Gamen, um Fussballprofi zu werden

Junge Fussballer verdummen vor der Spielkonsole? Von wegen! Eine Studie beweist: Sie werden durch Videospiele sogar stärker. Viele Profivereine machen sich das bereits zunutze.

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Juniorenabteilungen bei grossen Vereinen wie Real Madrid oder Manchester United suchen immer neue Wege, um aus dem Nachwuchs die nächste Generation von Profifussballern zu formen. Eine Methode lässt nun aufhorchen. Die Aufgabe für die Junioren: Ballone abschiessen und Raumschiffe erobern.

Was auf den ersten Blick nichts mit Fussball zu tun hat, soll bei den jungen Spielern die Sinne schärfen. Videospiele könnten in Zukunft häufiger ins Auswahlverfahren und Trainingsprogramm des Nachwuchs aufgenommen werden. Die Methode findet bereits Anklang. PSV Eindhoven, AZ Alkmaar, Werder Bremen, der Hamburger SV und Celtic Glasgow sind Vereine, welche das kognitive Training bei Junioren getestet und angewendet haben.

Ein Konzept für Kampfpiloten und Sportler

Intelligym heisst das israelische Programm, welches das Spielverständnis bei Sportlern verbessern soll. Ursprünglich entwickelt für die Ausbildung von Kampfpiloten, fand das Konzept schnell den Weg in den Sport. Der Grund: Laut Danny Dankner, Geschäftsführer von Intelligym, ähneln sich Kampfpiloten und Teamsportler in kognitiver Hinsicht, vor allem wenn es um Entscheidungen unter Zeitdruck und Teamwork geht.

Bei Junioren im Eishockey und Basketball wird das Programm bereits seit Jahren genutzt. «Es sind keine Videospiele, es sind Tests», sagte Jurrit Sanders, Sportwissenschaftler bei PSV Eindhoven, zu der «New York Times». «Wir haben herausgefunden, dass Spieler, die schlecht bei den Videospielen abschneiden, dazu tendieren, den Verein später auf einem tieferen spielerischen Niveau zu verlassen.» Wenn sie besser bei den Tests abschnitten, dann seien sie später auf einem höheren Level.

Doch wie konnte ein Erfolg gemessen werden? Für eine Studie von Intelligym in Eindhoven musste eine Gruppe der Junioren 30 Minuten lang auf einem Computer Raumschiffe abschiessen. Teilweise waren sie unsichtbar oder versteckten sich hinter Wolken. Die Spielsituation veränderte sich dauernd – und forderte überdurchschnittlich. Die andere Gruppe befasste sich mit Videoclips von realen Fussballspielen und Spielanalysen. In der Folge trainierten beide Gruppen zusammen auf dem Rasen.

Antizipation und Spielverständnis werden beeinflusst

Der Vorgang wurde zehn Wochen lang wiederholt, die Trainings mit einem Analyse-System ausgewertet. Das Ergebnis: Die Gruppe, die sich mit Videospielen vorbereitete, schloss spielerisch stärker ab. Über längere Zeit verbesserten sich die Aufmerksamkeit, das Spielverständnis, Entscheidungsverfahren unter Druck und die Antizipation der Spieler. Zu beobachten war dies bei Bewegungen mit und ohne Ball sowie beim Umschaltspiel.

Auch die Junioren von AZ Alkmaar nahmen an der Studie teil. Die Ergebnisse fielen dort noch deutlicher aus. «Wir sehen in uns das Apple der Fussballindustrie», sagte Marijn Beuker von der Entwicklungsabteilung Alkmaar. Als Verein, der nicht Geld hat, um die besten Talente zu kaufen, müsse man sich halt selber entwickeln.

Doch hat die kognitive Vorbereitung wirklich Zukunft? Andere Experten sehen in den Videogames als mentales Sporttraining nur einen Placebo-Effekt. Zudem gab es bisher keine Ergebnisse im Spielbetrieb. Dennoch: Andere Clubs sind auf die Methode aufmerksam geworden. So haben laut Beuker bereits Real Madrid und Bayer Leverkusen Interesse am Programm gezeigt. Sie könnten die nächsten Vereine sein, die auf der Website von Intelligym unten als Referenz aufgeführt werden.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.03.2017, 11:48 Uhr

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