Ganz nach Hitzfelds Wunsch

Die Schweiz probt heute Abend gegen Jamaika das WM-Spiel gegen Honduras – und kann dabei auf die Mithilfe des Gegners zählen.

«Wir haben unglaublich intensiv trainiert»: Nationalcoach Ottmar Hitzfeld in Weggis, links Assistent Michel Pont. Foto: Reto Oeschger

«Wir haben unglaublich intensiv trainiert»: Nationalcoach Ottmar Hitzfeld in Weggis, links Assistent Michel Pont. Foto: Reto Oeschger

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Manchmal ist es von Vorteil, unter alten Bekannten zu sein. Da kommt man sich gern einmal entgegen, wie im Fall von Winfried Schäfer und Ottmar Hitzfeld. Sie kennen sich schon seit über vier Jahrzehnten, seit sie einmal, 1972, mit einer deutschen B-Auswahl in Winterthur spielten und sich das Zimmer teilten.

Viele Jahre später liefen sie sich als Trainer über den Weg, Hitzfeld war in Dortmund, Schäfer in Karlsruhe, und Schäfer, Übername «der wilde Winnie», hat aus all den Begegnungen gleich «die Jahrhundertschwalbe von Andy Möller» aus dem Frühjahr 1995 im Kopf: «Die brachte Dortmund den Titel.»

Jetzt sitzt Schäfer in Weggis auf dem Stuhl, auf dem später Hitzfeld Platz ­nehmen wird. Er ist hier, weil er heute Abend mit seiner Mannschaft von ­Jamaika gegen die Schweiz spielen wird. Und gibt den freundlichen Sparring­partner: «Ich hoffe, dass wir das rüberbringen, was Ottmar möchte: dass wir Honduras spielen.»

Schäfers nette Prognose

Honduras ist der letzte Gruppengegner der Schweiz am 25. Juni in Manaus. Darum lässt Schäfer seine Mannschaft heute nicht mit einer Dreier-, sondern mit einer Viererabwehr antreten. Das hat er Hitzfeld so versprochen, als er ihn vor der Pressekonferenz im Hotel getroffen hat. Nur eines kann er nicht bieten. Ihm fehlt der grosse, kräftige Stürmer, «der Bulle», wie er ihn nennt und wie ihn Honduras mit Carlo Costly (1,90 m) oder Diego Reyes (1,89 m) besitzt.

Auch sonst ist Schäfer ein ganz netter Gast. «Gratuliere für die Gegend», sagt er, «wunderschön hier.» Er lobt Hitzfeld für die «tolle Arbeit» mit der Schweiz. Sieht bei ihr 12, 13 Spieler von «europäischer Spitzenklasse». Und kommt zur Aussage, dass er nun zwar keinen Druck aufbauen möchte, «aber die Schweiz kann an der WM die nächste Runde erreichen und für Furore sorgen».

64 ist Schäfer inzwischen, die Mähne trägt er noch immer, nicht mehr in Blond, sondern eher in Weiss. An Jamaika reizt ihn viel, besonders die Arbeit. Für den Strand sei er ohnehin keiner, «nur schon wegen meiner Hautfarbe nicht». Seit knapp einem Jahr arbeitet er nun daran, eine Mannschaft aufzubauen, die 2018 an der WM teilnimmt. Er ist in der Karibik vielen freundlichen Menschen begegnet, aber auch einem Problem: Sie leben noch im Jahr 1998, in der Erinnerung an die bisher einzige WM-Teilnahme der «Reggae Boyz». Er rät ihnen darum: «Schaut mal auf den Kalender. Es ist 2014.»

Schäfer geht, Hitzfeld kommt, und der Ton wird geschäftsmässig. Hitzfeld ist auch nicht zum Vergnügen hier, sondern um seine letzte Mission als Trainer vorzubereiten. Er ist zufrieden, wie die Woche bisher gelaufen ist. Dass der eine oder andere Spieler über einen verhärteten Muskel klagt, nimmt er als Zeichen für die momentane Belastung: «Wir ­haben unglaublich intensiv trainiert, fünfmal in zweieinhalb Tagen.»

Das Krankenbulletin bietet für Hitzfeld keinen weiteren Anlass zu Besorgnis. Mario Gavranovic (Bänderdehnung am linken Knöchel) wird nächste Woche fit sein. Tranquillo Barnetta (Muskel­faserriss) kehrt am Wochenende zurück ins Training mit der Mannschaft. Steve von Bergen (Rücken) ist so weit auch wieder fit. Valon Behrami (Zehe) hat die Belastungen gut überstanden.

Inlers Lob für Hitzfeld

Danach erklärt Hitzfeld den internen Kampf um die Plätze. Vor vier Jahren in Südafrika war die Hierarchie so weit klar, dass er im Training eine A- gegen eine B-Mannschaft spielen liess. Jetzt sagt er: «Es gibt verschiedene Optionen und Varianten.» Und wenn er das macht, will er einen Konkurrenzkampf herbeireden. Dabei gibt es den in Realität nicht. Zu klar ist die Hierarchie. Daran ändert nichts, dass heute in Luzern Haris Seferovic an Stelle von Josip Drmic spielt und Blerim Dzemaili vielleicht für Gökhan Inler.

Hitzfeld hat gesagt, was er sagen wollte. Ein paar Etagen tiefer, im Erd­geschoss, wartet Captain Inler. «Im ­Moment ist alles positiv», meldet er, «die Mannschaft fühlt sich wohl, ich fühle mich pudelwohl.»

2007 war er schon dabei, als die Schweiz in Fort Lauderdale (Florida) das bisher einzige Mal auf Jamaika traf und 2:0 gewann. Er war damals der Junge, der sein erstes Tor erzielte. Heute ist er 30, er ist 71-facher Internationaler und ein Routinier, der bei Hitzfeld nach sechs gemeinsamen Jahren Veränderungen feststellt: «Er hat sich entwickelt, er ist lockerer drauf, er hat gelernt, mit Jungen umzugehen.» Hitzfeld freut das bestimmt.

Inler ist angespannt, die Trainings sind für ihn wichtig, das Spiel heute gegen Jamaika ohnehin. Er fordert: «Wir müssen die Winnermentalität in uns reinritzen.» Wie schmerzhaft das auch immer sein mag.

Erstellt: 30.05.2014, 03:03 Uhr

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