Zeit hätte der Schiedsrichter erfahren, dass er niemals hätte Penalty geben dürfen. Vielleicht kommt einmal der Moment, in dem ich sage: «Fertig, wir fahren nach Hause. So bringt das alles nichts.» Und dann bleibt der Schiedsrichter allein zurück.

Es gab genügend Spiele, in denen Sion einfach ein bisschen besser hätte spielen dürfen.
Darum geht es ja im Grundsatz. Ich sagte meinem Trainer Peter Zeidler nach dem 3:4 gegen YB: «Wir haben gut gespielt in Bern, okay. Wir waren aber in den Zweikämpfen zu wenig stark. Wir waren zu wenig effizient und zu wenig gut bei den stehenden Bällen.» Schön spielen, aber nichts dafür erhalten, das ist ungenügend. Das schmerzt.

Peter Zeidler hat sich in Bern fair verhalten und sich nicht über den Schiedsrichter beklagt.
Er fragte mich, ob er etwas sagen soll. Ich sagte ihm: «Lass es sein. Du hast einen sehr guten Ruf, beschädige den nicht.»

Gibt es im Leben irgendetwas, über das Sie sich so aufregen können wie im Fussball?
Nein, unmöglich.

Im Geschäftsalltag gibt es das auch nicht?
Praktisch nie, weil ich das beeinflussen kann, weil es eher beherrschbar ist.

Wie lange werden Sie noch arbeiten?
Ich setze mir keine Grenzen. Das ist meine Leidenschaft.

Sie wollen also weiter Geld scheffeln?
Bei meinen Ausgaben ist das nötig! Pro Monat kostet mich der FC Sion 400'000 bis 450'000 Franken, ich bezahle das aus dem eigenen Portemonnaie.

Das können Sie sich doch leisten bei einem Vermögen von rund 300 Millionen Franken.
Es ist nicht mein Antrieb, möglichst viel auf die Seite zu legen. Nein, ich brauche Geld, um das machen zu können, was ich gern mache. Und dazu gehört der Betrieb eines Fussballclubs.

Machen Sie sich manchmal Sorgen um Ihr Unternehmen? Dass Sie zu wenig Aufträge erhalten?
Ja, natürlich, aber Sorgen habe ich nicht allein. Angst müssen Sie haben, weil Sie in einem Beruf mit ungewissen Perspektiven daheim sind. Die Zukunft der Journalisten ist doch voller Fragezeichen. Das hat viel mit dem Internet zu tun und der fehlenden Strategie der Verlage. Die Presse hat heute nicht mehr die Stärke von einst. Und sie hat sich das selber zuzuschreiben.

Wie oft kam es schon vor, dass Sie Angestellte Ihres Architekturbüros entlassen mussten?
Ich habe von meinem Vater gelernt, dass ein Patron nie einen Angestellten zu einem Arbeitslosen macht. Dieser Verantwortung versuche ich nachzukommen. Wenn es Probleme gibt, bin ich in der Pflicht, Lösungen zu finden.

Dann haben die Leute, die in Ihrem Büro arbeiten, nichts zu befürchten.
Ich habe bis jetzt fünf, sechs Arbeitnehmer entlassen, darunter zwei, die ständig nur in den sozialen Netzwerken waren, statt sich den Projekten zu widmen.

Mit den Trainern waren Sie weniger geduldig...
... 22, 23, oder so... Und nicht alle sind heute unglücklich.

In der Super League ist der FC Basel seit Jahren unangefochten Meister, er hat jetzt bereits wieder 15 Punkte Vorsprung. Warum gibt es keinen Herausforderer?
In den ersten fünf Runden verloren wir viermal. Seither haben wir nur drei Punkte weniger geholt als der FCB, wobei man nicht behaupten kann, dass wir beim 3:4 in Bern deklassiert wurden. Was die aktuellen Stärkeverhältnisse angeht, werden wir am Sonntag in der Direktbegegnung gegen Basel Aufschluss erhalten.

Ist die Meisterschaft langweilig?
Mir stinkt die Situation! 15 Punkte Rückstand – das kann es nicht sein.

Was fehlt der Liga?
Derzeit ist die lebendigste Mannschaft der FC Sion.

Daneben gibt es viel Graues.
Und warum? Weil nicht mehr genügend Leidenschaft für den Fussball vorhanden ist. So nehme ich das jedenfalls wahr. In St. Gallen will Dölf Früh den Club verkaufen, man hört etwas von 20 Millionen Franken; bei YB wollen die Rihs-Brüder verkaufen, sie lieben den Radsport mehr als den Fussball; GC... möchte ständig verkaufen; Thun... sucht dauernd Geld; Luzern... immer unsicher. Lugano... Renzetti sucht ständig Partner in Italien.

Was sagt Ihnen das?
Wir erhalten zu wenig TV-Geld. 7 bis 8 Millionen Franken müssten es pro Club sein. Nächste Saison dürften wir 2,5 bis 3 Millionen dank des neuen Fernsehvertrags einnehmen. Was also braucht es in einer solchen Situation? Präsidenten, die mit Hingabe für ihren Club da sind. Aber wer ist bereit, 400 000 Franken oder noch mehr monatlich einzuschiessen?

Wer hat ausser Ihnen diese Hingabe?
Bernhard Heusler beim FC Basel – was nicht heisst, dass er selber investiert. Aber er führt den Verein mit Passion.

GC hat ein Budget von 20 Millionen und macht ein Defizit von 8 Millionen Franken. Erstaunt es Sie, dass dieser Club dauernd in Schieflage ist?
GC und der FCZ kommen wohl kaum um eine Fusion herum. Ein neues Stadion bauen, einen starken Club mit neuem Namen gründen – wenn jeder Club stur stehen bleibt, kommt der Fussball in Zürich nicht vorwärts.

Hätten Sie nicht Lust, ausserhalb des Wallis noch einmal etwas zu bewegen im Fussball?
Nein.

Liga- oder Verbandspräsident?
Mein Gott, hören Sie mir auf mit solchen Sachen! Ich mache nichts unter Fifa-Präsident... (lacht laut) Ich bin Walliser, und ich möchte mich hier einbringen, nirgendwo sonst. Jetzt arbeite ich neben dem Fussball daran, die Olympischen Spiele 2026 zu uns zu holen, weil sie eine riesige Chance für uns wären, für die Region, für das ganze Land. Wer kannte Sotschi, bis die Spiele dort stattfanden? Das kann bei uns den gleichen Effekt auslösen.

Treten Sie ab, wenn Sie mit der Kandidatur Erfolg haben?
Was heisst das? Dass ich dann aufhöre zu arbeiten? Und selber anfange zu trainieren, um eine Medaille zu holen?

Wieso nicht? Wir fragen uns allerdings: in welcher Sportart?
Patrouille des Glaciers. Das ist bis dann olympisch. Und ich hole die Medaille bei den über-65-Jährigen. (strahlt)

Das wäre dann der Moment, um eine Party zu feiern. Wenn es am 7. Januar schon keine gibt...
... gehts noch?

Christian Constantin, geboren am 7. Januar 1957, war in jungen Jahren Goalie – und getrieben von seinem Unternehmergeist. Er schaffte es in die Nationalliga A (Xamax, Lugano) und begann mit 22, ein Architekturunternehmen mit 60 Angestellten aufzubauen, das er in Martigny führt. 1992 übernahm er das Präsidium des FC Sion, mit dem er 1995 sowie 1996 Cupsieger wurde und 1997 gar das Double holte. Im gleichen Jahr aber trat er zurück: Der Club hatte den Einzug in die Champions League verpasst und sich Schulden aufgebürdet, die fast zum Konkurs führten. 2003 gab er sein Comeback als Präsident und verhinderte sogleich auf juristischem Weg die Zwangsrelegation Sions in die 1. Liga. 2011/12 hatte er wegen Verstössen gegen das internationale Transferreglement einen Abzug von 36 Punkte zu verantworten. Immerhin gewann er in seiner zweiten Amtszeit vier weitere Cuptitel: 2006, 2009, 2011 und 2015. Diesen August arbeitete er weiter an seinem Ruf des Trainerschrecks, als er Peter Zeidler für Didier Tholot holte. Es war sein insgesamt 43. Trainerwechsel. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 27.11.2016, 09:41 Uhr

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Super League

36. Runde

02.06.FC Basel 1893 - FC St. Gallen4 : 1
02.06.FC Lugano - FC Luzern0 : 1
02.06.FC Sion - Grasshopper Club1 : 1
02.06.FC Vaduz - FC Thun1 : 3
02.06.BSC Young Boys - FC Lausanne-Sport2 : 0
Stand: 02.06.2017 22:38

Rangliste

NameSpSUNG:EP
1.FC Basel 189336268292:3586
2.BSC Young Boys36209772:4469
3.FC Lugano361581352:6153
4.FC Sion361561560:5551
5.FC Luzern361481462:6650
6.FC Thun3611121358:6345
7.FC St. Gallen361181743:5741
8.Grasshopper Club361081847:6138
9.FC Lausanne-Sport36981951:6235
10.FC Vaduz36792045:7830
Stand: 02.06.2017 22:39

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